Filmen mit aller Leidenschaft

Das Filmarchiv widmet dem Regisseur, Autor, Lehrer und Maler Peter Patzak im Dezember und Jänner anlässlich seines 65. Geburtstags eine große Retrospektive.

 

Die Retrospektive im Filmarchiv stellt die verdiente Würdigung eines Universaltalents dar, das die breite Öffentlichkeit hauptsächlich mit der legendären Fernsehserie Kottan ermittelt in Verbindung bringt. Dabei hat Peter Patzak im Lauf seiner langen Karriere an die 90 Filme gedreht, in den Achtziger Jahren regelmäßig mit internationalen Ausnahmeschauspielern wie Elliot Gould oder Michael York zusammengearbeitet und auf eine bestens eingespielte Crew mit etwa Dietrich Lohmann, dem langjährigem Fassbinder-Kameramann, vertrauen können.

Dass einer der wenigen international agierenden österreichischen Spielfilmregisseure seit Mitte der Neunziger Jahre beinahe ausschließlich für das Fernsehen arbeitet, hat verschiedene Gründe: Seine letzten Filme (Gavre Princip und Es lebe die Liebe, der Papst und das Puff) konnten an den Kassen nicht reüssieren, die Förderanstalten konzentrierten sich immer mehr auf eine österreichische Art von Befindlichkeitskino (andere sagen: Autorenkino), Genrefilme wurden kaum noch gefördert, und kreative Differenzen mit Produzenten verhinderten ebenfalls einige Projekte. Aber wenn jemand so besessen ist vom Film und auch von der täglichen Arbeit mit den Schauspielern und den anderen Crewmitgliedern, dann muss er halt drehen, was so kommt und das Beste aus den speziellen Fernsehfilm- und Serienzwängen machen. Das ist Peter Patzak – trotz einiger Ausrutscher –auch gelungen, er hat es über die Jahre immer wieder geschafft, für ihn wichtige Themen wie Ausländerfeindlichkeit innerhalb existierender Serienschablonen wie Polizeiruf 110 oder Doppelter Einsatz umzusetzen.

Cinemaniac

Die Liebe zum Kino brachte den jungen Peter Patzak für einige Jahre nach Amerika, wo er sich das handwerkliche Rüstzeug holte, um als 27-Jähriger 1972 seinen ersten Spielfilm Situation, immerhin mit Rita Tushingham, in Österreich zu realisieren. Offensichtlich von den diversen stilbildenden Caper Movies der vergangenen Jahrzehnte wie The Killing von Stanley Kubrick und von Meistern ihres Faches wie Don Siegel beeinflusst, versucht Patzak sich an einem Genre, das sehr strengen Gesetzen folgt. Wie auch beim Coup selber funktioniert auch beim Film nicht alles nach Plan, das Drehbuch ist zu unausgegoren, aber in vielen gelungenen Momenten erkennt man schon das visuelle Talent eines Filmbesessenen, der es meisterhaft versteht, die Größen seines Geschäfts zu zitieren, ohne sie bloß zu imitieren. Auch in Zerschossene Träume (1975) spielt er mit den Versatzstücken der klassischen Gangster B-Pictures und ihrer französischen Ausprägung, um dann doch eine eigenwillige Milieu- und Charakterbeschreibung in den Mittelpunkt der Handlung zu setzen. Der auch formal interessante Film kann als Bindeglied zwischen den frühen Genreversuchen und den kommenden Kottan’schen Reisen in die Welt des Wiener Kleinbürgertums und Proletariats gesehen werden. Trotz der sehr selbstreflexiven Machart ­ – hier hat jemand die Gangsterfilmgeschichte genau studiert – setzt dieses Werk nicht auf eine humoristische Brechung der Konventionen, sondern stellt sie gleichsam aus, ohne sie zu zerstören. Spätere Thriller mit größerem Budget hielten sich enger an die Konventionen. Der Joker (1987), den Patzak zusammen mit dem Autor Jonathan Carroll geschrieben hat, hätte mit seinem pessimistischen Grundton und seinem lakonischen Zugang vielleicht den Test der Zeit bestanden, wäre statt Peter Maffay ein Schauspieler für die Titelrolle gecastet worden. Killing Blue wiederum, mit dem großartigen Armin Mueller-Stahl in der Rolle eines schrulligen Kommissars, schwächelt an der Vorhersehbarkeit der Geschichte. Daran kann auch die um Atmosphäre bemühte Inszenierung nichts ändern.

Ein perfektes Paar

Mit dem umtriebigen Autor Helmut Zenker – einem ehemaligen Schulkollegen – fand Peter Patzak Mitte der Siebziger Jahre einen kongenialen Partner, mit dem er sich aufmachte, unter oft chaotischen Produktionsbedingungen, die selber Stoff für viele Anekdoten abgaben, die längst legendäre Serie Kottan ermittelt zu entwickeln. Es war vor allem rückblickend gesehen die goldene Ära des ORF, was die Kreativität seiner Mitarbeiter betraf. Die Quote stand noch nicht so im Mittelpunkt, unkonventionelle Ideen hatten noch eher die Chance auf eine Verwirklichung. Viele sozialkritische Fernsehfilme aus dieser Zeit, mit geringem Budget verwirklicht, wirken auch heute noch von der Filmsprache wie vom Inhalt her erstaunlich modern. Zenker gab beim Kottan die genau beobachtete Milieuschilderung vor, Peter Patzak setzte die eigentlich triste Welt der Vorstadtbassenas und Schrebergartensiedlungen filmisch mit Zitaten geschmückt und einer gehörigen Portion (Selbst-)Ironie adäquat um. Der Charakter des „Inspektor gibt’s kan“ Major Adolf Kottan wandelte sich mit der Zeit: Franz Buchrieser legte die Figur lakonischer, stoischer an. Kottan gewinnt an Souveränität in seiner Inkompetenz. Der depressive Zug des Peter-Vogel-Charakters wandelte sich in eine verstärkte Einladung zur Identifikation auch für das durchschnittliche Fernsehpublikum: Hier war nun jemand zu sehen, der seinen Beruf mehr schlecht als recht ausübte, aber trotzdem immer irgendwie die Oberhand behielt. Dessen Privatleben von denselben Problemen geplagt wird wie das von Millionen anderen auch, der aber nicht an den Schwierigkeiten verzweifelt, sondern einfach weitermacht. Im Prinzip funktioniert er wie ein klassischer Charakter, der in vielen Hollywoodfilmen, auch frühen Komödien wie etwa jenen Charlie Chaplins, zelebriert wird: The man who can’t be put down. Ein Stehaufmanderl eben. Mit Lukas Resetarits gab es dann eine eindeutige Entwicklung ins Skurril-Komische. Die slapstickhaften Gags und die Anspielungen auf die Medienwelt ringsherum (und das war damals hauptsächlich der ORF) dominierten die immer spärlicher werdende Handlung. Wütende Proteste ob der Verunglimpfung der Polizei gab es vor allem zu Beginn der Serie, aber dieses Mediengepolter konnte dem Erfolg des anarchistischen Ermittlers keinen Abbruch tun, im Gegenteil. Die ganze künstliche Aufregung wirkt heute so skurril, als sei sie selber Bestandteil der Serie gewesen. In Kassbach (1979) stellte das Team Patzak/Zenker die dunkle Seite des Spießbürgers in uns allen viel stärker in den Vordergrund. In beklemmend realistischen Bildern erschließt sich langsam die von Vorurteilen aller Art geprägte Welt eines nazistischen Kleinbürgers, der Teil einer Bewegung wird, die Attentate im Wiener Raum plant und auch durchführt. Ganz im Gegensatz zu Peter Kerns thematisch verwandtem, aber dilettantisch geschriebenem Blutsfreundschaft, der wenig Wert auf die Motivationen seiner Figuren legt, geht es um das Innenleben eines Mannes, der, nach außen hin unauffällig, zwischen Minderwertigkeitsgefühlen und Allmachtsfantasien getrieben, dem Alltagsfaschismus eine Stimme, einen Tonfall gibt. Das wirklich Erschreckende daran ist, wie wenig sich in den letzten dreißig Jahren geändert zu haben scheint, was die gerade in Krisenzeiten steigende Bereitschaft der Leute betrifft, an von Hasspredigern identifizierte Sündenböcke für ihr eigenes Unglück zu glauben.

Während Kassbach seinen festen Platz im Kanon der österreichischen Filmgeschichte hat, sind zwei Arbeiten nach Stücken des deutschen Dramatikers Dieter Forte wohl bis auf weiteres nur bei der Retrospektive des Filmarchiv zu sehen: Gesundheit und Der Aufstieg beschäftigen sich mit den Auswirkungen des Survival-of-the-Fittest- und Erfolgs-Wahns der heutigen Konsumgesellschaft. Obwohl schon Anfang der Achtziger Jahre inszeniert, haben beide Filme nichts von ihrer Eindringlichkeit und Klarheit bezüglich der psychologischen Abhängigkeit des Einzelnen von den oft pervertierten Werten der Gesellschaft verloren.

History is not made by great men

In vielen seiner Filme hegt Peter Patzak eindeutige Sympathien für die Außenseiter der Gesellschaft, die oft querköpfigen Verlierer, die sich mit dem Lauf der eigenen Geschichte und der Geschichte der Welt nicht abfinden wollen und können. Die letzte Runde/Strawanzer (1983), geschrieben vom langjährigen ORF-Redakteur Wolfgang Ainberger, genial besetzt mit Elliott Gould und Heinz Moog, setzt zwei solch störrischen Menschen, die sich oft selbst zerstören, ein filmisches Denkmal. In den Achtziger und Neunziger Jahren verfilmt Peter Patzak zudem oft historische Stoffe, besonders die Zeit zwischen 1914 und 1945 interessiert ihn stark. Allerdings geht es z.B. weder bei Camillio Castiglioni noch bei Gavre Princip noch bei 1945 primär um die korrekte Wiedergabe der geschichtlichen Ereignisse. In den drei Geschichten (Aufstieg und Fall eines Unternehmers am Ende des Ersten Weltkriegs; das Attentat von Sarajevo 1914; die turbulente Zeit unmittelbar nach dem Ende des Nazi-Regimes) stehen die Themen Macht, Korruption, Nationalismus, Rache, Mitläufertum im Mittelpunkt, anschaulich gemacht an Hand des Schicksals von wenigen Einzelnen. Diese Menschen sind immer Täter und Opfer zugleich: Sie machen sich schuldig, weil sie sich in konfliktreichen Situationen für das Falsche entscheiden. Aber diese Wahl ist meist nicht frei, sondern wird von den Normen der Gesellschaft diktiert. Trotzdem ist Peter Patzak kein Determinist. Oft sind die Verhältnisse einfach erdrückend und stärker als die Widerstandskraft des Individuums. Die Geschichte ist natürlich keineswegs abgeschlossen, die Vergangenheit wirkt in die Gegenwart nach, so sind auch genügend Querverweise zu aktuellen Geschehnissen in Patzaks historischen Filmen zu finden.

Die Welt ist schlecht, aber der Mensch ist gut

Geschmackssicher agierte Peter Patzak bei der Auswahl der Romanvorlagen zu seinen Filmen: Doderer, Schnitzler, Perutz, Walser oder Rosegger für die Leinwand zu adaptieren, ist auf jeden Fall eine Herausforderung, und die Ergebnisse offenbaren auch die Stärken und Schwächen des Regisseurs. Visuell ist an den Filmen nichts auszusetzen, als Maler hat er einfach ein Auge dafür, wie man Menschen in Räumen inszeniert. Auch die Details der Ausstattung sind ihm eminent wichtig, da wird selbst für einen Fernsehkrimi schon einmal länger nach der richtigen Patina beim Schreibtisch des Kommissariats gesucht. Die Schauspielerführung ist sowieso immer eine seiner großen Vorzüge gewesen. „Peter Patzak nimmt sich die Zeit, um jede Idee auszuarbeiten. Überhaupt, du darfst alles ausprobieren. So flexibel, wie er ist, das ist ein Traum. Und dafür tust du alles für ihn.“ (Elke Winkens) Der Mann hat sein Handwerk im Lauf der Jahre perfektioniert. Das Problem waren zumindest teilweise die Drehbücher, denen oft die Stringenz, der lange Atem, das durchgehende dramaturgische Konzept gefehlt hat. So gibt es etwa in Das Einhorn (1978) „Szenen, die vor Intensität glühen: Da kann ich nur froh sein, dazu das Brenn- und Baumaterial geliefert zu haben“ (Martin Walser), darauf folgen aber auch Leerläufe, was wohl bei einer Drehzeit von nur acht Tagen nicht weiter verwundert. Auch bei den Försterbuben macht der Regisseur das Beste aus den vorhandenen zeitlichen und budgetären Möglichkeiten. Mit dem jungen Georg Friedrich in seiner ersten Hauptrolle und dem großen (keineswegs nur) Italowestern-Helden Franco Nero gelingt es ihm über weite Strecken, eine Art von authentischem österreichischen Heimatfilm zu drehen, der Klischees der jüngeren Filmgeschichte nicht scheut, sondern wirkungsvoll einsetzt. Vielleicht hätte er ein paar Filme weniger drehen und dafür mehr Zeit und Energie in die oft langwierige Stoffentwicklung investieren sollen, aber das ist eigentlich Sache des Produzenten und nicht des Regisseurs. Solange Patzak seine Themen, und das waren nicht wenige, im Kino oder im Fernsehen durchgebracht hat, hat er viele Filme gedreht, die ihm am Herzen lagen, und das ist eine Errungenschaft, die ihm hierzulande einmal jemand nachmachen muss. Seine Weltsicht oder zumindest die seiner Filme ist die eines Realisten, der sich weigert, seine Träume aufzugeben. Die Welt ist schlecht, aber der Mensch ist gut, oder könnte es zumindest sein, wenn die Verhältnisse es zuließen.

Daneben arbeitet Patzak noch als Autor und Maler sowie als Professor an der Filmakademie, konnte sich aber leider nicht dazu durchringen, als Produzent aktiv zu werden. Er wäre genau der richtige Mann dafür gewesen, sein umfangreiches Wissen über den Film und seinen nicht immer einfachen Entstehungsprozess an eine jüngere Generation weiter zu geben – nicht nur an der Akademie, sondern auch in der alltäglichen Praxis.



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Karin Moser / Andreas Ungerböck (Hg.):
Peter Patzak. Filmemacher, Autor, Maler.
Verlag Filmarchiv Austria 2009,
464 S., zahlreiche Abb., € 24,90.
Erscheint zur Retrospektive.

www.filmarchiv.at




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