Entschleunigtes Sehen

Die 35. Duisburger Filmwoche überzeugte mit qualitativen Dokumentarfilmen, die Jugendreihe doxs! ging gut etabliert ins
zehnte Jahr.

 

Migrationsbewegungen, Prozessionsrituale, Globalisierungsfallen, (auto)biografische Perspektiven: Mit dem Motto „Stoffe“ bekannte sich das renommierte Festival des deutschsprachigen Dokumentarfilms zu einer wesentlichen Zielsetzung des Dokumentarischen. Österreich war mit sieben Filmen prominent vertreten, die Hälfte der 25 Wettbewerbsbeiträge stammte von Frauen.

Fremd,
der Debütfilm der Kamerafrau Miriam Fassbender, lässt den Betrachter die Festung Europa durch die Geschichte zweier afrikanischer Migranten erleben. Ein „Roadmovie“, das den beiden sowohl die Kamera als auch die Möglichkeit zur Reflexion gibt, das Warten auf die Einreise, die Hoffnungen trotz Scheitern verdeutlicht. Regisseurin Bettina Braun begleitet seit Jahren drei Kölner Jugendliche muslimischer Herkunft mit der Kamera. Wo stehst du?, der dritte Film dieser Langzeitbeobachtung, bringt nicht nur Einblicke in eine schwierige Integration zwischen Elternerwartungen, Religionsvorschriften und Berufswünschen, sondern besitzt durch die darstellerischen Talente der drei auch Unterhaltungswert. Im Off zu hören: eine klug ausbalancierte Autorinnen-Figur.

Für eine überraschende Dichte an katholischen Themen sorgten drei Festivalfilme: Neben Jörg Adolphs Die Große Passion zu den Oberammergauer Passionsfestspielen lässt Joerg Burgers Way of Passion die Trance einer sizilianischen Karfreitagsprozession miterleben. Romuald Karmakar widmet sich in Die Herde des Herrn dem Fanatismus der Gläubigen am Petersplatz sowie Pilgern, die im Stechschritt zum Geburtshaus Joseph Ratzingers marschieren.

Der 3sat-Dokumentarfilmpreis ging an den Schweizer Film Carte Blanche von Heidi Specogna, der anhand des Verfahrens am internationalen Strafgerichtshof den 2002 in Zentralafrika verübten systematischen Vergewaltigungen durch Soldaten aus dem Kongo nachgeht. Den Arte-Doku-Preis erhielt Bernd Schochs formal-ästhetisch überzeugender Musikfilm Aber das Wort Hund bellt ja nicht über das Schlippenbach-Trio. Ein Geschenk ans Publikum: Die Protokolle aus 35 Jahren Diskussions- und Streitkultur des Festivals zum Download.

Gudrun Sommer, die Leiterin von doxs!, der Dokumentarfilmreihe für Kinder und Jugendliche, wählte mit Bedacht auf inhaltliche und formale Vielfalt 20 Produktionen aus Europa aus. Griechische Mädchen-Fussballerinnen kämpfen um einen Spielplatz, argentinische Straßenkinder um Freundschaft zum Überleben, ein Mädchen mit Tourette-Syndrom um Verständnis, Flüchtlings-Teenager in Finnland mit ihren Gefühlen zwischen Religionen und Vorurteilen.

Wohlverdient der italienische Gewinner der erstmals verliehenen “Großen Klappe”: Solo andata, il viaggo di un Tuareg / One Way, a Tuareg Journey von Fabio Caramaschi. Aus der Perspektive des 13-jährigen Sidi, der den Film auch mitgestaltet hat, erleben wir die Kinder einer Tuareg-Familie in Norditalien zwischen ihrer Faszination mit der Großstadt und der Sehnsucht nach dem Nomadenleben in Nigeria. Die Duisburger Filmwoche ist eine Wohltat an Entschleunigung und ermöglicht konzentriertes Schauen und Diskutieren fernab der üblichen Festivalhektik und Vermarktungsorientierung.



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