Frischer Wind am Atlantik

59. San Sebastián Film Festival

 

Bereits zum 59. Mal fand im September das Filmfest im baskischen San Sebastián statt und zum ersten Mal seit längerem unter neuer Leitung. Festivaldirektor Jose Luis Rebordinos hat für frischen Wind an der Atlantikküste gesorgt, vor allem mit dem gut bestückten Wettbewerb, der denen anderer A-Festivals wie Berlin und Locarno mehr als ebenbürtig war. Publikumslieblinge wie Julie Delpys charmant-chaotische Familienkomödie Le Skylab oder das griechische Polizistendrama Adikos Kosmos von Filippos Tsitos waren darunter, aber auch heimische Produktionen wie der Rachethriller No habrá paz para los malvados, der sehr intelligent mit den Rassismen der spanischen Gesellschaft spielt und ein Einwanderermilieu zeigt, das so sonst im iberischen Kino nicht vorkommt.

Recht banal ist dagegen die zweite Regiearbeit der kanadischen Schauspielerin Sara Polley geraten. Take This Waltz ist eine allzu fluffige Mädchenfantasie über eine junge Frau (Michelle Williams), die sich zwischen zwei Männern entscheiden muss. Ganz ähnliche Grundkonstellationen hatten zwei andere Wettbewerbsfilme zweier Altmeister, die weitaus überzeugender von komplexen, widersprüchlichen Frauenfiguren handelten. In dem Melodram The Deep Blue Sea, seinem ersten Spielfilm seit elf Jahren, lässt der britische Filmemacher Terence Davis eine herausragende Rachel Weisz an der Liebe und den Männern leiden. Und der mexikanische Regisseur Arturo Ripstein präsentierte seine in bestechendem Schwarzweiß gedrehte Madame Bovary-Adaption Las razones del corazón. Nach der Preisvergabe, bei der der zweifache „Goldene Muschel“-Gewinner diesmal leer ausging, war Ripstein so verärgert, dass er das Festival als irrelevant und subnormal bezeichnete.

Eine Kritik, die insgesamt unangebracht und ungerecht, aber im Einzelfall durchaus zutreffend war: bei Amen von Kim Ki-duk. 72 Minuten lang sieht man in dieser digital gedrehten und dilletantisch inszenierten Lowbudget-Produktion einer koreanischen Frau dabei zu, wie sie durch Europa irrt, verfolgt von einem Mann mit einer Gasmaske (Kim selbst). Er wolle damit zeigen, dass jeder einen Film machen kann, sagte der Regisseur, der zuletzt in Cannes die Dokumentation Arirang über seine Depression vorstellte und in San Sebastián nicht glücklicher aussah. Es könnte sein letzter Film gewesen sein, soll Festivaldirektor Rebordinos als Begründung genannt haben, den Südkoreaner in den Wettbewerb einzuladen. Eine zu vernachlässigende Fehlentscheidung seines ansonsten starken Debütjahrgangs.



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