TÖDLICHES KOMMANDO / THE HURT LOCKER
Kriegsfilm, USA 2008
Regie
Kathryn Bigelow
Drehbuch Mark Boal
Kamera Barry Ackroyd
Schnitt Chris Innis, Bob Murawski
Musik Marco Beltrami, Buck Sanders
Production Design Karl Juliusson
Kostüm Georg L. Little
Mit Jeremy Renner, Anthony Mackie, Brian Geraghty, Guy Pearce, Ralph Fiennes, David Morse
Verleih Constantin Film, 131 Minuten
Kinostart 11. März
www.thehurtlocker-movie.com

 

 

 



„Krieg funktioniert wie eine Fabrik,
die existenzielle Erfahrungen produziert“

Kompromisslos ist Kathryn Bigelow nicht nur auf der Leinwand. Ähnlich unerbittlich ist die 57-jährige Regisseurin, wenn es um die Wahl ihrer Filmprojekte geht. Hat sie sich jedoch einmal für einen Stoff entschieden, kann man davon ausgehen, dass ihrer grundlegenden Begeisterung für Männerwelten ebenso wie für die ungeahnte Poesie und Dynamik des Actionkinos keinerlei Grenzen gesetzt sind – wie einst bei ihrem modernen Vampirfilm Near Dark (1987) oder solch virtuos inszenierten Trillern wie Point Break (1991) und Strange Days (1995). Nach zwei leider viel zu wenig beachteten Filmen (The Weight of Water und K19) und fast sieben Jahren Leinwandabstinenz kommt ihr neuer Film nun auch hierzulande in die Kinos. The Hurt Locker beruht auf den Erfahrungen des Journalisten Mark Boal, der 2004 eine der EOD-Einheiten („Explosive Ordnance Disposal“) in Bagdad begleitete, die unter ständiger Lebensgefahr tagtäglich den Auftrag haben, hochexplosive Ladungen und Bomben zu orten und zu entschärfen. In präzisen, beinahe körperlich spürbaren Bildern erzählt Bigelow aus der Perspektive dreier solcher Elitesoldaten vom Alltag des Krieges, wie ihn Boal zunächst in Reportagen niedergeschrieben und anschließend im Drehbuch zu The Hurt Locker verarbeitet hat, und macht damit gleichzeitig die Faszination jenes Ausnahmezustands ein Stück greifbarer, der für die Bombenentschärfer zur gefährlichen Routine geworden ist. Mit The Hurt Locker wagt sich Kathryn Bigelow nicht nur auf eigentümliche, mitunter umstrittene Weise an das Thema Irak, sondern bietet mit Jeremy Renner in der Hauptrolle des Staff Sergeant William James zudem eine der beachtlichsten Schauspielerentdeckungen des Jahres auf. ray bat die Regisseurin und ihren Drehbuchautor zum Gespräch.

Interview ~ Pamela Jahn

Ihr Film vermittelt dem Zuschauer ein sehr eindringliches Gefühl, dabei zu sein und die Gefahren zu spüren, denen die Männer des Bombenräumkommandos tagtäglich ausgesetzt sind. Wie schwierig war es für Sie als erprobte Actionregisseurin, den Film so zu verwirklichen, dass er einem derart unter die Haut geht?

Kathryn Bigelow: Es war eine Herausforderung, keine Frage, vor allem eine logistische Herausforderung angesichts des umfassenden Materials, das uns basierend auf Marks Erfahrungen als embedded journalist in Bagdad 2004 zur Verfügung stand. Aber allein die Möglichkeit zu haben, mit so starkem Material aus erster Hand zu arbeiten, Material, das wirklich unglaublich ergiebig, aber gleichzeitig auch sehr abstrakt ist für die meisten Menschen, und das Ganze dann schrittweise zu enthüllen und mit einem Höchstmaß an Genauigkeit zu vermitteln, das war in erster Linie einfach unheimlich spannend und eine ganz neue Erfahrung für mich.

War Ihnen relativ schnell klar, wie Sie den Stoff für die Leinwand umsetzen wollten, welchen Stil, welche Ästhetik der Film haben solte?

Kathryn Bigelow: Das ergab sich ganz selbstverständlich aus den Gesprächen mit Mark und unserem Wunsch, den reportageartigen Charakter zu bewahren. Ich wollte als Filmemacherin quasi einen Schritt zur Seite treten und stattdessen der Unmittelbarkeit und Intensität des Stoffes mehr Raum geben, ohne die Bilder allzu „filmisch“ wirken zu lassen. Die zentrale Frage war für mich von Anfang an: Wie schaffe ich es, die Zuschauer in die Position der Soldaten bzw. des Journalisten zu versetzen, ihre Perspektive einzunehmen? Ich wollte das Geschehen so erfahrbar wie möglich machen. Eine ganz wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Geografie des Films. Damit meine ich, dass es mir vor allem darum ging, dem Zuschauer in jeder Szene eine genaue Orientierung zu geben und jederzeit den Sinn für Räumlichkeit bestehen zu lassen. Das Elite-Kommando muss ein Gebiet im Umkreis von zirka 300 Metern absichern. Dann macht sich der Soldat im Schutzanzug auf den sogenannten „einsamen Weg“ in Richtung des Sprengkörpers. In dem Moment steht der Krieg für ihn still, er hat keine Ahnung worauf er da zuläuft, es gibt keinen Spielraum für Fehler. Das allein ist ein qualvoll dramatisches Szenario, das kaum einer zusätzlichen filmischen Ausschmückung bedarf.

The Hurt Locker suggeriert, dass es den Bombenentschärfern nicht nur darum geht, einen hervorragenden Job zu machen, sondern sie zu einem gewissen Grad auch süchtig sind nach dem Spiel mit der Gefahr und dem Tod. „Krieg ist eine Droge“, heißt es in einem Zitat, das Sie dem Film voranstellen. Warum begibt sich ein Mensch klaren Verstandes in diesen Wahnsinn?

Mark Boal: Der Film zeigt ja verschiedene Charaktere, aber wir wollten damit schon auch vor Augen führen, dass Kampfeinsätze eben nicht nur eine schrecklich grausame Erfahrung sind, sondern für manche Soldaten auch etwas sehr Anziehendes an sich haben. Sie brauchen den Adrenalinkick und Krieg funktioniert in diesem Sinne wie eine Fabrik, die riesige, existenzielle Erfahrungen für jene Menschen produziert. Ich denke, das ist ein wichtiger Aspekt des Films, aber dennoch keine allgemeingültige Erklärung dafür, warum jemand diesen Beruf wählt. Es gibt, wie gesagt, auch andere Charaktere mit ganz unterschiedlichen Motiven und Motivationen, manche sind ziemlich egoistisch, manche völlig selbstlos, für manche geht es nur darum, die Tage durchzustehen und wieder nach Hause zu kommen, und für andere geht es eben um die tagtägliche Herausforderung und die Todesangst, sie suchen die Gefahr. Ich denke, man sollte sich da vor Verallgemeinerungen hüten, aber heute haben wir eben keine Wehrplichtigen mehr, sondern eine Freiwilligenarmee und uns interessierte die Psyche dieser Männer und ihr Beweggründe, sich freiwillig diesen hochriskanten Job anzutun – das ist eine Lebenswahl, keine Berufswahl.

Sie zeigen den Alltag des Krieges im Irak, die Unmöglichkeit der amerikanischen Soldaten, wirklich etwas zu erreichen, allerdings verzichten Sie dabei bewusst auf Thesen oder Stellungnahmen zum Konflikt.

Kathryn Bigelow: Mir ging es darum, die menschliche Seite in den Vordergrund zu stellen, auf den einzelnen Menschen schauen und genau hinschauen, wie er mit der extremen, unglaublich gefährlichen Situation umgeht. Ich sehe meinen Protagonisten mehr als einen unparteiischen Kriegsteilnehmer, wissen Sie, er ist kein Demokrat und auch kein Republikaner. Andererseits,haben wir es natürlich mit einem hochgradig politisierten Konflikt zu tun, ganz gleich auf welcher Seite man steht. Für mich persönlich habe ich aber schon etwas erreicht, wenn sich die Leute, die den Film sehen, daran erinnert fühlen, dass es eben in diesem Augenblick Männer und Frauen gibt, die sich im Schutzanzug auf jenen „einsamen Weg“ begeben, dass sie da draußen ihr Leben riskieren, ob man es nun für richtig oder falsch hält, dass sie dort sind.

Sie haben in Jordanien gedreht, unweit der Grenze zum Irak.

Kathryn Bigelow: Ja, ich wollte so nah wie möglich an das Kriegsgebiet, und ich hätte auf jeden Fall auch im Irak gedreht, wenn man mir die Erlaubnis gegeben hätte. Einmal waren wir so dicht an der Grenze, dass unser Kameramann, Barry Ackroyd, und ich es einfach versuchen wollten, rüberzukommen und schließlich doch direkt vor Ort zu drehen. Mit dem Auto wären es nicht einmal 30 Minuten Fahrt gewesen, aber unser Sicherheitsteam hat natürlich sofort Alarm geschlagen und so war die Diskussion ziemlich schnell beendet. (Lacht).

Mit welchen Problemen hatten Sie am Set am meisten zu kämpfen?

Kathryn Bigelow: Am schlimmsten war die Hitze, die hat uns allen unheimlich zu schaffen gemacht. Das Licht schmerzte in den Augen, trotz dicker Sonnenbrille. Besonders anstrengend war es allerdings für Jeremy. Der Schutzanzug, den er im Film trägt, ist natürlich echt. Er besteht aus Kevlar mit eingesetzten Keramikplatten und wiegt etliche Kilo. Ihn darin durch den Drehtag zu bringen, war schon eine Aufgabe für sich.

Sie setzen Schauspieler in The Hurt Locker auf ganz interessante Weise ein: Die Auftritte von Guy Pearce und Ralph Fiennes sind sehr kurz, aber wirkungsvoll, und der Rest der Besetzung besteht aus relativ unbekannten, aber exzellenten Schauspielern – allen voran Jeremy Renner in der Rolle des Staff Sergeant James.

Kathryn Bigelow: Jeremy hat wirklich großes Talent. Ich wollte unbedingt neue, unentdeckte Talente, auch weil ich denke, dass dies den Spannungsfaktor noch mal verstärkt. Jedes unbekannte Gesicht erhöht das Gefühl der Unsicherheit und Unberechenbarkeit und es ging uns vor allem ja auch darum, diese wahnsinnige Unberechenbarkeit in jeder gegebenen Situation widerzuspiegeln. Ich hoffe, dass das im Film auch so rüberkommt, aber ich glaube, die Zuschauer nähern sich einem Schauspieler mit einer gewissen Erwartungshaltung und man denkt vielleicht „Oh, na gut, es wird sicher gleich ein bisschen gefährlich, aber der überlebt schon.“ Wenn sie diese Sicherheit aber dadurch ausschließen, indem sie ein unbekanntes Gesicht, einen unbekannten Schauspieler sehen, dann verstärkt das ungemein die Spannung.

Das Gefühl mittendrin zu sein ergibt sich nicht nur aus den Bildern – auch die Tongestaltung ist beeindruckend.

Kathryn Bigelow: Der Ton war für uns beide von Anfang an entscheidend. Wir trafen unseren Sound-Designer, Paul Ottosson, bevor wir zu den Dreharbeiten aufbrachen und uns allen war klar, dass Ton in vielerlei Hinsicht eine größere Rolle einnehmen würde als etwa die Filmmusik. Musik wiederholt sich, sie ist von Natur aus rhythmisch, und Rhythmus, selbst asymmetrischer Rhythmus, kreiert ein bestimmtes Schema. Aber ein derartiges Muster nimmt die Spannung ebenso wie ein bekanntes Gesicht, und ich wollte den Ton genauso intensiv und voll rüberbringen wie die Bilder. Ton und Bild sollten quasi eine organische Einheit bilden.

Gibt es Pläne für eine erneute Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Mark Boal?

Kathryn Bigelow: Ja, wir arbeiten tatsächlich an einem neuen Stoff, den Mark gerade schreibt. Das Ganze spielt in Südamerika am berühmten Drei-Länder-Dreieck, wo sich die Grenzen Argentiniens, Paraguays und Brasiliens berühren. Das ist eine ziemlich gesetzlose Gegend und bietet potenziell ein hervorragendes Umfeld für Drama und Action.

Werden Sie auch hier den visuellen Stil von The Hurt Locker übernehmen?

Kathryn Bigelow: Wenn es das Material erneut zulässt, auf jeden Fall. Ich muss sagen, mir gefällt diese Ästhetik sehr, weil sie Film erfahrbar macht. Das ist die große Stärke des Mediums. Mit Film lässt sich eine fast vorbewusste psychologische Reaktion erzeugen, und ich finde es unheimlich faszinierend, die Zuschauer in eine Situation zu versetzen, in die sie sich selbst nie hineinwagen würden.

Worin unterschieden sich die Dreharbeiten für die Actionsequenzen in The Hurt Locker von denen ihrer früheren Filme, etwa Point Break oder K19?

Kathryn Bigelow: Die bedeutendsten Unterschiede hier waren die Realität und die Verantwortung. Ich habe mich bei diesem Film vom ersten Tag an schrecklich verantwortlich gefühlt, weil wir einen Krieg „kopieren“, der weiter hochaktuell und noch im Gang ist. Das war etwas völlig anderes für mich im Gegensatz zu den rein fiktionalen Actionhandlungen, die bisher immer entweder erfinderisch, fantastisch oder auch historisch waren. Ich hatte bis jetzt nicht den Luxus, mit Berichten und Information aus erster Hand zu arbeiten und jemanden wie Mark an der Seite zu haben, wenn es darum geht, die einzelnen Szenen und Einstellungen bis ins kleinste Detail unverfälscht zu choreografieren – das ist schon toll. Ich glaube, wenn mehr Journalisten zum Film wechseln würden, wäre das auf jeden Fall ein Gewinn fürs Kino.


IM KÖRPER DES FEINDES

Die US-Amerikanerin Kathryn Bigelow hat nach mehr als fünf Jahren wieder einen Film gedreht, und zwar ausgerechnet über den Krieg im Irak. Mit The Hurt Locker ist sie dort angekommen, wo sich das US-Militär bereits befindet: in der Defensive.

Text ~ Michael Pekler

Nach wie vor wird gerne behauptet, dass das Publikum eine „realistische“ Sicht auf den Krieg wolle. Dass das Kino doch Bilder liefern solle, die von der Wahrheit des Krieges erzählen. Damit ihn sich, in Anlehnung an Carl Sandburg, zwar alle gut vorstellen können, aber niemand hingehen muss. „Sometime they’ll give a war and nobody will come“ – aber eben nicht im Kino. Dort sehen wir dann quälendes Sterben im Artilleriefeuer am Omaha Beach oder in den Häuserschluchten von Mogadischu. Erfolgreiche und weniger erfolgreiche Reinszenierungen von erfolgreichen oder gescheiterten Militärinterventionen, wobei das Scheitern hier buchstäblich zur Ansichtssache wird. Stichwort Authentizität: Immerhin, so ist gerade zu lesen, hat auch Lynndie England nach eigener Aussage noch 800 unveröffentlichte Fotos aus Abu Ghraib bei sich zu Hause. Vielleicht sind sie bei Erscheinen dieses Artikels schon an den Meistbietenden verkauft.

Es besteht also durchaus Bedarf – und wenig überraschend scheint dieser noch zu wachsen. Wie hinlänglich bekannt, drehte Hollywood etwa während des Vietnamkriegs keinen einzigen Film über den Krieg in Südostasien. Mit Ausnahme von John Waynes reaktionärem THE GREEN BERETS blieb die filmische Berichterstattung dokumentarischen Arbeiten von tatsächlichen Einzelkämpfern wie Joris Ivens (DER SIEBZEHNTE BREITENGRAD) oder Emile de Antonio (IN THE YEAR OF THE PIG) vorbehalten.

Ein anderer Allgemeinplatz besagt jedoch, dass seit Vietnam noch nie so viele Filme über einen Krieg gedreht wurden wie über jenen, der gerade im Irak im Gange ist. Noch während die Zahl der Opfer täglich steigt, müht sich eine bereits erkleckliche Anzahl an Filmen an der „richtigen“ Sicht auf Heimkehrer (IN THE VALLEY OF ELAH, GRACE IS GONE) und – nach den Folterbildern aus Abu Ghraib – an diversen Kriegsverbrechen der Army ab (REDACTED, BATTLE OF HADITHA). Diese Filme reagieren nicht nur unmittelbar aufeinander, sondern werden auch gleich gemeinsam vermarktet, was mitunter zu eigenartigen Kreuzungen führt. So kann man auf der DVD des in Österreich nie gestarteten Redacted von Brian De Palma über die Vergewaltigung einer 15-jährigen Irakerin und Ermordung ihrer Familie durch US-Soldaten den Trailer zu Nick Broomfields BATTLE OF HADITHA sehen – und spätestens wenn De Palma dann in seine auf einem wahren Fall beruhende Fake-Doku eine wirklich falsche französische Dokumentation einflicht, ist das Konglomerat aus Werbung, Propaganda, wahren Begebenheiten und falschen Bildern perfekt.

Dieser Wandel der Bilder im Vergleich zu Vietnam hat natürlich mit der öffentlichen Wahrnehmung der Kriegsschauplätze zu tun, und mit der damit einhergehenden Veränderung der Kriegsberichterstattung seit den Siebziger Jahren. Es gibt aber auch noch eine andere Erklärung: Der Krieg im Irak ist gar keiner.

Könige und Ignoranten

Wann immer in den letzten Jahren über die so genannten neuen Kriege berichtet und geschrieben wurde, war eines ihrer zentralen Charakteristika ihre Unübersichtlichkeit. Mit Unübersichtlichkeit war dabei stets nicht nur die Ununterscheidbarkeit von Freund und Feind gemeint, sondern auch das Unwissen darüber, ob nun ein Krieg eigentlich noch im Gange ist oder nicht. Denn neue Kriege werden nicht mehr erklärt und deshalb auch nicht beendet. Der „Are we shooting?“ brüllende Mark Wahlberg am Beginn von THREE KINGS konnte in dieser Hinsicht tatsächlich als prototypischer neuer Soldat interpretiert werden: Statt eines feindlichen Heeres sichtet er eine einsame Figur auf einer Sanddüne, und weil er nicht weiß, ob die US-Truppen im Irak nun eigentlich schießen (dürfen) oder nicht, drückt er zur Sicherheit den Abzug. Im schlimmsten Fall geht der Kollateralschaden in die
Statistik ein.

Aus David O. Russells egoistischen „drei Königen“ im Zweiten Golfkrieg, die erst im Laufe ihrer Suche nach irakischem Gold ihre Menschlichkeit entdecken, ist zehn Jahre später in Kathryn Bigelows THE HURT LOCKER eine Einheit geworden, die den Feind entweder nicht einmal mehr zu Gesicht bekommt oder sich – noch schlimmer – von ihm bei der Arbeit zusehen lassen muss: Die Elitesoldaten James, Sanborn und Eldridge müssen in Bagdad Bomben entschärfen. Wenn das Räumkommando zu seinen Bestimmungsorten gerufen wird, sind die Straßen und Plätze meist menschenleer. Ob sie schießen sollen oder nicht, interessiert die drei allerdings nicht mehr im Geringsten, die Frage lautet vielmehr, ob sie selbst aus dem Hinterhalt beschossen werden. „Caution – Stay 100 Meters Back Or You Will Be Shot“ steht in riesigen Buchstaben auf einem ihr Panzerfahrzeug schmückenden Schild.

In diesem Sinn kann THE HURT LOCKER als konsequente Umkehrung des „Search & Destroy“-Prinzips gelesen werden: Auf den Straßen von Bagdad gilt es nicht mehr, sich wie in Mogadischu aus Black Hawks abzuseilen, den Feind gefangen zu nehmen und möglichst schnell wieder zu verschwinden, sondern sich buchstäblich Platz zu schaffen. Wie ein Astronaut auf einem fremden Planeten stapft James, verpackt in einen dicken Schutzanzug, langsam zu den Bomben, die sich von Mal zu Mal an einem anderen Ort befinden. „I wanna die comfortable“, meint er, wenn er sich – mit einer besonders raffiniert konstruierten Autobombe konfrontiert – seines Schutzanzugs entledigt. Wenn schon sterben, dann wenigstens ohne Firlefanz. Mit THE HURT LOCKER ist der US-Kriegsfilm dort angekommen, wo sich sein Militär bereits befindet – in der absoluten Defensive.

Mit diesem Szenario der permanenten Gefährdung schließt Bigelow nun zwar an erwähnte Genrebeiträge (aber auch an Sam Mendes’ JARHEAD) an, verweigert jedoch bezeichnenderweise im Gegensatz zu diesen eine klar erkennbare politische Botschaft respektive Haltung – welcher Art auch immer. Der Kriegsalltag, so Bigelow und ihr Autor Mark Boal, selbst einige Zeit als embedded journalist im Irak, solle so dargestellt werden, wie er ist – aus der Sicht des einfachen Soldaten, der nur seine Arbeit tut. Wobei The Hurt Locker jedoch absichtlich übersieht, dass es den „einfachen“ Soldaten gar nicht mehr gibt – schon gar nicht in Bagdad beim Bomben entschärfen. Zwar wird die Truppe tatsächlich nicht müde, sich gegenseitig zu erklären, dass sie hier nur ihren Job tut, doch ein Job ist eben das, was getan werden muss, und das ist für einen Berufssoldaten immerhin schon eine Rechtfertigung für einen Auslandsaufenthalt. In THE HURT LOCKER muss jeder seine ganz bestimmte Aufgabe erfüllen, innerhalb des Teams und zum Schutz desselben gegenüber dem potenziellen Feind.

Die Spannungen innerhalb des Elite-Kommandos ergeben sich denn auch nicht wie im klassischen Kriegsfilm aufgrund ethischer oder sozialer Unterschiede, sondern durch Missachtung dieser Regeln. Als Staff Sergeant James, der nach dem Tod seines Vorgängers neu zum Team gestoßen ist, einmal sein Headphone in den Straßenstaub wirft, weil er die ständigen Aufforderungen der Kollegen zur Eile nicht mehr hören will, bezahlt er diese Disziplinlosigkeit trotz Erfolges mit einem Schlag ins Gesicht. Unter Profis hat spätestens seit Ridley Scotts Black HAWK DOWN eine die Einheit gefährdende Ignoranz nichts verloren.

Dirty Eyes

THE HURT LOCKER ist ein Stationendrama, in dem jeder Bombenfund eine neue Arena bedeutet. Die Gefahr lauert überall, auf offener Straße, in verfallenen Gebäuden, an oder sogar in den Körpern des Feindes. Überall haben die modernen Gladiatoren, die die Auswirkungen der Politik buchstäblich wegräumen müssen, sich zu bewähren und dabei auch psychologisch weiterzuentwickeln. Dabei überrascht Bigelows Blick auf sie mit ungeahnter Dynamik. Ein hin und wieder eingeblendeter Countdown („Days Left in Bravo’s Company Rotation“) suggeriert, dass man mit jedem überlebten Tag dem Ziel einen Schritt näher gekommen sei, während gerade die falschen Schritte es sind, die hier den Tod bedeuten. Und die Wartezeiten zwischen den Einsätzen sind es wiederum, die zeigen, weshalb ein derartiger Krieg nicht gewonnen werden kann. Dazwischen surreal anmutende Bilder: eine hinkende Katze oder die Großaufnahme eines Auges, das nicht zu zwinkern wagt.

Im Grunde nimmt sich THE HURT LOCKER wie eine verfilmte These aus, die der Politikwissenschafter Herfried Münkler anhand des umgestellten „David-Goliath-Prinzips“ beschreibt: Gerade die Funktionalisierung der Medien bewirke, dass es für die Planer eines neuen Krieges nahe liegend, wenn nicht sogar notwendig sei, sich in der Rolle des David zu inszenieren, das heißt, die eigene Verletzbarkeit durchaus bewusst herauszustellen. (Passenderweise hat Drehbuchautor Mark Boal auch die Vorlage für IN THE VALLEY OF ELAH geliefert, dessen Titel sich auf jenes Tal bezieht, in dem David Goliath besiegt haben soll.) Und hier offenbart THE HURT LOCKER bei aller oder eben aufgrund seiner handwerklichen Perfektion sein wohl größtes Dilemma: Der „Gemeinheit“ des Gegners, sprich in diesem Fall der Terroristen, die auf „schmutzige“ Weise kämpfen, steht ein heldenhafter Abwehrkampf gegenüber, der seine Protagonisten wie auf einem Präsentierteller zur Schau stellt. Von allen psychologischen und moralischen Selbstzweifeln bleiben bei Bigelow am Ende ein unter der Dusche in Uniform zusammensackender Soldat und ein unbeantworteter Telefonanruf in der Heimat. Wenn am Ende einer der Heimkehrer vor meterhohen Walmart-Regalen steht und vom kommerziellen Angebot überwältigt ist, ist dieses Bild so leer wie die Gänge des Einkaufstempels. Weil es genauso
falsch ist.

Die zu Hause das Telefon abheben sollen, so könnte man formulieren, sind wir Zuschauer. Denn in der Tat richtet sich diese potenzielle Verletzbarkeit in der Folge an uns: Bigelow, die sich bei der Premiere des Films vergangenes Jahr in Venedig natürlich für den möglichst raschen Abzug der US-Truppen aussprach, stellt den omnipräsenten Bildern von Flüchtlingen, weinenden Frauen und getöteten Kinder solche einer potenziell verwundbaren US-Einheit gegenüber, deren Einsätze mitunter auch von feindlichen Videokameras aus der Ferne aufgezeichnet werden. Er wolle nicht, dass man demnächst auf YouTube sehen könne, wie hier sein Körper gleich zerfetzt wird, schreit einer der Soldaten: „We got a lot of eyes on us. We need to get out of here.“ Und richtet damit gleich ein allgemeines Statement an die Nation.