SAND IM GETRIEBE
Mit seinem Regiedebüt Michael Clayton schafft Tony Gilroy nicht nur einen spannenden Wirtschaftskrimi über Globalisierungsparanoia, sondern auch eine subtile Reflexion menschlicher Schwachheit.
Text ~ Alexandra Seitz
Drei Pferde, die in der Morgenröte auf einer Anhöhe stehen, retten Michael Clayton das Leben. Weil er stehen bleibt, aus seinem Auto steigt und sich ihnen nähert, um ihnen in die Augen zu schauen. Weil er in der wortlosen Begegnung mit dem anderen Geschöpf, das mit demselben Recht auf dieser Erde steht wie er, eine Offenbarung hat: Es geht nicht ums Geld. Ging es nie. Also geht es um Haltung und Moral und Aufrichtigkeit und darum, wie schwierig es ist, das Richtige zu tun.
Zuvor, zu Beginn des Films MICHAEL CLAYTON, Regiedebüt des Drehbuchautors Tony Gilroy, erzählt eine Stimme aus dem Off gleichfalls von einer plötzlichen Erkenntnis, während der Blick der Kamera durch eine leere Büroetage gleitet. Schreibtische, Neonlampen, synthetischer Teppichboden, spiegelnde Oberflächen, nächtliche Lichter; Anonymität, Sterilität, die Möglichkeit, Verantwortung solange hin und her zu schieben, bis sie keiner mehr hat und niemand mehr sie findet. Das Labyrinth, in dem die Moral verloren geht. Weggezaubert von Männern in Anzügen, den Illusionisten der großen Konzerne. Schwarzkünstlern des Kapitals. Anwälten. Der Anfall von Logorrhoe setzt sich unterdessen mit unverminderter Verve fort. Unaufhörlich strömen die Sätze, schildern aufgeregt und begeistert eine Befreiung, die man noch nicht einordnen kann.
Der unbekannte, unsichtbare Sprecher ist Arthur Edens, Prozessbevollmächtigter der großen New Yorker Anwaltskanzlei Kenner, Bach & Ledeen, bei der auch Michael Clayton angestellt ist. Edens war damit befasst, eine drei Milliarden Dollar schwere Sammelklage von Farmern aus Wisconsin gegen das Chemieunternehmen U/North abzuwenden, als er im Zuge einer Zeugenbefragung einen spektakulären Nervenzusammenbruch erlitt. Er entledigte sich seiner Kleider, redete wirres Zeug und sprang anschließend nackt auf der Straße herum. Ein Desaster. Eine PR-Katastrophe. Also beauftragt der Chef der Kanzlei Clayton damit, die Sache in Ordnung und den wild gewordenen Kollegen wieder zur Vernunft zu bringen.
Doch nicht nur für die Kanzlei, auch für die Leiterin der Rechtsabteilung von U/North, Karen Crowder, steht mit Edens Paukenschlag alles auf dem Spiel. Crowder sieht die Profite der von ihr vertretenen Firma bedroht, vor allem aber ihre eigene Karriere. Umso mehr, als ihr klar wird, dass das inkriminierte Pflanzenschutzmittel tatsächlich für Todesfälle verantwortlich ist. Im Gegensatz zu Edens jedoch versucht sie nicht, die Seiten zu wechseln und ihre moralische Integrität zu retten. Sie ist das wohl dressierte Geschöpf eines Konzernpatriarchen, und sie reagiert mit der selbstgefälligen Konsequenz jener Handlanger, deren Nähe zur Macht sie die Realität nur noch verzerrt wahrnehmen lässt. Wenn es ums Geld geht, verliert ein Menschenleben rasch an Wert. Als Crowder Auftragskiller losschickt, ist ihr der Schrecken über sich selbst dennoch anzusehen.
Michael Clayton wiederum, für den diese ganze Angelegenheit zum Prüfstein wird, entstammt einer Familie irischer Einwanderer, traditionsgemäß Polizisten. Clayton war Bezirksstaatsanwalt, bevor er in der New Yorker Kanzlei der Mann für die kniffligen, diskreten Operationen hinter den Kulissen wurde. Er ist ein fixer, zuständig dafür, dreckige Wäsche der Klienten verschwinden zu lassen, bevor diese in aller Öffentlichkeit gewaschen werden kann. Er selbst bezeichnet sich als janitor, als Hausmeister. Clayton ist geschieden und hat einen Sohn. Er spielt und hat, nachdem sein Bruder mit einem Restaurant Pleite ging, 75.000 Dollar Schulden. Hausmeisterliche Resignation frisst sich bereits durch seine eleganten Anzüge.
BELASTUNGSPROBEN
Zu Beginn ist es nur ein unbehagliches Gefühl. Irgendwo verborgen, hinten, unten, im Schatten, in einer Ecke. Hinter jener Tür, die sich in jenen Raum öffnet, in den all das geworfen wird, was verdrängt werden muss. Ein vergessener Kerker. Vielleicht ist es zu voll geworden in jenem Raum? Vielleicht platzte er eines Tages aus allen Nähten? Und all die unrühmlichen Taten und Schlechtigkeiten, all das Geschehenlassen und Stillhalten und Verschweigen traten heraus und schlichen wie Gift zurück ins Bewusstsein. Und nun hat Michael Clayton dieses unbehagliche Gefühl. Und in seinem Gesicht ist zu sehen, dass er nicht weiß, was er mit dem Gefühl anfangen soll. Mit der Reue über die Sünden, die wiedergekehrt sind. Man hat ihm eine Rechnung überreicht. Sie quält ihn und macht ihn ratlos. Wie es ist, kann es nicht bleiben. Doch wie es anders werden soll, das kann er sich nicht vorstellen. Der sprichwörtliche Tritt in den Hintern, der Clayton in Bewegung bringt, ist eine Explosion sie macht aus ihm „Shiva, the God of Death“, und die Rache ist sein und fürchterlich.
Doch um die Rache der Opfer von Profitmaximierungsstrategien geht es in MICHAEL CLAYTON nur am Rande, sie bildet vielmehr die hoffnungsvolle Koda eines Films, in dem das Charakterdrama und der Wirtschaftskrimi auf ziemlich einmalige Weise ineinander fließen. Tony Gilroy, den meisten als Autor der Drehbücher zur BOURNE-Trilogie ein Begriff, erzählt virtuos und inszeniert elegant, er schafft mit MICHAEL CLAYTON zugleich einen spannenden Genrefilm und eine subtile Reflexion menschlicher Schwachheit. Den grundlegenden Konflikt zwischen dem Einzelnen und der Großmacht, hier repräsentiert durch einen global operierenden Konzern und eine riesige Anwaltskanzlei „Law Firm“ lautet die amerikanische Bezeichnung: Gesetzes-Firma, so als ließe sich Gerechtigkeit herstellen wie in einer Fabrik , entwirft er nicht als Kampf zwischen Gut und Böse mit absehbarem Ausgang. Nicht der differenzierte Charakter trifft auf die anonyme Macht, sondern Rädchen im Getriebe, die scheinbar bewusstlos gut funktionieren, werden einer Belastungsprobe unterzogen. Schon springt das erste Rädchen heraus, schon läuft das nächste etwas unrund, ein drittes müht sich noch, die Ausfälle zu kompensieren doch knirschend kommt die große Maschine zum Stillstand, Teilchen spuckend. Plötzlich ist sie wieder da, die von wirtschaftlichen Interessen in Verhandlungssälen zum Verschwinden gebrachte Verantwortung, und sie sucht sich ihre Träger. Und während die einen unter ihrer Last zusammenbrechen, schultern die anderen sie mit einem Gefühl der Befreiung. Jeder Einzelne hat Entscheidungsgewalt darüber, ob er ein Körnchen Sand oder ein Tropfen Öl sein will.
Freilich braucht es starke Schauspieler, wenn diese Rückbindung des korrupten Systems an seine menschlichen Ursachen funktionieren soll. Würde man den Figuren nicht glauben, dass sie sich ihr Leben eigentlich anders vorgestellt hatten und dummerweise nicht einmal mehr wissen, wieso es dann ganz anders kam, MICHAEL CLAYTON bliebe ein gut gemeinter Beitrag zur Globalisierungsparanoia und brächte einen ansonsten auch nicht weiter. Doch Gilroy konnte Tom Wilkinson und Tilda Swinton für die Rollen Edens respektive Crowders gewinnen, Sydney Pollack produzierte und spielt den Kanzlei-Chef, und George Clooney übernahm nicht nur die Titelrolle, sondern koproduzierte mit seinem langjährigen Partner Steven Soderbergh. Gemeinsam pumpen sie heißes Blut durch eisige Strukturen und lassen Risse entstehen, in denen Wahrheit sichtbar wird. Wilkinson als manisch-depressiver Anwalt in Gewissensnöten, so dringlich entschlossen, endlich einmal das Richtige zu tun; Swinton als Karrierefrau am Rande des Nervenzusammenbruchs, ein einziger bröckelnder Panzer, ständiger Reparatur bedürftig; Pollack als abgebrühter Kanzlei-Chef, nicht mal mehr zynisch, nur noch blind. Und Clooney, der differenziert die abblätternde Fassade, den waidwunden Jäger und den verschütteten anständigen Charakter in Einklang bringt.
Und: Drei Pferde auf einer Anhöhe, die den Blick nicht abwenden, als auf der Suche nach einem Ausweg ein Verirrter zu ihnen kommt.
MICHAEL CLAYTON
Thriller, USA 2007
Regie, Drehbuch Tony Gilroy Kamera Robert Elswit
Schnitt John Gilroy
Musik James Newton Howard
Produktionsdesign Kevin Thompson
Kostüm Sarah Edwards
Mit George Clooney, Tom Wilkinson,
Tilda Swinton, Sydney Pollack,
Michael O’ Keefe
Verleih Constantin Film,
115 Minuten
Kinostart 29. Februar
www.michaelclayton.film.de