„Erobert den Film!“

Meshrabpom-Film und Prometheus (1921–1936) auf dem Filmfestival Berlin

 

Eine deutsch-russische Filmunternehmung, in der politischer Auftrag und filmisches Erzählen, gesellschaftliche Verantwortung und massenwirksame, populäre Unterhaltung eine Symbiose eingingen, kommt im Programm der Retrospektive der Internationalen Filmfestspiele Berlin zur Vorführung. Beispiele einer bedeutenden Periode der Filmgeschichte sind zu besichtigen.

Am Anfang dieser Filme stand der Hunger – und nicht der nach Bildern. 1921 begann ein junger Kommunist, sich von Berlin aus mit der „Internationalen Arbeiterhilfe“ (IAH; russisch: Meschrabpom) für die Organisation der Lebensmittel- und Spendensammlung zu engagieren, die den Hunderttausenden von Opfern der Hungersnot an der Wolga zugutekommen sollte: Willi Münzenberg hatte sich Wladimir Iljitsch Lenin, den er aus dem Schweizer Exil kannte, als Verbindungsmann in Deutschland empfohlen. Mit dem frühen Einsatz von Filmdokumenten warb man um Sympathie für die junge Sowjetmacht. Parallel zu diesem Akt internationaler Solidarität verfolgte ein Moskauer Filmunternehmer, Moisej Alejnikow, die Anstrengung, sein „Studio Rus“ aus der Zarenzeit in die neue sozialistische Gesellschaftsform hinüberzuretten; 1922 zeigte er in Berlin den ersten russischen Film, der seit Beginn des Weltkriegs in die großen Kinos der Hauptstadt gelangte, Polikuschka, ein Bauerndrama nach Lew Tolstoi, und verzeichnete einen unerwartet großen finanziellen Erfolg, wiewohl bzw. gerade weil man hier das Klischee ‚russischer Seele‘ wiederzuerkennen meinte.

Münzenberg und Alejnikow, die rote Initiative und das Privatunternehmen, gründeten zu der Zeit eine deutsch-russische Filmgesellschaft, „Meshrabpom-Rus“, welche ebenso Handel wie Produktion betreiben sollte – „Das Bündnis Moskau/Berlin bringt Rettung“ verhieß ein rotes Plakat mit schwarzen Fabriktürmen. Münzenberg besaß das Monopol auf den Filmhandel in beiden Richtungen. Zunächst verlieh er zahlreiche Filme von Fritz Lang, Murnau, das expressionistische Kino seit Das Cabinet des Dr. Caligari (1919/20), aber auch die abenteuerliche Action-Unterhaltung eines Harry Piel Richtung Moskau. Er half den russischen Genossen bei der Beschaffung von Rohfilm, Zeiss-Objektiven und Kameras und spannte ein Verleihnetz für die neue sowjetische Filmkunst über alle Kontinente, so dass sich der Status der „Russenfilme“ – bei maßgeblichen deutschen Kritikern wie Alfred Kerr, Herbert Jhering oder Siegfried Kracauer eine angesehene Größe und bald prominent assoziiert mit den Namen Wsewolod Pudowkin (Das Ende von Sankt Petersburg, 1927) und Sergej M. Eisenstein (Panzerkreuzer Potemkin, 1925; Oktober, 1927), den großen Verleiherfolgen – weltweit festigte. Binnen 15 Jahren sollte der wachsende Filmkonzern an die 600 russische und deutsche Spiel-, Dokumentar- und Trickfilme produzieren (knapp die Hälfte davon soll noch in Archiven erhalten sein), von denen die Retrospektive der 62. Berlinale-Filmfestspiele eine Auswahl von 43 Stumm- und Tonfilmen bietet und damit eine in Deutschland weitgehend unbekannte, filmästhetisch hochinnovative Phase der Filmgeschichte vorstellt.

Aelita – Der Flug zum Mars (1924), die erste Spielfilmproduktion von „Meshrabpom“, vom meistbeschäftigten Regisseur des Studios, Jakow Protasanow, mit einer Story, die Fantasy-Design, Sci-Fi und Sozialkritik verbindet, erzählt vom revolutionären Funken, der von der Erde, insbesondere Moskau, das mittels eines Wunderteleskops vom roten Planeten aus beobachtet werden kann, auf den Mars überspringt. Sichtbar ist der Einfluss der damaligen Moskauer Theateravantgarde, der Meierhold-Schule, die sich hier nicht allein nach Westen, sondern auch ins neue Medium transponiert. Boris Barnets als lyrisch charakterisierter Komödienstil bringt die Suche nach dem kleinen, individuellen Glück zurück auf die Leinwand, neben die großen Ideale und die intellektuelle Anschauung eines Eisenstein rückt er das menschliche Normalmaß (u.a. Das Haus in der Trubnaja-Straße, 1928). Auch Lew Kuleschow arbeitete mit seinen Schülern für „Meshrabpom“ – sein international nahezu unbekannter Film Horizont (1933), die mal melodramatische, mal ironische Geschichte eines russisch-jüdischen Arbeiters auf dem Weg aus dem zaristischen Reich nach New York und zurück in die junge Sowjetunion, gehört dazu. Wie auch der Lehrfilm, geradezu das Muster einer populärwissenschaftlichen Dokumentation, Vierzig Herzen (1931): ein Hohelied auf den elektrischen Strom, das den Bau von 40 Kraftwerken verfolgt, die der Staatsplan vorsah, mit vielen kreativen Trickszenen, welche die Elektrifizierungskampagne medial vermittelten.

Ein besonderes Fundstück ist der quasi klassenkämpferische Science-Fiction-Film Die Entdeckung der Sensation (1935, Aleksandr Andrijewski), der sich wenige Jahre nach der ‚Maschinen-Maria‘ in Fritz Langs Metropolis mit der Produktion von Robotern befasst, die unter kapitalistischen Bedingungen das „Proleten-Problem“ lösen wie auch als Kampfmaschinen missbraucht werden könnten, zuletzt jedoch von den Arbeitern gegen Militärs und Kartellherren gewendet werden. Politisch wie ästhetisch stellte sich der Anspruch einer neuen Filmsprache – nicht umsonst sind die maßgeblichen Regisseure des frühen sowjetischen Films auch als Theoretiker und Lehrer hervorgetreten, welche Fragen nach den Kriterien einer fortschrittlichen Filmkunst stellten, über die ein (Klassen-)Bewusstsein geschaffen bzw. verändert werden könne. Mit der Filmkunst seien ebenso die Aufbauthemen jener Gegenwart – Verkehr, Energie, Technik, industrielle Produktion und Modernisierung – darstellbar und so könne mit Film in die Geschichte eingegriffen werden: auf dem Weg neuer Produktionsweisen, im Kollektiv, etwa qua dynamischer Montage.

„Erobert den Film!“ lautete der Titel einer Programmschrift Willi Münzenbergs von 1925 zu einer eigenständigen „proletarischen Kinoarbeit“, ausgehend von Lenins Diktum, wonach der Film „die wichtigste aller Künste“ sei. Seine 1925 gegründete „Prometheus Filmverleih und Vertriebs GmbH“ 1925 förderte deutsche Regisseure, die Filmformen der „russischen Schule“ auf soziale Themen anwandten – Leo Mittlers Jenseits der Straße, Hauptwerk des proletarischen Stummfilms, gehört dazu wie Phil Jutzis Mutter Krausens Fahrt ins Glück (beide 1929) und vor allem Slatan Dudows Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt? (1932) nach Bertolt Brecht.

Die meisten der „Meshrabpom“-Dokumentarfilme laufen erstmals in Deutschland – neben dem Querschnittsfilm Fünf Jahre Sowjetrussland (1922) und Das andere Leben (1930) über die Umgestaltung der Bedingungen in Aserbaidschan ist Zwei Ozeane (1933) hervorzuheben, die Expeditionsspezialisten um Wladimir Schnejderow, zuvor schon auf Pamir-Gletschern und im Jemen unterwegs, woher sie die ersten Filmbilder überhaupt heimbrachten, waren bei der ersten Nordostpassage durchs Eismeer bis zum Pazifik hautnah dabei. Konsomol (1933, Musik: Hanns Eisler) von Joris Ivens, „Lied der Helden“ über ein großes Industriekombinat, fehlt ebenso wenig wie Dsiga Wertows hymnischer Querschnittsfilm Drei Lieder über Lenin (1935) in der Gegenüberstellung von stummer mit zensierter Tonfassung.

Gezeigt werden in der Retrospektive-Filmreihe auch echte Koproduktionen mit deutsch-russischer Besetzung wie das Tolstoi-Drama Der lebende Leichnam (1929, Fedor Ozep) mit Wsewolod Pudowkin in der Hauptrolle. Der Aufstand der Fischer (1935) vom seinerzeit in die Sowjetunion emigrierten Theaterregisseur Erwin Piscator läuft in der stummen, damals fürs ‚flache Land‘ ohne Tonfilmkinos produzierten Fassung. Mit Der Weg ins Leben (1931, Nikolai Ekk) wurde der erste Tonfilm der Sowjetunion bei „Meshrabpom“ produziert: Eine Gruppe obdachloser Jugendlicher, die als Waisen des Bürgerkriegs, exploitiert durch die eigentlichen Kriminellen und Décadents, von Diebstahl und Gaunereien leben, wird vom Staat in ein ‚Kommune‘ genanntes Arbeitslager, ein ehemaliges Kloster geschickt. Der Erzieher Sergejev ist dem historischen Vorbild des sowjetischen Pädagogen Anton Makarenko nachempfunden. Jeder Abweichler sollte zur Norm hin erzogen werden, vor allem durch Arbeit, Disziplin und das Kollektiv, doch die Erzählung lässt die Doktrin weit hinter sich. In der Vitalität der jugendlichen Laien, dem Typenspektrum und der Ausdruckskraft ihrer Gesichter in Großaufnahmen wie in den Masseninszenierungen finden sich viele Elemente des qualitativ bedeutenden Beitrags vom „Meshrabpom“-Film zum Weltkino.

Der Druck reaktionärer Politik und kartellartig organisierter Filmkonzerne in den letzten Jahren der Weimarer Republik ließen Münzenbergs linkem Medienunternehmen keine Chance, die SA stürmte im Frühjahr 1933 die deutschen Niederlassungen. Und auch die großen Moskauer „Meshrabpom“-Studios ließ Stalin 1936 schließen, sodass die deutschen Exilanten in Moskau erneut heimatlos wurden. Gegenüber jenem ‚Sechstel der Erde‘, einmal  Kraftzentrum der Kommunistischen Internationale und selbsterklärtes ‚Vaterland aller Werktätigen‘, war fortan Vorsicht geboten. Münzenberg, der Stalin nach dem Pakt mit Hitler als Verräter bezeichnet hatte, kam 1940, im selben Jahr wie Leo Trotzki, unter ungeklärten Umständen ums Leben.

 



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Die rote Traumfabrik. Retrospektive der
62. Internationalen Filmfestspiele Berlin,
9.–19. Februar 2012



Publikation:
Die rote Traumfabrik. Meshrabpom-Film und Prometheus 1921–1936. Herausgegeben von Günter Agde und Alexander Schwarz. 
Berlin: Bertz+Fischer, 266 Seiten
(zahlreiche Abbildungen, s-w und farbig)

TV-Feature:
Die rote Traumfabrik (D 2011, 55‘)

Buch und Regie: Alexander Schwarz
(Auftragsproduktion von ZDF/ARTE)
Sendung: 15.02.2012, 22.00 Uhr



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