PROTOKOLL NR. 44

„Konservenmusik und Plastik-Shit“
Fabian Burstein sieht fern. Auf der Couch zu Gast: Harri Stojka.

Ein Blick ins Archiv zeigt: Im TV-Protokoll wurde schon lange nicht mehr herzhaft geschimpft. Höchste Zeit, das zu ändern. Mittwoch, 13. Jänner 2010. Was Harri Stojka und mich zusammenführt, ist ein waschechter „clash of the cultures“: „Deutschland sucht den Superstar“ trifft auf Jazz in Reinkultur, internationaler Plastikpop auf Wiener Underground. Harri Stojka ist mit Musikerkollege Mosa Sisic gekommen – der wiederum ist bekennender Trash-TV-Fan und soll die Salven ein wenig entschärfen. Noch bevor DSDS losgeht, steckt Harri Stojka seinen Kosmos ab: „Ich hasse Fernsehen. Eine öde Zeitverschwendung, absolute Verblödung. Wenn man wenigstens Fellini oder Theater oder so was sehen könnte. Aber diesen Blödsinn …“ Mosa Sisic lässt hingegen mit einem ungewöhnlichen Bekenntnis aufhorchen: „Wenn ich Violine übe, schaue ich zu 80 Prozent fern – alte Hollywood-Filme, Sport, Gerichtssendungen.“ Mein ungläubiges Nachfragen quittiert Stojka mit einer trockenen Reminiszenz: „Ich hab’ das früher auch immer gemacht … bei den depperten Talkshows … heutzutage kann ich die Gesichter und diese blöden Leute nicht mehr sehen ...“

Die Signation von DSDS beendet das feindselige Vorgeplänkel und katapultiert uns direkt in die Welt des Dieter Bohlen, wo musikalisch minderbegabte Kids gerne mal fäkalaffin (für jedes „Scheiße“ gibt’s einen wohltätigen Euro) zur Sau gemacht werden. Mosa Sisic bevorzugt eine positive Perspektive: „Ich finde das super. Die Kinder sind glücklich, weil sie eine Chance kriegen. Die können dort viel lernen…“ Ein Statement, das Harri Stojka aus seiner fernsehbedingten Apathie reißt. „Du bist viel zu tolerant mit diesen Trotteln. Das Ganze sollte heißen: ‚Talente, die die Welt nicht braucht.‘ Die haben alle diesen Starmania-Gesangsstil … alles gleich … Konservenmusik und Plastik-Shit.“ Das Vorführen der talentfreien Superstar­-Aspiranten treibt die Gipsy-Legende noch mehr auf die Palme: „Das sind Menschen mit Gefühlen. Bei diesem Superstar-Wahnsinn geht es nur darum, die Leut’ Meier zu machen. Und das Publikum geilt sich auf, an dem Unglück. Das macht mich krank. Das ist moralisch einfach verwerflich.“

Harri Stojka sinkt erschöpft in die Couch zurück und zieht an seiner Zigarette. Die Stimmung ist im Keller. Zeit für einen Vorstoß. Wäre es nicht denkbar, dass Harri Stojka – hätte es so etwas wie DSDS vor 40 Jahren gegeben – auch vor eine Casting-Jury getreten wäre? Fassungslosigkeit. „Da hätte mich mein Cousin, der Karl Ratzer, umgebracht. Der hat immer schon den Unterschied zwischen ernsthafter Musik und kompletter Idiotie gekannt.“ Bereits bei der ersten Werbeunterbrechung ist Harri Stojka sichtlich gezeichnet. „Fabian, du verdonnerst mich da etwas anzuschauen, das ist ein Wahnsinn. Nicht einmal wenn man mir was zahlt, würde ich mir das normalerweise geben.“ Also habe ich Erbarmen und drehe ab. Offenbar genau zum richtigen Zeitpunkt, denn, so Stojka: „Am liebsten würde ich den Fernseher aus dem Fenster hauen.“

Das Album „in between“ von Mosa Sisic & Harri Stojka ist bei Pate Records erschienen