Man wird mir hoffentlich nie ansehen, was ich hasse

Eine neue Biografie zeichnet ein komplexes Bild des deutschen Schauspielers Theo Lingen und entwirrt dessen doppeltes Spiel im Dritten Reich: ein Publikumsliebling zwischen öffentlicher Anpassung und privater Zivilcourage.

 

Jahrelang ließ sich der Komiker Theo Lingen beknien, es doch anderen deutschen Schauspielgrößen gleichzutun und seine Lebenserinnerungen zu Papier zu bringen. Doch er fand immer neue Ausflüchte, und so blieb letzten Endes alles, was er der Nachwelt an Autobiografischem offenbarte, ein schmaler Band (Ich über mich) und ein kleiner Film (Lingen über Lingen), in denen er sich der Einfachheit halber gleich selbst interviewte. Über seine Bilderbuchkarriere und seine Nöte in der NS-Zeit erfährt man darin so gut wie nichts; diese kauzige Selbstbefragung ist keine Lebensbeichte, noch weniger eine Rechtfertigungsschrift wie bei so vielen seiner Kollegen, mit denen er einst das Rampenlicht geteilt hatte. Bogen sich diese wortreich ihr Leben im Dritten Reich zurecht, zog Lingen das Schweigen vor.

Viele Aspekte seiner Biografie gerieten daher aus dem Blick, sodass der Schauspieler heute manchen nur noch aus belanglosen Nachkriegsfilmchen an der Seite Hans Mosers oder als trotteliger Oberstudiendirektor aus den „Paukerfilmen“ der Sechziger und Siebziger Jahre in Erinnerung ist. Dreißig Jahre nach seinem Tod 1978 haben die Berliner Filmhistoriker Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen nun aber alles an Quellenmaterial zusammengetragen, was über Lingens Karriere noch ausfindig zu machen war. Auf den 550 Seiten ihrer Biografie rücken sie das Zerrbild, das den einstigen Charakterdarsteller nur noch als Knallcharge kennt, wieder zurecht: So erfährt man, dass Lingen seine Bühnenlaufbahn Ende der Zwanziger Jahre noch nicht in der später zur Schablone erstarrten Dauerrolle des „Dieners vom Dienst“ begann, sondern in den politischen Großstadtkabaretts Berlins, als großer Tragöde neben Gründgens und als Kernbesetzung von Brechts Theaterexperimenten. Und auch seine ersten Glanzleistungen im Film bot der 1903 in Hannover als Franz Theodor Schmitz geborene Autodidakt nicht als Komiker, sondern mit sinistren Nebenrollen in Fritz Langs M – Eine Stadt sucht einen Mörder und in Dr. Mabuse.

Dass seine Karriere erst mit Beginn der NS-Herrschaft so richtig auf Touren kam und sich, nolens volens, nicht zuletzt dem Verschwinden seiner jüdischer Kollegen verdankte, liegt wie ein schwerer Schatten über seiner Biografie. Denn mit fieberhafter Produktivität spielte sich Lingen jetzt ganz nach oben: Mehr als die Hälfte seiner rund 200 Filme stammen aus den Jahren 1933 bis 1945. So machte ihn sein Arbeitseifer zum gefeierten (und daher unantastbaren) Film- und Bühnenstar – aber eben auch zu einem bereitwillig surrenden Rädchen in der Unterhaltungsmaschinerie der Nazis. Während draußen ganz Europa in Trümmer ging, gab Lingen im Kino den Narren, wackelte mit den Ohren und spielte heile Welt.

Ohne sich aufs Anekdotische zu verlassen, verknüpfen Aurich und Jacobsen dies jedoch mit einer Fülle biografischer Details, um die der Schauspieler selbst zwar nie viel Aufhebens machte, die aber vieles in einem anderen Licht erscheinen lassen: Lingens, zeitlebens der Linken zugeneigt, hat sich den neuen Machthabern nämlich keineswegs angedient, keine Huldigungsadressen an die NS-Potentaten formuliert und sich, so gut es eben ging, dezidierte Propagandafilme vom Leib gehalten. Allerdings: Ganz konnte auch er sich dem „totalen Krieg“ nicht entziehen, er absolvierte Gastauftritte beim „Wunschkonzert für die Wehrmacht“ und tourte zur Stärkung der Truppenmoral an die Front.

Solche Verstrickungen zeichnen die Biografen, die sich – bei aller durchschimmernden Sympathie – redlich um Distanz bemühen, sorgfältig nach. Und dennoch sehen sie in Lingen, der 1936 vorübergehend selbst die Flucht nach England erwog, einen „inneren Emigranten“, der Haltung und Anstand bewahrt habe. Den nötigen Freiraum verschaffte sich Lingen durch ein doppeltes Spiel: das Insistieren auf Privatheit und die umtriebige Verkörperung einer öffentlichen Figur, für die die Autoren das Bild einer „Maske“ bemühen, die er nie wieder ablegen sollte. Denn fürs Publikum gab er fortan erfolgreich die näselnde Witzfigur: den Kammerdiener, Kellner oder Sekretär. Privat hingegen suchte er Schutz im Verborgenen, mied Interviews und zog mit seiner Familie 1939 nach Strobl am Wolfgangsee. (Später stellte sich übrigens heraus, dass er das Haus in Strobl – angeblich ohne vom Anwalt darüber in Kenntnis gesetzt worden zu sein – dem Zwangsverkauf durch die jüdische Vorbesitzerin zu verdanken hatte.)

Beruflich trat er also die Flucht nach vorne an und avancierte zu einem der meistbeschäftigten Schauspieler des Dritten Reichs. Er wusste, dass nur seine Prominenz ihm jenen Schutz bieten konnte, den seine Familie bitter nötig hatte: Der Komiker und Komödiant war nämlich seit 1928 mit der aus Wien stammenden Opernsängerin Marianne Zoff verheiratet, die den NS-Behörden aufgrund ihrer jüdischen Mutter als „Mischling 1. Grades“ galt. Während sie und ihre Eltern in ständiger Angst lebten, geriet auch Lingen als „jüdisch versippter“ Künstler zunehmend unter Druck. Doch anders als etwa sein Filmpartner Heinz Rühmann dachte er nicht daran, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Er setzte jetzt sogar alle Hebel in Bewegung, um seine Stieftochter Hanne, die seine Frau aus ihrer früheren Beziehung mit Bertolt Brecht in die Ehe mitgebracht hatte, zu adoptieren, weil er nach der Ausbürgerung ihres Vaters Repressalien für sie befürchtete. Er habe „volles menschliches Vertrauen“, schrieb ihm Brecht damals aus dem Exil. Ein Berufsverbot, das ihm aufgrund seiner Ehe drohte, blieb Theo Lingen – zunehmend auch sein eigener Autor und Regisseur – dank seiner Popularität erspart. Allerdings konnte er seine Karriere nur aufgrund einer Sondergenehmigung fortsetzen. Er hielt sich also aus guten Gründen bedeckt: „Man wird mir hoffentlich nie ansehen, was ich hasse“, legte Lingen 1942 dem „Johann“ seines gleichnamigen Paradestücks in den Mund.

Zugleich aber scheute er auch nicht davor zurück, Bedrängten zu Hilfe zu eilen: Mit einem juristischen Kabinettstück rettete er zunächst Brechts Haus am Ammersee vor der Enteignung durch die NS-Stellen und konnte später auch die „Arisierung“ des Wiener Hauses seiner Schwiegereltern vereiteln. Dem kommunistischen Künstlerpaar Hans und Lea Grundig ließ er heimlich größere Summen zukommen; und mit einer Sammelaktion soll er, wenn auch vergeblich, versucht haben, dem untergetauchten jüdischen Theatermann Moritz Seeler zur Flucht ins Ausland zu verhelfen. Die Deportation seiner jüdischen Schwiegermutter konnte er hingegen abwenden, indem er sich nach Berlin in die Höhle des Löwen wagte, um von Goebbels persönlich den Schutz seiner Schwiegermutter zu erwirken. Anders als ihre Geschwister, die in den Vernichtungslagern umkamen, überstand sie so die Jahre des Naziterrors unbeschadet. 1942 soll Lingen dann sogar bei Alois Brunner, einem der Cheforganisatoren der Judenvernichtung, in dessen Wiener Dienststelle vorstellig geworden sein, um sich, wie dortige Mitarbeiter bestätigten, für den jüdischen Schauspieler Louis Treumann einzusetzen. Brunner zeigte sich geschmeichelt vom prominenten Bittsteller, willigte ein und setzte Treumann auf freien Fuß – nur um ihn dann abermals zu verhaften und nach Theresienstadt zu deportieren. „Widerständig ist Lingens Verhalten allemal zu nennen“, attestieren ihm seine Biografen: „Auch couragiertes Auftreten hat er bewiesen.“

1945 war der Spuk vorbei. In den Tagen der Befreiung hatte Lingen bei der Entmachtung der lokalen NS-Führung in seinem Wahlheimatort Strobl sogar selbst mit Hand angelegt (vgl. ray 04/07). Er setzte seine Hoffnung auf einen radikalen politischen Neubeginn, half emigrierten Kollegen bei der Rückkehr und hatte einen guten Draht zu den kulturpolitischen Spitzen der KPÖ. Voller Tatendrang tingelte Lingen mit einer kleinen Theatertruppe durch die österreichische Provinz. Wenig später fasste er, inzwischen österreichischer Staatsbürger, im Burgtheater Fuß, driftete aber in der Folge zusehends in den Boulevard ab und bediente das immergleiche Rollenfach, dessen er eigentlich längst überdrüssig war. Während er seit den Sechziger Jahren den Rückzug von der Bühne vor sich her schob, trat er dafür umso häufiger im Fernsehen auf, einem Medium, mit dem er schon bei dessen Probeläufen kurz vor dem Krieg in Berührung gekommen war. Doch die Zeit seiner eigenwilligen Körper- und Sprachkomik war lange vorbei. Und das wusste er auch: „Wenn ich nur etwas vom Theater höre“, gestand er kurz vor seinem Tod, „ekelt es mich schon.“



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Rolf Aurich / Wolfgang Jacobsen
Theo Lingen. Das Spiel mit der Maske.
Aufbau-Verlag, Berlin 2008.
551 S., € 25,70




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