Lost Weekends

Zen oder die Kunst, Wintersport im Fernsehen zu betrachten.

Text ~ Sebastian Hofer

Voraussagen haben die unangenehme Eigenschaft, sich hin und wieder auch einmal als Irrtum zu erweisen. Das wissen Sportreporter so gut wie „ray“-Kolumnisten, trotzdem versuchen beide Berufsgruppen immer wieder ihr Glück, sei es mit Medaillenprognosen, Blockbuster-Orakeln oder dieser Prophezeiung hier: Anlässlich der Olympischen Winterspiele 2010 (12. bis 28. Februar, Vancouver, Kanada) wird es an zwangsoriginellen Hinweisen auf die Geilheit des Curling-Sports ganz bestimmt nicht mangeln. Schließlich gehören solche pseudoironischen Pseudobekenntnisse zum Standardrepertoire des zeitgenössischen Zynikers; sie signalisieren Abgeklärtheit, Distinktionsfähigkeit und sollen außerdem verdeutlichen, dass im Grunde alles lächerlich ist, wenn man an den Wintersport denkt. Ist es natürlich nicht. Selbst im Curling nicht, auch wenn es für den urbanen Zyniker wahrscheinlich so aussieht. Gewiss: Dem Schneebesensport mangelt es nicht an einer gewissen Grundschrulligkeit, die man auch als Charme begreifen könnte. Der eigentliche Reiz von im Fernsehen konsumiertem Wintersport liegt aber ohnehin woanders. Und er heißt nicht Rainer Pariasek.

Der offensiv propere ORF-Moderator laboriert ja leider nach wie vor an einem alten, bereits für überwunden geglaubten Leiden, das man penetranten Chauvinismus nennen könnte oder vorauseilenden Stumpfsinn, und das sich in lautstarker Kumpanei mit dem ganz offensichtlich für deppert gehaltenen Publikum äußert. Das ist ärgerlich, spielt aber zum Glück keine wesentliche Rolle mehr. Insgesamt hat sich die ORF-Berichterstattung über derlei schulterklopferisches Kleinhäuslertum nämlich längst hinausentwickelt. Man hat offenbar begriffen, dass nicht das öd patriotische „Mirsanmir“ beziehungsweise „Mirsanbesser“ den TV-Wintersport zum Erfolgsprogramm macht, sondern vielmehr der eigentümliche Flow, der an einem mit Damenslalom, Biathlonstaffel, Nordischer Kombination und Skifliegen vertrödelten Samstagnachmittag entsteht. Denn TV-Wintersport funktioniert nicht häppchenweise, TV-Wintersport braucht Zeit, am besten ein komplettes Wochenende, noch besser: einen kompletten Februar. (Diesbezüglich verfügen Curlingisten übrigens über einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Ihr olympisches Turnier erstreckt sich über volle elf Wettbewerbstage.) Umso begrüßenswerter, dass der ORF noch den geringsten Randsportevent zum Anlass für stur monothematische Quali-/Wettkampf-/Analyse-Dauerschleifen nimmt. Denn tatsächlich ragt der TV-Wintersport als ganz eigentümliches Geschöpf aus dem Programmbrei, als ein Unikat mit tatsächlich eigenartigen Eigenschaften: Wie kein anderes Programm eignet er sich gleichermaßen für die totale emotionale Involviertheit wie für die gänzlich gefühl- und interesselose Nebenbeibetrachtung, ja noch viel mehr: Er oszilliert beharrlich zwischen diesen Polen, weil er einem die Sinnlosigkeit echter Begeisterung über derart Nichtiges gleichermaßen verdeutlicht wie versüßt. Meditation bei gleichzeitiger Triebabfuhr, explosive Wurschtigkeit, lauwarm brennendes Feuer – so etwas gibt es sonst nirgends, jedenfalls nicht im Fernsehen. Anderswo nennt man das Zen und sucht es in überteuerten Seminaren oder auf dem Landweg nach Indien. Passivwintersportler zappen auf ORF 1, das Nirwana des kleinen Mannes. Hier wie da gilt: Dabeisein ist alles.