Macher, Märtyrer, Mimosen

Seit nunmehr 30 Jahren gibt es nationale österreichische Filmfestivals, an den unterschiedlichsten Orten in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Der Weg war lang und steinig. Ein Rückblick.

 

Abschied von Sissiland

Horst Dieter Sihler, Mitbegründer der ersten Österreichischen Filmtage in Velden, erinnert sich an die schwierigen Anfänge.

Vor 30 Jahren, im Herbst 1977, fanden in Velden am Wörthersee die 1. Österreichischen Filmtage statt. Heute nennen sie sich – nach zahlreichen, ver-schlungenen Wegen über Kapfenberg, Wels, Salzburg und Graz – Diagonale. Damals war es das erste nationale Filmfestival in Österreich, abgesehen von einer Stummfilmschau um 1912.

Ein Bericht über dieses Ereignis kann für mich nur als persönliche Reminiszenz erfolgen, die die Situation der damaligen österreichischen Filmszene in Erinnerung ruft. Es war fünf vor zwölf. Wenn ich damals über die österreichische Filmsituation schrieb, dann hieß das „Nachrichten aus einem unterentwickelten Filmland, wie es in Europa kein zweites mehr gibt“ (Kino, Berlin 1973). Bis zum „Abschied von Sissiland“ (Weltwoche, Zürich, 1981) mussten noch Jahre vergehen und das Filmförderungsgesetz erkämpft werden.

Die Situation war desolat. Opas Kino hatte es in Österreich geschafft, sich selbst umzubringen. Danach kam nichts mehr, außer einem ungezogenen Wechselbalg, der sich eine Zeit lang im Untergrund herumtrieb. Dem Aufschwung des schweizerischen und des deutschen Films hatte die wandelnde „Vulgärleiche“ des österreichischen Spielfilms nichts entgegenzusetzen, und die Erneuerungswelle, die Anfang der 70er durch das europäische Film- und Kinowesen ging, blieb unbeachtet. Der Film war im öffentlichen Bewusstsein abgeschrieben.

In dieser Situation trafen sich in Klagenfurt, auf Einladung des örtlichen Cineclubs, zahlreiche Unzufriedene zu einer Filmförderungstagung. Und hier – auf neutralem Boden – geschah es, dass sich Betroffene aus allen Lagern erstmals solidarisierten und Entscheidungen trafen. Dem „Klagenfurter Manifest“ folgte die „Innsbrucker Erklärung“: Der Film muss wieder ein öffentliches Ereignis werden! In der Zwischenzeit hatte sich in Wien auch der erste Verband der Filmschaffenden formiert, der dann den Regisseur Gerald Kargl (Angst) und mich mit der Durchführung der Filmtage beauftragte. Meine Zielvorstellung, die Filmtage als ständiges Diskussionsforum zur Bestandsaufnahme und Gewissenserforschung zu etablieren, erfüllte sich nur bedingt. In den ersten Jahren in Velden, Kapfenberg und dann auch in Wels waren die Köpfe zu voll mit filmpolitischem Hickhack, um sich auf den Film an sich zu konzentrieren, der inzwischen – von Valie Exports Unsichtbare Gegner(1976) bis Wolfgang Murnbergers Himmel und Hölle(1990) – eine beachtliche Bandbreite entwickelt und sogar gelernt hatte, mit kritischem Realismus auf spezifisch österreichische Formen gesellschaftlicher Mißstände zu reagieren. Die erstaunliche Diskussionskultur, mit der sich etwa das Schweizer Filmvölkchen bei den Solothurner Filmtagen zusammenraufte, blieb uns weitgehend fremd. Vielleicht hat auch der damalige Mangel an filmkritischem Journalismus eine gewisse Rolle gespielt, die gescheiterten Versuche mit diversen Zeitschriften wie Filmschrift, Filmlogbuch und Blimp künden jedenfalls davon.

Zunächst jedoch galt es, die Regisseure aus der ORF-Abhängigkeit zu befreien und die alternative Kinoszene auszubauen. Diesem Problem, das von Beginn an – siehe „Kinokooperative“ – zum Plan gehörte, widmete ich mich dann verstärkt. Als das Alternativkino Klagenfurt 1985 endlich starten konnte, war aus dem Vorreiter ein Nachzügler geworden, denn die Programmkinos in Wien, Linz, Graz, Salzburg und Innsbruck arbeiteten längst erfolgreich und verhalfen dem neuen österreichischen Film zur notwendigen Leinwandpräsenz. Die ständigen Versuche, die Filmtage finanziell auszuhungern, waren drei Mal erfolgreich. In Kärnten hatten die Literaten mehr Glück als die Filmemacher (Gert Jonke gewann 1977 den ersten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb), in Kapfenberg musste Gerald Kargl 1982 das Handtuch werfen, und die Filmtage in Wels endeten 1996 endgültig.

Wie auch immer: Die Mühsal, durch die sich alle österreichischen Filmtage quälen mussten, bis sie durch die Diagonale in Graz zum verdienten Höhenflug ansetzten, sind auch ein Symptom für die Fraktionskämpfe außerfilmischer Interessen. Die schönste Nachricht war daher für mich die vom Scheitern des staatssekretärlichen Putschversuchs des Jahres 2004, die Diagonale zu übernehmen oder ganz abzuschaffen. Hier war noch einmal etwas von der alten Solidarität zu bemerken, die uns Filmschaffende in den 70ern bewegt hatte.

Horst Dieter Sihler
Geboren 1938. Lange Zeit Filmkritiker (FAZ, ORF, u. a.), Lehrbeauftragter an der Uni Klagenfurt und Programmkino-Leiter (Alternativkino/Volkskino Klagenfurt). Er organisierte 1977 die 1. Österreichischen Filmtage in Velden und 1982 die 1. Österreichische Kinotagung in Tainach/Tinje, Kärnten.

Braune Flecken, rote Ohren

Von 1984 bis zumindest 1990 gab es in Wels ein florierendes heimisches Filmfestival, die Österreichischen FilmTage. Dann setzte ein Minister die Säge an und fand willige Helferlein.

Text ~ Andreas Ungerböck

Nach sechs Jahren Filmtagen in Kapfenberg gab Gerald Kargl auf. Er wollte sich aufs Filmemachen konzentrieren; die katastrophale Budgetsituation und die mangelnde Akzeptanz seitens des Kapfenberger Publikums taten ein Übriges. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass nur ein Jahr nach der überfälligen Verabschiedung des Österreichischen Filmförderungsgestzes die nationale Leistungsschau am Ende war. 1983 gab es keine Filmtage. Nach intensiven Beratungen und einem schlüssigen Konzept von Reinhard Pyrker, Michael Stejskal und Franz Grafl übernahm das neu gegründete Österreichische Filmbüro unter Pyrkers Leitung die Organisation und Durchführung des Festivals, das als Österreichische FilmTage im Oktober 1984 erstmals in Wels stattfand.

Kennzeichnend für die ersten Jahre war die Tatsache, dass praktisch alles, was in heimischen Film-Werkstätten entstand, auch seinen Weg auf die Welser Leinwände fand – auf eine strenge Auswahl wurde zugunsten eines „repräsentativen Überblicks“ verzichtet. Dieses Konzept geriet mit der Zeit ins Schussfeld der Kritik, wie auch so manche andere Entscheidung der FilmTage-Leitung und der eine oder andere Programmpunkt – etwa eine Hommage an den Altmeister von Opas Kino, Franz Antel, im Jahre 1987. Dennoch, die FilmTage in Wels (siehe auch die entsprechenden Statements weiter hinten) waren in ihren besseren Zeiten ein angesehenes und vor allem dank ihrer Diskussionskultur hochwertiges Branchentreffen. Die räumliche Situation brachte es mit sich, dass man sich der verbalen Auseinandersetzung kaum entziehen konnte, man war quasi kaserniert, denn außer dem Kinosaal und den anderen Räumlichkeiten des Vorzeige-Hotels Greif sowie einer Pizzeria neben dem Kino gab es kaum Möglichkeiten, sich niederzulassen.

In Wels wurden gute und schlechte Filme gezeigt, in guten und schlechten Projektionen (besonders das „Traunpark-Center“ mit seinen zwei hellhörigen Sälen erwies sich als technisch inadäquat), vor allem aber wurde viel miteinander gesprochen. Heute legendäre spätnächtliche Diskussionen wurden mit Furor, mit geröteten Wangen und Ohren, aber auch mit viel Witz abgehalten, und es wurde, etwa in Schlagabtäuschen zwischen Filmemachern und Filmkritikern, des öfteren unter die Gürtellinie gezielt und getroffen. Trotzdem: Wels wurde lange Jahre akzeptiert und – im Kern – nicht hinterfragt; 1989, zur Blütezeit, unterstützten neben der Stadt Wels die Kulturabteilungen aller neuen Bundesländer die FilmTage finanziell. Doch es wäre nicht Österreich, wäre das auf Dauer gut gegangen. Spielfilmregisseure klagten, die Kurz- und Avantgardefilme nähmen überhand, die Avantgardisten jammerten, dass ihre Filme im Programmkatalog nicht adäquat dargestellt würden, das aufkommende Videoformat bescherte dem Festival immer mehr technische Probleme, die Auswahlkriterien (man war mittlerweile vom Konzept der Gesamtleistungsschau abgekommen) wurden zunehmend kritisiert. 1990 schickte die Produktionsfirma Wega-Film keinen ihrer vier „großen“ Spielfilme zu den FilmTagen, unter den Filmemachern mehrten sich Stimmen, es müsse sich „etwas ändern“, das Festival habe „sich totgelaufen“ (Peter Tscherkassky).

Als Reinhard Pyrker 1990 gemeinsam mit Werner Herzog zum Direktor der Viennale bestellt wurde und in aller Eile, weil höchst kurzfristig, ein Programm für das Wiener Filmfestival basteln musste, war klar, dass die FilmTage 1991 nicht stattfinden konnten. Sie wurden vom angestammten Oktober-Termin in den April 1992 verschoben. In der Filmszene gärte es, und der Nicht-Umgang der Stadt Wels mit ihrer Nazi-Vergangenheit („braune Flecken“) bot den willkommenen Anlass, die FilmTage auszuhebeln. Konkret ging es um eine nach dem 1928 verstorbenen vor-nazistischen Blut-und-Boden-Dichter Ottokar Kernstock benannte Straße (die es übrigens bis heute in mehreren österreichischen Städten gibt) und um Gedenk-tafeln für SS-Angehörige. Unterrichtsminister Rudolf Scholten (SPÖ) „regte an“, auch die FilmTage müssten sich dem Problem stellen, und Pyrker reagierte, in dem er Peter Patzaks Alltagsfaschismus-Studie Kassbach aus dem Jahr 1979 als Eröffungsfilm der FilmTage 1992 programmierte – mit anschließender hitziger Diskussion.

Der Verband österreichischer Filmregisseure rief zum Boykott der FilmTage auf, dem einige (aber bei weitem nicht alle) Filmemacher auch folgten. Inzwischen wurde im Ministerbüro und anderswo bereits das Fell des Bären verteilt, bevor er noch erlegt war. Die ersten Hälse begannen sich Richtung Salzburg zu wenden, wo im Dezember 1993 – nur sechs Monate nach den in den Juni gewanderten Rumpf-FilmTagen – das ministeriell sanktionierte und finanziell recht beachtlich ausgestattete Filmfestival Diagonale zum ersten Mal stattfand. Drei Jahre lang versammelte sich die Filmbranche nun alljährlich in der Mozart-Stadt – und blieb weitgehend unter sich. Der Zuspruch des durch Hochkultur verwöhnten Salzburger Publikums blieb äußerst bescheiden. Organisiert wurde das Festival durch die Austrian Film Commission unter Martin Schweighofer, künstlerisch geleitet zwei Jahre lang vom renommierten Avantgardefilmer Peter Tscherkassky, im letzten Jahr schließlich vom ORF-Kunststücke-Leiter Heinrich Mis. Dazu kamen jeweils Kuratoren für die einzelnen Filmsparten, ein Ländervergleich pro Jahr, umfangreiche Tributes, Hommagen und Retrospektiven. Der Salzburger Diagonale allerdings fehlte die „Seele“, die „Mitte“, das mussten schließlich auch die Verantwortlichen einsehen, und im März 1996, als Mis von seinem Posten zurücktrat, war wieder einmal Schluss. Im selben Jahr fand in Wels noch einmal ein FilmFest mit einem völlig anderen Konzept statt, dann fiel auch hier der Vorhang.

Alles wird gut

Seit 1998 findet die Diagonale, ausgestattet mit einem neuen, zukunftsweisenden Konzept und nur mäßig gestört durch politische Interventionen, in Graz statt.

Text ~ Günter Pscheider

Nach dem Fiasko von Salzburg waren erst einmal eine Neuorientierung und ein einfach zu finanzierendes Konzept gefragt. Graz, eine studentische Stadt mit einem jungen durch den Steirischen Herbst und andere Veranstaltungen abseits der Hochkultur sensibilisieren Publikum, erwies sich als Glücksgriff für eine Filmschau in der Größenordnung der Diagonale. Die neu bestellten Intendanten Christine Dollhofer, Leiterin des Wiener Filmcasinos, und Constantin Wulff, arrivierter Dokumentarfilmer und Publizist, standen außerhalb der verschiedenen Fraktionen der Filmbranche, und so ließ man sie zum Glück erst einmal in Ruhe werken.

Die neue sehr klare Programmstruktur, die die beiden unterschiedlichen Typen entwickelten, bewährte sich in den folgenden Jahren und ist immer noch, mit leichten Abänderungen, in Verwendung: jeweils eher dem Fachpublikum vertrauer Special Guests aus (Mittel-)Europa (über die Jahre u. a. Christian Schocher, Roland Klick, Volker Koepp und Heddy Honigmann), die in teilweise sehr intensiven Publikumsgesprächen Einblicke in ihr Werk geben, dazu Kooperationen mit anderen kleineren Festivals, eine kontinuierliche filmhistorische Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv und mit Synema,

seit einigen Jahren auch mit dem Filmmuseum, und vor allem eine Art Nachwuchsförderung, die es allein durch das Zeigen der vielen kurzen Filme ermöglichte, dass diverse Talente auch abseits der Filmschulen ihre 15 minutes of fame genießen konnten und mit neuen Schwung das nächste Projekt angingen.

Das ist auch das Bemerkenswerte an der Erfolgsstory der Grazer Diagonale. Sie ist organisch gewachsen, unter subtiler Einbeziehung des lokalen Publikums und des gesamten filmbegeisterten österreichischen Nachwuchses. Durch die unprätentiöse Atmosphäre im leider nicht mehr zur Verfügung stehenden Festivalzentrum Thalia kamen die Leute miteinander ins Gespräch, neue viel versprechend klingende Projekte wurden diskutiert und geplant. Und etwas, was zwar immer wieder gepredigt wird, was man aber kaum für möglich hält, wurde in dieser konstruktiven Atmosphäre möglich. Die sehr unterschiedlichen avantgardistischen Programme mit dem Schwerpunkt Musik und Video waren nicht nur ausverkauft, sondern wurden auch leidenschaftlich von sehr jungen Leuten diskutiert. Eine Anbiederung an den Mainstream wurde nie versucht, und die Zuschauerzahlen belegen, dass das auch nicht notwendig war.

Die Diagonale wurde trotz der kontrovers diskutierter Themen wie Filmförderung, Filmpolitik, Filmkritik immer mehr zu einer Art inhomogenen Klassenausflug, wo zwar manchmal die Fetzen flogen (der Große Diagonale-Preis für Fritz Lehners Jedermanns Fest wurde 2002 gnadenlos ausgebuht), aber letztendlich alle in die gleiche Richtung wollten. Dass das aber nicht für die damalige schwarzblaue Regierung gelten konnte, wurde nach der klaren politischen Positionierung des Festivals (zwei Jahre hindurch war das Programm „Die Kunst der Stunde ist Widerstand“, eine Art Guerilla-Aufstand der unterschiedlichsten Filmemacher gegen die Wendepolitik, ein immer ausverkaufter Fixpunkt des Programms) bald klar. Nach dem Rückzug Constantin Wulffs wurde Christine Dollhofers Vertrag trotz der Empfehlung des Diagonale-Beirats nicht verlängert. Staatssekretär Franz Morak wollte die Diagonale über die Köpfe der Beteiligten hinweg als mitteleuropäisches Festival neu positioniert haben. Verschiedene Proponenten aus der Branche (unter anderem Alexander Ivanceanu und die jetzige Intendantin Birgit Flos) organisierten schließlich eine Art Gegenveranstaltung, die „originale Diagonale“. Nach ausdauernden Scharmützeln mit weiten Teilen der Branche warfen die neu bestellten Intendanten knapp vor Beginn der Diagonale das Handtuch. Das Festival 2004 bleibt als gelungenes Beispiel von gelebter Solidarität einer meist um einen kleinen Kuchen streitenden Branche in Erinnerung.

Die neue Intendantin Birgit Flos garantierte Kontinuität (obwohl die von ihr bestellten Mitstreiter Robert Buchschwenter und Georg Tillner nach dem ersten Jahr das Handtuch warfen) die großen Neuerungen blieben aus. Die „großen“ österreichischen Spielfilmproduzenten betrachten die Diagonale weiterhin mit einiger Skepsis, aber man kann es eben nicht allen recht machen. Der Glamourfaktor ist relativ niedrig, aber der Wohlfühlwert ist hoch, nicht zuletzt dank des über die Jahre stets gewachsenen Rahmenprogramms.

Diagonale aktuell

Die Diagonale 2007 ist die zehnte in Graz. Sie bietet ein neues Festivalkino und bleibt der bewährten Programmstruktur treu.

Text ~ Günter Pscheider

Never change a winning concept: Es gibt keinen Grund, etwas an der erfolgreichen Zusammenarbeit mit den üblichen Kooperationspartnern Filmarchiv, Filmmuseum und Synema zu ändern, die sich seit vielen Jahren bemühen, immer neue filmhistorisch interessante Entdeckungen zu präsentieren. Diesmal etwa hat der umtriebige deutsche Filmjournalist Olaf Möller das bisher nur Insidern bekannte Werk des autodidakten 60er-Jahre-Avantgardisten Herbert Holba ausgegraben. Ein Tribute gilt dem 1938 nach England emigrierten, heute 95-jährigen Kameramann und Regisseur Wolf Suschitzky (Vater des Cronenberg-Hauskameramanns Peter Suschitzky). Der rüstige alte Herr wird seine Arbeit an so unterschiedlichen Meisterwerken wie Ulysses, Get Carter oder The Small World of Sammy Lee zu diskutieren. Tradition hat auch die Zusammenarbeit mit anderen Festivals der Region Mittel-/Südosteuropa, diesmal steht die DokMA in Maribor im Zentrum der Aufmerksamkeit. Auch das beliebte Kurzfilmfestival Vienna Independent Shorts wird Teile seines Programms einem breiten Publikum präsentieren. Programme mit kurzen Filmen sind sowieso ein Renner, vor allem beim jüngeren Publikum der Diagonale, deshalb freuen sich wohl alle über ein neues Festivalkino, das Geidorf Kunstkino mit zwei Sälen, womit vor allem für die Abendvorstellungen neue Sitzplatz-Kapazitäten geschaffen werden.

In der Reihe „Schwerpunkt: Filmhandwerk“ geht es um die Verwertung, zweifellos ein Teil des Geschäftes, der völlig im Umbruch begriffen ist. Kontroverse Diskussionen sind zu erwarten, geht es doch um viel Geld und ein Modell für die Zukunft, wie die ehemals sehr hierarchisch strukturierte Verleihkette durch den Einsatz der digitalen Technik demokratisiert werden könnte – oder auch nicht. Mobile Content heißt das neue Zauberwort, und um die Umsetzung werden sich Experten aller Art und nicht zuletzt die Kreativen wohl trefflich streiten.

Zweifellos eine nette Geste ist es, zum Zehnjahres-Jubiläum den Begründern der Grazer Diagonale, Christine Dollhofer und Constantin Wulff, eine Programmschiene zu überlassen, in der sie Beispiele für neues avanciertes Frauenkino aus Europa bzw. Hightlights aus dem Dokuprogramm der Special Guests vergangener Jahre vorstellen werden. Die teilweise mit österreichischen Mitteln finanzierten „Mozart“-Filme von New Crowned Hope werden nach ihrer Präsentation in Wien nun auch in Graz präsentiert. Spannendes ist aus dem in den letzten Jahren boomenden Dokumentarfilmbereich zu erwarten (darunter Sudabeh Mortezais Children of the Prophet, ein ungewöhnlicher und authentischer Einblick in die Gesellschaft Teherans), eher limitiert dagegen ist wohl das österreichische Spielfilmprogramm. Dennoch ist der Eröffnungsfilm, 42 plus von Sabine Derflinger, ein schöner Beleg dafür, dass die Diagonale ihre Hauptaufgabe gut erfüllt, nämlich dafür zu sorgen, dass die Leute in der Branche in ungezwungener Atmosphäre miteinander reden können, damit daraus vielleicht neue Projekte entstehen. Es kommt schließlich nicht jeden Tag vor, dass ein internationaler Profi wie Mogens Rukov (Festen) bei einem österreichischen Spielfilm am Drehbuch mitschreibt.

Diskussionen und Rahmenveranstaltungen ergänzen und begleiten das Programm, und – wie jedes Jahr – wird im Rahmen des Festivals eine stattliche Anzahl an Preisen im Gesamtwert von über 120.000 Euro vergeben, darunter die Großen Diagonale-Preise für Spielfilm und Dokumentarfilm, der Preis für Innovatives Kino, der Carl-Mayer-Drehbuchpreis der Stadt Graz, der Preis für Kameraarbeit und der Schnitt-Preis.

Mein erstes Mal

Franz Grafl, Institut Pitanga
In Velden 1977 wurde mir die Nowendigkeit klar, den Verleih und Vetrieb des österreichischen Films mit zu organisieren. In Folge davon enstand der Verleih Filmladen, eine Initiative des Syndikats der Filmschaffenden Österreichs, der zum Ziele hatte, für internationale und österreichische Filmdokumentationen über Apartheid, über Dritte-Welt- Unabhängigkeitsbewegungen, über Frauenemanzipation, über die Anti-AKW-Bewegung etc. und für den neuen österreichischen Spielfilm außerhalb und innerhalb der Kinos Platz in den Köpfen und Herzen des Publikums zu schaffen. 1977, im Festsaal des Casinos von Velden, begann dieses Projekt konkret zu werden.

Peter Tscherkassky, Filmemacher
Bei mir waren es die Österreichischen Filmtage in Kapfenberg im Oktober 1981. Ich bin mit einem Zelt, einer Super-8-Filmdose, aber ohne jegliche Anmeldung per Autostopp angereist und habe nach dem örtlichen Campingplatz gefragt, was zu einem Riesen-Hallo und einem Eintrag in der nächsttägigen Steirer-Krone geführt hat. Campiert habe ich dann irgendwo tief im Walde an der Peripherie von Kapfenberg. Der Film hieß Rauchopfer und wurde im so genannten Ad-hoc-Programm gezeigt. Zwölf Jahre später hat mich dann der Herr Dr. Scholten zum Intendanten/Künstlerischen Leiter des österreichischen Filmfestivals Diagonale bestellt.

Hans Langsteiner, Ö 1
Mein erstes Mal war bei den Welser Filmtagen seligen Angedenkens. Das Jahr weiß ich nicht mehr, aber ich erinnere mich relativ genau an mitternächtliche Diskussionen etwa zum unsterblichen Thema „Warum hassen die österreichischen Filmkritiker den österreichischen Film?”. Auch alkoholbeflügelte Ausritte von Ernst Schmidt jr. sind jedem, der dabei sein durfte, unvergesslich.

Judith Wieser-Huber und Ralph Wieser, After Image / Kino unter Sternen
In Wels 1989 waren wir zum ersten Mal dabei, sehr aufregend. Der Eröffnungsfilm Der Siebte Kontinent von Haneke erhitzte die Gemüter. Erinnerungen an endlose Diskussionen, in der Sonne sitzend. Es war der denkbar beste Einstieg für uns. Ein fruchtbares Produktionsjahr mit wunderbaren Filmen – wir lernten vieles kennen, Lisl Ponger, Hans Scheirl, Martin Arnold, Ursula Pürrer, Mara Mattuschka. Da kann man wahrlich sentimental werden.

Maya McKechneay, Falter
Mein erstes Mal bei der Diagonale, 1998, war zugleich das erste Festival in Graz. Uns angehenden Filmtheoretikerinnen des „Projektstudiengangs Film & Geisteswissenschaften” hatte die Festivalleitung brieflich eine „Akkreditierung” zugesagt. Das klang gut, bloß: Nachdem die Diagonale mein erstes „professionell” besuchtes Filmfestival war, wusste ich nicht, was das ist. Der Ober des Café Museum brachte mir den nicht mehr ganz druckfrischen Brockhaus-Band „A”, worin sinngemäß zu lesen stand: „Akkreditierung ? Bescheinigung der Nützlichkeit durch eine anerkannte Instanz”. Was ja letztlich nicht verkehrt ist. Die Kinokarten waren für uns gratis und wir in diesem Jahr absolut nützlich, um den rotierenden Plexiglasboden der Thalia tanzend zu füllen.

Andrea Glawogger, Österreichisches Filmmuseum
Das war irgendwann
Mitte der 80er Jahre in Wels. Ich stand mit zwei, drei Leuten im schummrig-plüschigen Foyer des Kino Greif, es waren gerade Dietmar-Brehm-Filme gelaufen. Es war heiß und ganz still und trotzdem so ein staubiges Dröhnen im Raum. Dietmar Brehm stand auch da, irgendwo abseits mit seinen blond gefärbten Haaren und der schwarz umrandeten Brille, und ich dachte: Der ist ein Genie.

Andrea Christa, Filmfonds Wien
Wels, 1984: Als Noch-Studentin einen Dokumentarfilm mit Bernhard Frankfurter, Michael Pilz und Wolfgang Lehner gedreht und den langen Filmdiskussionen u.a. mit Ernst Schmidt jr. & Co. beigewohnt, die sich inhaltlich und in Bezug auf die Kulturpolitik(er) von den heutigen nur marginal unterschieden haben, aber durch manch geistreichen Streiter einen höheren Unterhaltungswert hatten. Ein Jahr später organisierte ich vor Ort das Pressebüro des Festivals und arbeitete mit einem lustigen Team, dem vier Stunden Schlaf genügten – alle motiviert von Reinhard Pyrker, dem Unbedankten.

Brigitte Mayr, Synema
Mein erstes Mal
waren die Welser Filmtage 1984, organisiert vom Filmbüro der beiden unvergleichlichen Pyrkers. Die wunderbare Melange von Austria Filmmakers Coop und der UFVA (Export, Tscherkassky, Christanell, Weibel, Lampalzer, Neuwirth, Deutsch, Brehm) über die damaligen Hoffnungen des jungen österreichischen Films (Andreas Gruber, Manfred Kaufmann, Peter Ily Huemer) bzw. der schon mehr Etablierten (Xaver Schwarzenberger, Walter Bannert) und erfreulich vielen Frauen (wie Margareta Heinrich, Käthe Kratz, Mara Mattuschka, Lisl Ponger, Sabine Groschup, Maria Knilli, Susanne Zanke) sowie den amüsanten Zugaben des historischen Programms  (1. April 2000) machte ebenso neugierig auf Kommendes, wie die zahlreichen Jungspunde der schreibenden Zunft, die ich dort kennenlernte. Unvergessen auch der einzigartige Star vieler hitziger Diskussionen: Ernst Schmidt jr.!

Dietmar Zingl, Cinematograph und Leokino, Innsbruck
Ich war das erste Mal 1982 in Kapfenberg dabei. Niki Lists Malaria ist dort gelaufen, und übernachtet habe ich in Graz, in einer WG, weil ich keine Kohle hatte damals und auch vom Festival nicht eingeladen wurde. Unser Kino Cinematograph war damals gerade in der kritischen Phase der „Duldung oder nicht“ durch das Land Tirol, es war im Landeslichtspielgesetz noch die „Bedarfsfrage“ drin.

Michael Omasta, Falter
An das erste Mal, jedenfalls war’s in Wels, erinnere ich mich nicht. 1987 dann, unvergessen, eine Reihe mit Filmen des Dilett-Antel, deren Lustigkeit auch im zweiten Kinosaal des schaurigen Traunpark-Centers deutlich zu vernehmen war. Dort sollte Was die Nacht spricht von Hans Scheugl laufen: „Antel and me don’t agree“, sagte er und machte auf dem Absatz kehrt. Selten nur hat sich mir das Wesen des österreichischen Films mit solcher Klarheit und Anmut offenbart.

Christine Dollhofer, Crossing Europe
Brennendes (und bleibendes) Interesse weckte erstmals Ende der 80er Jahre der ORF mit einer umfassenden Festivalreportage anlässlich der Österreichischen Filmtage in Wels. Peter Tscherkassky wurde als Newcomer der Avantgarde vorgestellt, und Falter-Autor Christian Cargnelli kritisierte leidenschaftlich den österreichischen Film. Unvergesslich!

Andreas Ungerböck, ray
1987, Wels. Ich hatte bei der Ö3-Musicbox einen Festivalpass gewonnen. Bedingung: drei Minuten Berichterstattung von den Filmtagen. Höhepunkte: ein Wortgefecht zwischen Damals-schon-Kurier-Filmkritiker Rudolf John und Heute-nicht-mehr-Filmemacher Robert Quitta. Das war Brutalität! Und: Filme von Dietmar Brehm im Spiegelsaal des Hotel Greif – auf Grund der Spiegel eine unfreiwillige, aber reizvolle „Mehrfachprojektion“.



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