Sylvester Stallone hat sich zum sechsten und letzten Mal den Rocky Balboa vorgeknöpft, den legendären Boxer, der vor 30 Jahren für seinen kometenhaften Hollywood-Start verantwortlich war. Drei Oscars brachte der erste Rocky-Film ein und katapultierte seinen Star in die A-Liga, in der er Gagen von bis zu 20 Millionen Dollar kassieren konnte. Heute ist er 60 und einer der berühmtesten „HasBeens“. Man muss Stallone aber zugute halten, dass er eine der raren Hollywood-Größen ist, die vor Ehrlichkeit und Selbstreflexion nicht zurückscheuen. Jeder, der ihn persönlich kennen lernt, würde ihm gerne helfen, wieder zu Glanz und Glorie aufzusteigen. Ob sein Rocky-Schwanengesang das geeignete Vehikel für eine Stallone-Renaissance ist, wird sich zeigen. Aber selbst wenn man sich an Rocky satt gesehen haben mag, Sylvester Stallone ist noch nicht am Ende. Er arbeitet eifrig an neuen Drehbücher, hat Filmideen und das Zeug, so manchen Jüngeren aus dem Ring zu boxen. Wir wünschen es ihm.
Sie haben sich beinahe Unmenschliches mit Rocky Balboa vorgenommen: einen Live-Boxkampf gegen den früheren Leichtgewichtchampion Antonio Tarver, der Ihr Sohn sein könnte. Sind Sie damit nicht ein bisschen weit gegangen?
Unmenschliches? Ich sehe es nicht so, denn ich habe nichts dagegen, an meine Grenzen zu gehen. Schauen Sie sich die Natur an. Stellen Sie sich einen wilden Bullen in der Wildnis vor und einen Stier auf der Weide. Wenn die beiden gegeneinander kämpfen, wer wird gewinnen? Der wilde Bulle natürlich. Ich habe eine lange Durststrecke auf der Weide gehabt, ich musste wieder zurück in die Wildnis und kämpfen lernen. Nur so konnte ich gewinnen.
Wollen Sie Amerika noch einmal beweisen, dass alles möglich ist?
Es ist diesmal eher persönlich. Nur weil die Gesellschaft einen mit 60 abschreiben möchte, heißt das noch lange nicht, dass man wirklich zum alten Eisen gehört. Ich hatte meine Auf und Abs, aber ich habe mir meinen Optimismus bewahrt.
Ist Optimismus Ihr größter Luxus?
Nein. Mein größter Luxus ist meine Fighter-Mentalität. Ich falle aufs Gesicht, weil ich mich nicht in meiner Bequemlichkeit suhle. Es ist ein Luxus, das tun zu können.
Stellen Sie sich vor, Sie wären ein gewöhnlicher amerikanischer Kinogeher, der hört, dass ein neuer Rocky-Film auf den Markt kommt. Wären Sie enthusiastisch und wollten den Film unbedingt am Eröffnungstag sehen?
Ich würde wahrscheinlich auf Hollywood schimpfen und meinen, dass denen nichts mehr einfällt. Ich erwarte mir Skeptizismus, einige zynische Bemerkungen und Witze auf meine Kosten. Das stört mich nicht. Ich erwarte mir aber auch, dass die Leute, die den Film gesehen haben, überrascht waren, wie gut er ist. Und es weitersagen. Rocky Balboa ist viel besser, als die beiden vorhergegangenen.
Woran liegt das?
Bei Rocky IV ist mir etwas zu Kopf gestiegen, das gar nicht gut für mich war. Ich habe elektronische Musik statt Bill Contis Original-Oscar-Musik verwendet keine gute Idee und ich entschuldige mich bei der Welt auch noch für alle anderen Sünden in den beiden Filmen.
Glauben Sie, dass jener gewöhnliche amerikanische Kinogeher auch nur eine Minute glaubt, dass ein 60-Jähriger mit einem Boxer, der halb so alt ist wie er, in den Ring steigen kann, ohne getötet zu werden?
Wenn er den Film sieht, glaubt er’s, denn der Boxkampf ist nichts als Symbolismus. Man muss sich manchmal in eine unmögliche Situation begeben, damit man das wieder finden kann, was man verloren glaubte. Drum sagt ja Rocky: „Ich mache lieber etwas, das ich liebe, schlecht, als dass ich mich schlecht fühle, weil ich es nicht gemacht habe.“ Wahrscheinlich hätte ich Rocky Balboa vor zehn Jahren machen sollen, aber damals konnte ich nicht schreiben. Das kann ich erst wieder seit kurzer Zeit.
Was erhoffen Sie sich von Rocky Balboa?
Ich habe den Film nicht gemacht, um wieder als Schauspieler ins Filmgeschäft einzusteigen. Ich wollte zeigen, dass mit mir auch mit 60 zu rechnen ist. Ich habe mir einiges in den letzten 15 Jahren gefallen lassen müssen, niemand wollte mich. Jetzt bin ich wieder da und möchte meine neue Karriere anheizen. Ich möchte Regie führen, wie es sich für einen älteren Herrn gehört, Edgar Allen Poe verfilmen...
War Rocky ein Segen oder ein Fluch für Sie?
Beides. Ich konnte nichts dagegen machen, dass das Publikum mich nur als Rocky und Rambo sehen wollte. Ich habe immer gesagt, „Ich bin mehr als nur Rocky“, aber das wurde mir als Arroganz ausgelegt. Meine Kritiker haben recht gehabt. Ich bin nicht mehr als Rocky. Ich wäre schon froh, wenn ich halb der Mann wäre, der er ist. Rocky war eines der ehrlichsten Dinge, die ich in meinem Leben gemacht habe.
Werden Sie die Figur Rocky jetzt loslassen können?
Es wird ganz sicher keinen Rocky-Film mehr geben. Rocky loslassen? Schwer. Die Rocky-Sprache wird von Kindern und Politikern gleichermaßen verwendet, ich begegne Rocky überall. Er ist eine Figur wie Mario Puzos Pate Don Corleone oder George Lucas' Darth Vader. Er braucht mich nicht mehr, er hat sein eigenes Leben. Die Frage ist nur, ob ich ihn auch nicht mehr brauche. Und die Antwort ist natürlich, dass ich ihn brauche. Mein innerer Rocky ist die Kraft, die mich treibt, und dafür bin ich dankbar.60-Jähriger mit einem Boxer, der halb so alt ist wie er, in den Ring steigen kann, ohne getötet zu werden?
Wenn er den Film sieht, glaubt er’s, denn der Boxkampf ist nichts als Symbolismus. Man muss sich manchmal in eine unmögliche Situation begeben, damit man das wieder finden kann, was man verloren glaubte. Drum sagt ja Rocky: „Ich mache lieber etwas, das ich liebe, schlecht, als dass ich mich schlecht fühle, weil ich es nicht gemacht habe.“ Wahrscheinlich hätte ich Rocky Balboa vor zehn Jahren machen sollen, aber damals konnte ich nicht schreiben. Das kann ich erst wieder seit kurzer Zeit.