„Kleiner Zappeljude“

Text ~ Roman Urbaner

Mit Hitlers Machtergreifung waren schlagartig auch alle Filme Charlie Chaplins aus den deutschen Kinos verschwunden. Ein einziges Mal noch bekam ihn das Publikum auf der Leinwand zu Gesicht: in einer Sequenz des antisemitischen Hetzfilms Der ewige Jude von 1940. Schon seit jeher hatte es Goebbels’ Propagandafabrik auf ihn abgesehen. „Juden sehen dich an“ hieß etwa der berüchtigte Bildband, in dem die Nazis 1933 die hässliche Fratze des „Weltjudentums“ vorführen wollten – und aus dem einem auch Charlie Chaplin entgegenblickt, präsentiert als „widerwärtiger kleiner Zappeljude“.

Allerdings: Chaplin war kein Jude. Und er war nicht der Einzige, dem die Nazis einfach einen jüdischen Stammbaum andichteten, weil er ihnen nicht in den Kram passte. Doch in seinem Fall hat sich die Fama von der verheimlichten Herkunft besonders hartnäckig gehalten. Nicht zuletzt, weil sich Chaplin – überzeugt, dass ein Dementi nur den Antisemiten in die Hände gespielt hätte – beharrlich weigerte, die Gerüchte zu korrigieren. Statt sich zu distanzieren, schlüpfte er 1940 in Der große Diktator sogar in die legendär gewordene Rolle des jüdischen Friseurs.

Das Bild von Chaplin als Jude saß fest; so fest, dass die jüdische Philosophin Hannah Arendt in ihm sogar die Gallionsfigur einer verborgenen jüdischen Tradition erblickte. In ihrem 1944 im Exil erschienenen Essay „The Jew as Pariah: The Hidden Tradition“ feiert sie Chaplin als beispielgebende Verkörperung eines Judentums, das seine Position als Außenseiter bewusst annimmt und sich solcherart selbst transzendiere: „In diesen Filmen“, schrieb sie, „erzeugte das unpopulärste Volk der Welt die populärste Figur der Zeit.“ Dabei ging Arendt freilich nicht einfach den NS-Lügen auf den Leim. Schon als Chaplins erste Filme nach Osteuropa gelangten, hatte das jüdische Publikum im kleinen Tramp die aus der jiddischen Literatur bekannte Figur des „kleinen menschele“ wiedererkannt. In einer Novelle von 1915 ließ etwa Scholem Alejchem seine Figuren darüber schwadronieren, ob Chaplin denn nun Jude sei oder nicht. Für sie war Chaplin einer von ihnen: der kleine Mann aus dem Schtetl, der sich mit Stock, Hut und argloser List durchs Leben schlägt.

1927 bestätigte schließlich ein Eintrag im „Jüdischen Lexikon“, dass Chaplin aus einer aus Osteuropa emigrierten jüdischen Familie namens Thonstein stamme. Die „Biographical Encyclopedia of American Jews“ griff diese Angaben 1935 auf und fügte neue Details hinzu; und diese landeten wiederum in der hebräischen „Encyclopedia Klallit“. Ein Irrtum, der sich so über Etappen bis in die Gegenwart – bis in das 2000 herausgegebene „Neue Lexikon des Judentums“ – fortsetzt. Auch das FBI führte übrigens den als „Kommunistenfreund“ bespitzelten Charles Spencer Chaplin als „Israel Thonstein“. Als einziges „besonderes Kennzeichen“ war in den Akten verzeichnet: „Spricht mit jüdischem Akzent.“


Hannah Arendt: Die verborgene Tradition. Essays, Jüdischer Verlag/Suhrkamp, Frankfurt/M. 2006
Liliane Weissberg: Hannah Arendt, Charlie Chaplin und die verborgene jüdische Tradition, Leykam, Graz 2009