Von der Lust am Darüberreden ...
… und der Erfüllung im Tun: A Dangerous Method von David Cronenberg
Sie sind gebildet, bedeutend und wohlhabend. Und pervers, dünkelhaft und skrupellos. Zudem sind die drei feinen Herrschaften, von denen David Cronenbergs A Dangerous Method (deutscher Verleihtitel, nicht minder passend, aber einen anderen Schwerpunkt setzend: Eine dunkle Begierde) erzählt, allgemein bekannt. Jedenfalls die beiden Männer: Sigmund Freud und Carl Gustav Jung, Vater der Psychoanalyse der eine, Vater der Archetypen-Theorie der andere. Sabina Spielrein, die Dritte im Bunde, teilt das weibliche Schicksal, nämlich den Männern fruchtbaren Boden geboten zu haben und sodann lange Jahre vergessen und im Weiteren unterschätzt worden zu sein. Wie Spielrein heute und wie sie im psychoanalytischen Kontext wahrgenommen wird, hängt primär davon ab, welche Klatsch-und-Tratsch-Prädisposition der jeweilige Betrachter der Konstellation mitbringt.
Es begab sich nämlich zwischen Freud-Spielrein-Jung respektive Jung-Freud-Spielrein beziehungsweise Spielrein-Jung-Freud usw. Folgendes: Im Zuge der Modellanalyse, die Jung mit Spielrein durchführt, kommt es zur sattsam bekannten Übertragung, die Jung jedoch, angestiftet von einem anderen Patienten, dem reichlich durchgedrehten Psychiater und Anarchisten Otto Gross, nicht deflektiert, sondern der er nachgibt. Weil Jung reich verheiratet ist und diesen Reichtum nicht aufs Spiel setzen will, bekleckert er sich im Zuge der folgenden „Affäre Spielrein“ nicht mit Ruhm, sondern benimmt sich wie der feige, verwöhnte Pantoffelheld, der er in Wahrheit ist. Er geht so weit, Spielrein bei Freud anzuschwärzen, als diese nach einem Weg sucht, der unseligen Leidenschaft auf respektable Weise zu entkommen. Es folgt nicht wenig Gefühlsgewirr, hatte Freud, der beide schätzt, doch gehofft, in Jung jenen Kronprinzen gefunden zu haben, der die Psychoanalyse aus der von den Antisemiten beargwöhnten Nische herausführt.
Zu jedem Zeitpunkt also steht für alle drei Beteiligten eine Menge auf dem Spiel. Doch es ist immer Muße genug, Sabina Spielrein, so wie sie das gerne hat, ans Bettgestell zu fesseln und ihr mit einer Lederpeitsche den geil hochgereckten Hintern zu versohlen. C.G. Jung, stets korrekt und adrett, lernt bei dieser Gelegenheit völlig neue und unvermutete Seiten an sich kennen; Sabina genießt die Lust, die die Realisierung ihrer Phantasien ihr bereitet. Man kann es auch den selbstbestimmten Ausdruck ihrer Sexualität nennen. Jedenfalls wird diese Frau im Laufe dieses Films immer zufriedener, stärker, selbstbewusster und artikulierter. Bis sie am Ende die beiden Männer, die sich zwischenzeitlich in einem Schwanzlängen-Vergleich verloren haben, locker in die Tasche stecken könnte. Wenn sie denn wollte.
Es ist das reinste Vergnügen, Keira Knightley in der Rolle der Sabina Spielrein dabei zuzusehen, wie sie die nicht gering zu schätzenden schauspielerischen Hürden „Hysterie“ und „SM-Sex“ im Flug nimmt und allen Zweiflern an ihrem großen Talent – hoffentlich ein für alle Mal – das Maul stopft. Es ist auch ein Vergnügen, die zarte und leider immer noch ein wenig unterschätzte Knightley gegen zwei Schauspieler vom Kaliber eines Michael Fassbender (als Jung) und, vor allem, eines Viggo Mortensen (als Freud) mühelos bestehen zu sehen. Und es ist, drittens, ein Vergnügen, zu beobachten, wie sich aufgrund von Knightleys starkem Spiel der Schwerpunkt der Geschichte verlagert. Weg vom Methodenstreit in der Psychoanalyse, der geführt wird von zwei Männern, die selbst dann noch zugeknöpft agieren, wenn sie einander gegenseitig die (Im)Potenz-Träume analysieren. Hin zur Befreiung und schließlichen Selbstwerdung einer von den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit krank gemachten Frau, die in ihrer professionellen Arbeit Freuds Todestrieb-Theorie vorwegnehmen wird.
Der Bock als Gärtner
Wie viel von dieser ganzen Geschichte wohl wahr sein mag? Wie viel hat David Cronenberg erfunden? Oder Drehbuchautor Christopher Hampton, auf dessen Bühnenstück „The Talking Cure“ A Dangerous Method beruht? Oder John Kerr, dessen Buch „A Most Dangerous Method“ den Stoff zu beidem lieferte? Jedenfalls sollte man sich darüber im Klaren sein, dass hier keine akkurate Rekapitulation historischer Ereignisse geboten, sondern ein Exempel statuiert wird: Was passiert, wenn drei Menschen in wilden Gefühlsaufruhr geraten, deren Profession die gedankliche Durchdringung des Gefühls und seiner Motive ist? Wie sieht es aus, wenn, was geschieht, zugleich Gegenstand der Analyse wird?
Nun, unter anderem wird reichlich viel auf reichlich hohem Niveau über reichlich komplexe Sachverhalte geredet. Es ist nicht zuletzt dieser artikulierte Umgang mit Sympathie, Antipathie, Begehren, Abstoßung, Faszination und Grausen, mithin also die Existenz einer Metaebene, die von den Beteiligten kontinuierlich hergestellt wird, die A Dangerous Method zu einem derart gewinnbringenden Vergnügen macht. Auf den ersten Blick mag es einem widersprüchlich erscheinen, ein Werk von Cronenberg, Vater des Körperhorrorfilms, bildungsbürgerlich zu nennen. Und doch ist A Dangerous Method genau das: Ein kluger, selbstsicherer, abgründiger und immer wieder hoch-komischer Film, der das Denken nicht scheut und es von seinem Publikum fordert. Nicht zu vergessen die opulente, fast pathologisch detailverliebte Ausstattung, die gediegene Umgebung, in der sich das alles zuträgt und die nicht wenig dazu beiträgt, das dringend Notwendige und im damaligen historischen Moment Unausweichliche der Psychoanalyse sichtbar zu machen: Schließlich steht in deren Zentrum die Frage nach dem Umgang des Menschen mit seiner Triebenergie.
Und wenn man sie sich dann so ansieht, Sabina Spielrein, C.G. Jung und Sigmund Freud, wie sie regelrecht umzingelt werden von Dekor, schmückendem Beiwerk, elaborierter Kostümierung, dann braucht es nicht viel Phantasie, um zu erkennen, dass hier etwas unterdrückt und verdrängt wird, das früher oder später machtvoll wiederkehren wird. Die Männer wirken erstickend erigiert mit ihren hohen Krägen und Krawatten, in ihren geschlossenen Westen und Anzügen. Die Frauen sind mit Rüschen und Spitzen drapiert wie Sahnetorten, atemlos in Korsetts eingeschnürt, aufgemascherlt bis zur Unkenntlichkeit. Alle sind nahezu immer von Kopf bis Fuß bedeckt und zu Zeichen ihres gesellschaftlichen Status’ erstarrt. Der Körper verkommt zum Träger von Ornament und Verzierung. Doch der Körper will sein Recht und durchbricht mit seinem impertinenten Beharren auf seine tabuisierten Bedürfnisse die Fassade der Wohlanständigkeit. Diese Ruhe-Störung fordert Behandlung.
A Dangerous Method ist auch deswegen ein so witziger Film, weil sich in ihm lauter Böcke als Gärtner betätigen. Normalität ist im gezeigten Zusammenhang ein sehr, sehr relativer Zustand. Und eben das ist auch das Gefährliche an der Methode, die sich da im Selbstversuch allmählich herauskristallisiert. Dabei geht es gar nicht um gesund oder krank, sondern um das Fehlen eines neutralen Standpunktes, einer objektiven Perspektive. So klärt sich schließlich auch der scheinbare Widerspruch eines bildungsbürgerlichen Cronenberg-Films. Die Revolution des Fleisches findet diesmal auf andere Weise und im Widerstand gegen andere Kräfte statt. Die Maschine, die assimiliert wird, ist die des bürgerlichen Establishments. Entlang der hauchdünnen Grenze, die Barbarei von Zivilisation trennt und die Cronenberg bereits in A History of Violence und Eastern Promises unter die Lupe genommen hat, geht er diesmal nicht Unterwerfungsstrukturen, sondern Selbstunterwerfungsstrukturen nach. Das Ziel einer Gesprächstherapie ist schließlich immer auch, aus einem nicht funktionstüchtigen ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft zu machen. Wo Es war, soll Ich werden. – Klingt gut. Schreibt sich schnell hin. Ist aber schwer.
Die Protagonisten müssen das buchstäblich am eigenen Leib erfahren; auf welch schmerzliche Weise, dafür ist, nennen wir es: „the spanking of Spielrein“ der szenisch symbolische Ausdruck. „True sexuality means the destruction of the ego“, sagt Spielrein einmal, als sie mit Jung eine ihrer wissenschaftlichen Arbeiten diskutiert. Unter dieser Prämisse kann man sich unschwer vorstellen, welche Bedrohung der Trieb für Männer mit Egos wie Freud und Jung darstellt. Auch, dass Frauen wie Spielrein dabei leicht unter die Räder geraten. „Sie hatte es natürlich planmäßig auf meine Verführung abgesehen, was ich für inopportun hielt. Nun sorgt sie für Rache“, jammert Jung brieflich an Freud. Und der schreibt zurück: „Kleine Laboratoriumsexplosionen werden bei der Natur des Stoffes, mit dem wir arbeiten, nie zu vermeiden sein.“ Männerkumpanei.
Eine Kumpanei, die Cronenberg in A Dangerous Method nicht lediglich entlarvt, indem er die Geburt der wichtigsten psychoanalytischen Strömungen aus einem Sumpf von Begierden, Neid und Perversion nachzeichnet. Er zeigt auch, dass man die Behandlung überleben kann. Idealerweise, indem man sie sich zu Eigen macht, den Spieß umdreht und zurück behandelt. Projektion, Spiegelung, Übertragung. Es ist nicht nur eine sehr gefährliche Methode, es ist auch ein Spiel mit dem Feuer. Nichts für Zartbesaitete, alles für Nervenschwache.
Eine dunkle Begierde / A Dangerous Method
Drama, Kanada/Deutschland/Großbritannien 2011
Regie David Cronenberg
Drehbuch Christopher Hampton
Kamera Peter Suschitzky
Schnitt Ronald Sanders
Musik Howard Shore
Production Design James McAteer
Kostüm Denise Cronenberg
Mit Viggo Mortensen, Keira Knightley, Michael Fassbender, Vincent Cassel, Sarah Gadon, André Hennicke, Mareike Carrière, Anna Thalbach
Verleih Universal Pictures, 92 Minuten


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