Text ~ Alexandra Seitz
Tut harmlos, ist aber ziemlich schlau, könnte also auch eine Ziege sein: The Men Who Stare at Goats.
Männer, die auf Ziegen starren. – Gemeint sind nicht Hirten, die ihren Ziegen beim Wiederkäuen zuschauen, Flöte spielen und sich die Plauze besonnen lassen. Gemeint sind progressive Angehörige des US-Militärs, deren perfides Vorhaben die Tötung fraglicher Vierbeiner durch intensiven Blickkontakt ist. Man könnte natürlich auch die Kanone zur Hand nehmen, oder den Granatwerfer. Man könnte mit einem Luftschlag ganze Ziegenherden auslöschen. Aber irgendwie erscheint das in den schwer psychedelischen Siebziger Jahren mit all dem Flower Power und dem LSD und dem Gras – nein, nicht dem Ziegen-Gras, dem anderen – nicht mehr so richtig zeitgemäß. Schon gar nicht in Anbetracht all der bitteren Erfahrungen, die man in Vietnam machte. Es muss doch auch andere Möglichkeiten geben, einen Krieg zu führen (und zu gewinnen)!
So dachte man und gründete 1978 kurzerhand das so genannte First Earth Battalion, das eben diese neuen Möglichkeiten der Kriegsführung erforschen sollte: paranormal, psychologisch, alternativ, möglicherweise sogar ohne physische Gewaltanwendung. Denn wäre es nicht praktisch, wenn der G.I. ohne viel Federlesens und Hilfsmittel durch Wände gehen, in die weite Ferne sehen, sich unsichtbar machen oder eben Gegner durch Anstarren töten könnte? Wenn man auf all das Heroin verzichten könnte, mit dem die Angehörigen der Truppe sich zwar den Dschungel erträglich spritzen, aber eben auch allmählich den Verstand verlieren? Wenn der technologisch Entfremdete zurückfände zu einem ganzheitlichen Selbstverständnis? Wenn aus dem Soldaten wieder ein Krieger würde?
„Mehr hiervon ist wahr, als Sie glauben würden“, steht am Beginn von The Men Who Stare at Goats, Grant Heslovs wertvollem Beitrag zum sträflich vernachlässigten Genre der Militärsatire. Und in der Tat schüttelt man gleich bei der ersten Szene, in der Brigadegeneral Dean Hopgood sich beim Versuch, nach nebenan zu gehen, eine blutige Nase holt, den Kopf und möchte alles weitere ins Reich der wilden Fantasie eines Drehbuchautors verbannen. Doch wie so oft: So verrückt kann es gar nicht sein, dass es nicht auch wahr sein könnte. Daher beruht Peter Straughans Drehbuch zu The Men Who Stare at Goats nicht auf seinen Drogenerfahrungen, sondern auf dem wohlrecherchierten gleichnamigen Sachbuch des britischen Reporters Jon Ronson.
Es empfiehlt sich dennoch, von den Tatsachen, auf denen dieser Film beruht, in der Möglichkeitsform zu sprechen. Denn da das Militär bekanntlich ein notorisch geheimniskrämerischer, klandestiner und paranoider Haufen ist – der im vorliegenden Fall noch dazu Gefahr läuft, sich in nie gekannter Dimension der Lächerlichkeit preiszugeben –, heißt es natürlich in jedem von Zeitzeugen zum Thema geäußerten Satz „angeblich“ und „vermutlich“ und „möglicherweise“ und „wird behauptet“ und „gerüchteweise“ und so weiter. Was im einzelnen jeweils stimmt, ist aber sowieso gar nicht so wichtig, denn die Ergebnisse und Folgen der damaligen Forschungsprojekte lassen sich heute an Orten wie Abu Ghraib und Guantanamo besichtigen. Nur heißt es jetzt statt „Project Jedi“ „Psy Ops“ (psychological operations). Genau hier hört es auch auf, komisch zu sein. Und überhaupt, vielleicht war es von Anfang an nicht so witzig gemeint?
Määäh!
Bob Wilton (Ewan McGregor), Lokalreporter in einer Kleinstadt, wird von seiner Frau verlassen und sucht eine neue Herausforderung: Er will Kriegsberichterstatter werden (und mit diesem Beweis von Männlichkeit und Mut die Verlorene möglicherweise zurückgewinnen). Da trifft es sich, dass die USA kürzlich erst in den Irak einmarschiert sind, um dort Massenvernichtungswaffen zu suchen. Allerdings bleibt Wilton zunächst in Kuwait am Hotelpool hängen, weil er keine Einreisegenehmigung dorthin erhält, wo die Action ist. Er lernt einen Mann namens Lyn Cassady (George Clooney) kennen, der sich herausstellt als „der beste PSI-Krieger aller Zeiten“, einer der talentiertesten Jedis der New Earth Army (so wird das Battalion im Film genannt), von deren Existenz Wilton kurz zuvor erst rein zufällig erfahren hatte. Natürlich hat er es da nicht geglaubt. Cassady jedenfalls ist auf einer ominösen Geheimmission, die er selbst nicht genau beschreiben kann – er habe eben so eine Ahnung, sagt er, und müsse in die irakische Wüste. Wilton, eine Story witternd, schließt sich an. Unterwegs ans unbekannte Ziel erzählt Cassady Wilton die Geschichte der New-Age-Krieger, zeigt ihm, wie man Wolken zum Platzen bringt und macht ihn mit der Anwendung eines fiesen Plastikdings namens Predator Defender vertraut. Die beiden treffen auf Einheimische und geraten in besatzungsübliche Turbulenzen, aus denen ein Schusswechsel zwischen zwei privaten US-Sicherheitsfirmen an einer Tankstelle als absurder Höhepunkt herausragt.
MÄNNER, DIE AUF ZIEGEN STARREN /
THE MEN WHO STARE AT GOATS
Satire, USA/GB 2009
Regie Grant Heslov
Drehbuch Peter Straughan, basierend
auf dem Buch von Jon Ronson
Kamera Robert Elswit
Schnitt Tatiana S. Riegel
Musik Rolfe Kent
Production Design Sharon Seymour
Kostüm Louise Frogley
Mit George Clooney, Ewan McGregor, Jeff Bridges, Kevin Spacey, Stephen Lang, Robert Patrick
Verleih Luna Film, 94 Minuten
Kinostart 5. März
www.ziegen.kinowelt.de