ray | Café de Flore

Café de Flore

Komplex verschachteltes Drama um Liebe, Trennung und die Notwendigkeit, loszulassen

 

Schon in Jean-Marc Vallées Coming-of-Age- und Familiengeschichte C.R.A.Z.Y spielte Musik eine zentrale Rolle. Bei Café de Flore war nun sogar das gleichnamige Musikstück von Matthew Herbert der Ausgangspunkt, um welches herum der Regisseur die Handlung entwickelt. Zunächst scheint die in unterschiedlichen Versionen gespielte Komposition das einzige Bindeglied zwischen dem im Montreal der Gegenwart lebenden DJ Antoine (Kevin Parent) und dem siebenjährigen Laurent (Marin Gerrier), der im Paris der sechziger Jahre lebt zu sein. Stutzig machen könnte dabei freilich die Tatsache, dass Herbert „Café de Flore“ erst 2001 komponierte. Stutzig machen kann aber auch die Off-Erzählerin, die beide Figuren vorstellt – den DJ als durch und durch glücklichen knapp 40-Jährigen, gesund, mit neuer Geliebter, zwei Töchtern und finanziell ohne Sorgen, Laurent dagegen als Kind, das mit dem Down-Syndrom geboren wurde, in ärmlichen Verhältnissen lebt, aber von seiner Mutter (Vanessa Paradis) liebevoll umsorgt wird. Rasch stellt sich hier die Frage, wer erzählt und wie die Geschichten zusammenhängen. Den Knotenpunkt findet man in Antoines Ex-Frau Carole (Hélène Florent), die nie über die Trennung hinwegkam, in Tabletten Erleichterung sucht und von Alpträumen gequält wird.

Immer wieder wechselt Vallée zwischen den Zeitebenen. Während er dabei die Geschichte des kleinen Laurent und seiner Mutter weitgehend linear entwickelt, springt er bei Antoine und seiner Familie vor und zurück, zeichnet mehr ein aus Bildschnipseln zusammengesetztes, impressionistisches Stimmungsbild von Glück und Schmerz, statt eine Handlung zu entwickeln. Verbunden werden die Erzählstränge dabei durch den fulminanten Soundtrack, der sich aus Songs von Pink Floyd, The Cure oder Cole Porter speist. In den stärksten Momenten wird dadurch ein intensiver Teppich der Gefühle gewoben, am eindrücklichsten in der Szene, in der „Svefn-g-Englar“ der isländischen Band Sirgur Ros den Beginn von drei voneinander völlig unabhängigen Liebesgeschichten verschränkt. Virtuos ist dieses Puzzle konstruiert, fordert den Zuschauer, bleibt dennoch überschaubar, denn zunehmend werden die Verflechtungen dichter und bald tauchen blitzlichtartig Figuren aus der gegenwärtigen Handlung in der Pariser Geschichte und umgekehrt auf, bis die beiden Ebenen verschmelzen. Reichlich banal und enttäuschend ist allerdings die Auflösung, und so heftig einzelne Momente emotional einfahren, so sehr hält doch andererseits die Konstruiertheit und zerhackte Erzählweise den Zuschauer auch wieder auf Distanz.



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Drama, Kanada/Frankreich 2011


Regie, Drehbuch Jean-Marc Vallée
Kamera
Pierre Cottereau
Schnitt
Jean-Marc Vallée
Production Design
Patrice Vermette
Kostüm
Ginette
Magny, Emmanuelle Youchnovski
Mit Vanessa Paradis, Kevin Parent, Hélène Florent, Evelyne Brochu, Marin Gerrier, Alice Dubois, Evelyne de la Chenelière, Michel Dumont
Verleih Thimfilm, 120 Minuten

www.thimfilm.at/cafe-de-flore



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