Eine mit Herz

Christine Dollhofer, ein „Bahn- und Kofferkind“ aus dem oberösterreichischen Salzkammergut, landete über den Umweg Salzburg 1984 in Wien. In den frühen 90er Jahren, kaum 30-jährig, prägte sie die Wiener Kinolandschaft entscheidend mit, aber nicht nur als engagierte Programmgestalterin des Filmcasinos, sondern auch durch ihre geradezu magische Fähigkeit, mit allen Leuten gut zu können und über die Eitelkeiten und Eifersüchteleien der heimischen Filmbranche erhaben zu sein. Da lag es nahe, sie Ende 1996 mit der Neugestaltung des dahinsiechenden nationalen Filmfestivals zu betrauen. Gemeinsam mit Constantin Wulff stellte sie die Diagonale in Graz auf die Beine, und es entwickelte sich so etwas wie eine österreichische Erfolgsgeschichte: Nicht nur wurde das Festival von (fast) allen in der hiesigen Szene akzeptiert, auch im Ausland wurde es stark wahrgenommen, und, noch besser: Das vorwiegend junge Grazer Publikum stürmte die Kinos, als gäbe es die neuesten Hollywood-Blockbuster zu sehen. Das Ende, 2003, war schrecklich: Als Wulff bekundete, aufhören zu wollen und Dollhofer die Diagonale alleine weiterführen wollte, fühlte sich der Kunststaatssekretär bemüßigt, Filmpolitik zu machen – mit der Schnapsidee, ein Wichtigtuer-Festival mit Business-Flair zu etablieren. Die Branche solidarisierte sich auf bislang ungeahnte Weise mit der Diagonale, und Moraks Streich misslang. Die charismatische Festivalleiterin aber war schon weitergezogen: In Linz wurde sie mit offenen Armen empfangen, und seit 2004 gibt es dort Crossing Europe, ein Festival für den jungen, nicht etablierten europäischen Film. Wie alles, was Christine Dollhofer anfasst, etwas zum Anfassen – ein Ort der Begegnung ohne Protz und Pomp, aber mit viel Herz.

Wie kam es zur Gründung von Crossing Europe?
Das hat sich kein Politiker ausgedacht, sondern Wolfgang Steininger, Leiter der Linzer Programmkinos Moviemento und City-Kino. Als klar wurde, dass das mit der Diagonale nicht weitergehen würde, rief er mich an und fragte: „Willst du nicht nach Linz kommen und ein Festival machen?“ Ich habe dann ein Konzept geschrieben, und wir machten uns auf die Suche nach dem Geld. Wir haben also zuerst einen Bedarf behauptet ... das war nicht ganz einfach. Wir mussten erst erklären, warum Linz so ein Festival braucht. Aber wir haben ja eine thematische Nische gefunden, die in der österreichischen Festivallandschaft noch nicht besetzt war, die für ein europäisches Fachpublikum durchaus von Interesse ist, und in einer Größe, die für eine Stadt wie Linz machbar ist. Für mich war es spannend, ein Festival neu aufzubauen, ganz wie in Graz, zu sehen, welche Strukturen gibt es, wo kann man anknüpfen. Ich glaube, dass uns das in Linz gut gelungen ist, einerseits die Geldgeber zu überzeugen und auch die Vernetzung mit all den Kultur- und Filminitiativen, die es dort gibt.

Wie ist denn die Kinostruktur in Linz?
Es gibt zwei Programmkinos unter einer Leitung, ein  kommerzielles Kino im Zentrum und zwei Multiplexe am Stadtrand. Und den Cinematograph, ein 20-Plätze-Kino für Filmklassiker, wohl einzigartig in Österreich.

Wenn man andere Bundesländer anschaut, dann ist die Kinolandschaft in Oberösterreich aber vergleichsweise intakt.
Stimmt. Aber das hängt natürlich sehr stark mit den engagierten Personen zusammen, den Filmclubs und Initiativen. Es gibt Freistadt, dort auch das sehr liebenswerte Festival des neuen Heimatfilms, Lenzing, Gmunden, Ebensee und noch einige andere. Und eine überdurchschnittlich starke Wanderkino-Präsenz.

Gibt es Berührungspunkte mit den Linzer Multiplexen?
Nein. Werblich vielleicht, aber programmatisch und logistisch wäre das zu schwierig. Trotzdem versuchen wir natürlich immer wieder, auch Publikum außerhalb der Kernzielgruppe, also der Arthouse-Besucher, anzusprechen und ins Festival einzubinden, sei es Leute aus anderen kulturellen Bereichen, die von selbst vielleicht nicht ins Kino gehen würden, oder auch die ausländischen Communities. Das heißt, wenn wir einen bosnischen Film zeigen, dann wollen wir auch die Bosnier, die in Linz leben, ins Kino einladen.

Crossing Europe ist aber eigentlich noch eine Nische innerhalb der Nische Europa.
Ja, es geht um Randbereiche, ich nenne das „exzentrisches Autorenkino“, eine junge Autorengeneration, die sich an neuen Erzähl- und Ausdrucksformen versucht. Und wir suchen ein Gleichgewicht zwischen Ost- und Westeuropa. Es ist interessant, dass viele Leute sagen: „Du hast ja so einen Osteuropa-Schwerpunkt“, dabei ist es halbe-halbe. Macht man das ausgewogen, entsteht offenbar der Eindruck eines Überhangs aus dem Osten.

Was ist denn jetzt die thematische Leitlinie, falls es eine solche gibt?
Grundsätzlich zeigen wir nur Filme, die wir mögen, das ist klar. Und auch, dass wir uns nicht auf die großen Namen des europäischen Filmbetriebs stürzen, und nicht auf Filme, die ohnehin demnächst ins Kino kommen. So verstehen wir unseren Auftrag nicht. Es geht gezielt darum, Filme zu zeigen, die auch innerhalb des Arthouse-Vertriebs, der ja auch immer mehr unter wirtschaftlichem Druck steht, keine Chance mehr bekommen. Im Wettbewerb gibt es also erste und zweite Filme von jungen Regisseuren, wobei ich „jung“ nicht unbedingt als Alters-, sondern als Einstellungskriterium auffasse. Im Panorama geht es tatsächlich um „Crossing Europe“, also um europäische Kulturlandschaften, um gesellschaftspolitische Themen, Arbeitswelten. Dort sind dann zum Teil sehr extreme Autorenpositionen vertreten – von Werner Herzog über C. S. Leigh bis Alexej German Jr. Wir sind auch kein Branchenfestival, dazu reicht unsere finanzielle Kapazität nicht, sondern ein  Autorenfestival. Durch die Kleinheit und Überschaubarkeit passieren dabei immer wieder Begegnungen, die auch Konsequenzen haben. Ein Beispiel: Marc Bauder, ein Regisseur aus Deutschland, und Fischer Film, eine lokale Produktionsfirma, trafen einander hier, und so entstand der Film Der Kommunist über den Grazer Stadtrat Ernst Kaltenegger – ein Film, den wir heuer zeigen. Es gibt so kleine Synergien, die mich sehr freuen, und es entsteht so etwas wie eine Festivalfamilie: Menschen, die bei uns waren und gerne wiederkommen, eben weil es noch ein familiäres Festival ist. Und es geht darum, besonders durch die Reihe Local Artists, die hiesige Filmszene nicht gönnerhaft, sondern sehr aktiv einzubinden. All das ergibt eine sehr gute Mischung.

Hat die Politik nie irgendwelche Stars eingefordert?
Nicht wirklich. Darüber haben wir gleich gesprochen, und selbst wenn – die Rahmenbedingungen sind bei uns nicht gegeben, weder finanziell noch personell. Wir hatten letztes Jahr 400 Akkreditierte, was nicht wenig ist, und an die 10.000 Zuschauer, das ist für Linz sehr, sehr gut. Das ist unser Ziel, und eine Woche lang Festivalfeeling, Festivalatmosphäre zu schaffen. Small is beautiful, das ist für mich klar. Ich finde es wichtig, dass man alle Festivalgäste noch persönlich begrüßen und mit ihnen auch  reden kann. Das ist ja bei großen Festivals unmöglich.

Nun gibt es ganz ohne Zweifel nicht nur in der FPÖ eine sehr große Skepsis gegenüber der Idee Europa, dem Moloch ... Wie geht man als europäisches Filmfestival damit um?
Ja, ich habe auch das Gefühl, dass Europa und der europäische Film irgendwie unsexy geworden sind. Das ist schade. Aber es gibt ja „den europäischen Film“ gar nicht. Wir sind ein Autorenfestival und beschränken uns eben auf einen Kontinent und versuchen hier, die unterschiedlichen Produktionsbedingungen aufzuzeigen und die verschiedenen Arten und Weisen, wie Filmemacher mit den gesellschaftspolitischen Gegebenheiten umgehen. Da gibt es einen unendlichen Reichtum, eine unendliche Vielfalt, außergewöhnliche filmische Handschriften, auf die man im Zuge der Sichtung stößt, da hätte ich gerne noch 50 Programmplätze mehr. Das sind spannende Dinge, die man halt leider nur ausschnittsweise präsentieren kann. Also: Wenn man sich ein bisschen für Europa interessiert, dann ist der Film gerade ein Medium, mit dessen Hilfe man aufregende Einblicke gewinnen kann. Aber eine gewisse Offenheit ist notwendig, das ist klar. Außerdem: Was in Europa passiert, das sind ja auch zutiefst globale Fragen, die betreffen nicht nur uns hier – Arbeitsverhältnisse etwa.

Wie siehst du, mit ein paar Jahren Abstand, die Ereignisse rund um deinen Diagonale-Abgang?
Ganz emotionslos. Ich finde es prinzipiell nicht schlecht, wenn man nach sechs, sieben Jahren hergeht und sagt: „Jetzt wollen wir einmal neue Positionen, ein neues Konzept probieren“. Nur wie dann die Diskussion um die Verlängerung bzw. Nachfolge geführt wurde, war nicht gerade angenehm. Ich bin aber heute sehr froh, dass ich Crossing Europe machen kann, weil ich hier etwas Neues aufbauen konnte. Noch dazu mit einem größeren Aktionsradius, nämlich Europa.

Gibt es so etwas wie Genugtuung darüber, dass die Morak-Idee gescheitert ist?
Nein. Das wäre der Sache, nämlich der Diagonale gegenüber, nicht richtig. Ich habe mich da sehr schnell abgenabelt und mich auch aus den Diskussionen herausgehalten. Schließlich ist das dann von den Menschen in der Filmbranche direkt verhandelt worden, die Solidarisierung unter den Filmschaffenden war doch enorm, und sie haben ihr Ziel erreicht und das eigene Festival durchgeboxt. Sich da von außen einzumischen, ist nicht mein Ding.

Und es gab gar kein Schmerz darüber, dass man nicht mehr „gewollt“ wird?
Es ist ein Unterschied, ob der Vertrag nicht verlängert wird, und alle finden das super, oder ob man – wie in meinem Fall – vermittelt bekommt, sehr viele Leute hätten gerne gehabt, dass ich das weiter mache. Ich bin ja mit „Blumen“ entlassen worden, das letzte Jahr war sehr schön, mit so viel Anteilnahme und Gratulationen und lieben Abschiedswünschen. Die Brüche scheinen aber leider zur Geschichte des Festivals des österreichischen Films zu gehören, sodass es alle paar Jahre einmal richtig kracht.

Wie sieht es eigentlich mit österreichischen Filmen bei Crossing Europe aus?
Wir haben sehr viele Filme mit Oberösterreich-Bezug in der Reihe Local Artists. Und wir zeigen z.B. die Uraufführung der 35mm-Rolle der Mozart Minutes. Was die Kinofilme betrifft: Wir sind einen Monat nach der Diagonale, da macht es wenig Sinn, österreichische Produktionen als Premiere zu haben oder haben zu wollen. Die sollen natürlich bei der Diagonale ihre Uraufführung haben. Was wir unseren Gästen aber anbieten, in Kooperation mit der Austrian Film Commission, mit Sixpack Film und anderen Partnern, sind so genannte Austrian Screenings, weil immer wieder Festivalkuratoren und Journalisten aus dem Ausland nach den aktuellen österreichischen Filmen fragen.

Sehr großzügig. Ob das andere österreichische Festivals auch so handhaben würden? Kürzlich bist du von Wien nach Linz gezogen. Wie lebt es sich in Linz, wenn man so lange in der Großstadt daheim war?
Sehr angenehm. Es hat seine Qualitäten: die kurzen Wege, die gute Vernetzung, die unkomplizierte Weise, an Dinge heranzugehen. Man bekommt in kurzer Zeit sehr viel mehr weiter als in den doch eher komplexen Geflechten in Wien. Trotzdem bleibe ich Wien natürlich nach wie vor sehr verbunden.

Du bist berüchtigt dafür, gleich im Büro zu wohnen. Ist das jetzt auch so?
Ich habe zwei Jahre während der monatelangen Vorbereitungen für das Festival im Büro gewohnt. Aber jetzt habe ich eine Wohnung.

Wie setzt sich dein Team zusammen?
Das Schöne ist: Das sind auch mehrheitlich „local artists“, also Leute aus der Linzer Szene, die sich hier enorm gut auskennen und unsere Idee der Vernetzung, der Verankerung in der Stadt vorantreiben. Dann gibt es eine Kollegin aus Cottbus, die dank eines Personal-Austauschprogramms unter Filmfestivals zu uns kam, und einen Kollegen aus Slowenien, der mit mir Filme sichtet. Alles sehr engagierte Leute.

Nun verbindet uns beide ja, neben manch anderem, eine große Liebe zum asiatischen Kino. Bringst du das in deinem Leben noch unter?
Leider nicht in dem Maße, wie ich mir das wünschen würde. Wenn ich jetzt zu Festivals fahre, will und muss ich mir europäische Filme anschauen, das ist klar. Hin und wieder nütze ich, falls es doch einmal gerade keinen gibt, die Chance, um mir einen asiatischen Film anzusehen. Aber man muss natürlich Prioritäten setzen.

Wie lange wird es Crossing Europe geben?
Ich wage zu behaupten: bis 2009 auf jeden Fall. Dann wird Linz ja europäische Kulturhauptstadt sein. Ich hoffe, dass wir als Festival eine wichtige Rolle im Kulturkalender 2009 spielen werden und dass Crossing Europe so weit gefestigt sein wird, dass es auch danach ohne große Debatten weitergeführt werden kann. Bis dahin rinnt aber noch viel Wasser die Donau hinunter.

 



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Text + Interview ~ Andreas Ungerböck


Fotos ~ Magdalena Blaszczuk



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