Coolness im Hinterland
Die Krimi-Drama-Serie „Justified“ überzeugt mit funkelnden Dialogen und einem doppelten Vater-Sohn-Konflikt, vor allem aber als ironischer Neo-Western, wie er im Elmore-Leonard-Buche steht. Jetzt auf DVD.
Ein Mann mit Stetson und einer locker an der Hüfte sitzenden Faustfeuerwaffe kehrt nach einem Malheur in der Fremde zurück in sein Heimatdorf. Selbstverständlich sind dort alte Rechnungen zu begleichen und neue Schwierigkeiten auszuräumen, werden Gespenster aus der Vergangenheit lebendig und frühere Frauengeschichten virulent. Schließlich kommt es zum Showdown mit einem Jugendfreund, der einen ähnlich kriminellen Vater hat wie unser Held, der aber, anders als unser Held, in die Fußstapfen des Vaters getreten war.
Es braucht nicht viel, um sich zu dieser Handlung Pferde, Holzhütten und einen muffigen Saloon vorzustellen, dazu den jungen Clint Eastwood in der Hauptrolle, und an einen klassischen Hollywood-Western der sechziger Jahre zu denken.
Verlegt man die Geschichte von einem staubigen Wüstenkaff ins heutige Harlan County, Kentucky; ersetzt man das Animiermädchen im Saloon durch eine laszive Südstaaten-Hausfrau (Joelle Carter), die gerade ihren gewalttätigen Ehemann mit einer Winchester umgeblasen hat; charakterisiert man die aparte Ex-Gattin unseres Helden (Natalie Zea) als toughe Karrierefrau; schreibt man dem besagten Jugendfreund Boyd Crowder (Walton Goggins) eine Schwäche für Panzerabwehrrohre zu, mit denen er jeweils nach der deutlich hörbaren Ankündigung „Fire in the hole!“ Gebäude und Fahrzeuge von Minoritäten und Renitenten wegsprengt; und nimmt man schließlich als Helden den zur freien Interpretation des Gesetzes neigenden U.S. Deputy Marshal Raylan Givens (Timothy Olyphant), der zu Beginn, nach einem köstlichen Deadline-Shootout am Strand von Miami, an den Ort seiner Herkunft strafversetzt wird – dann sind wir bei der Neo-Western-Fernsehserie Justified (deren 13 Episoden umfassende erste Season 2010 in den USA vom Pay-TV-Sender FX erstausgestrahlt wurde und soeben bei Sony auf DVD erschienen ist).
Was würde Elmore tun?
In einem Dialog in Justified selbst als Referenzen genannt werden zwei Schwarzweiß-Westernserien, die einst erfolgreich im US-Fernsehen gelaufen sind. Rawhide (Tausend Meilen Staub, 1959–1966) machte Clint Eastwood in der Rolle des Rowdy Yates zum Star, Have Gun Will Travel (1957–1963) schaffte es trotz Kultstatus nie ins deutschsprachige Fernsehen. Die Gemeinsamkeiten des Kopfgeldjägers und Troubleshooters Paladin (Richard Boone) aus Have Gun Will Travel mit Raylan Givens sind evident: Konfliktfreude, ein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit bei gleichzeitigem Hang zur höchst selbständigen Beurteilung derselben, die Jagd auf flüchtige Rechtsbrecher und dabei neben der größeren Waffe im Holster natürlich eine versteckte kleinere unter der Gürtelschnalle.
Die Figur des Marshal Givens wurde der Short Story „Fire in the Hole“ von Elmore Leonard entnommen, der selbst etliche Drehbücher und Drehbuchvorlagen verfasst hat und sich bei Justified nun auch als Fernsehproduzent versucht. Die Autoren der Serie sagen unisono (in dem Bonus-Feature „What Would Elmore Do?“ auf der DVD), dass sie die Geschichte ganz im Sinn des legendären Krimi- und Westernautors Leonard, eines ausgewiesenen Milieu- und Soziolekt-Spezialisten, entwickelt hätten. Das merkt man: Justified überzeugt weniger durch eine herausragend originelle Inszenierung oder einen episch komplexen Erzählbogen. Umso mehr funkeln vielschichtige Figuren, leuchten saubere Südstaaten-Schrullen dialogwitzig hervor, in geschliffenen, zumeist gesetzt vorgetragenen Reden, die regelmäßig von höflichem Small Talk in Sarkasmus kippen, nicht selten in Verbalduelle ausarten und mitunter eben auch in einer Schießerei enden.
Exemplarische Konfrontation
Unerwartete Sidestep-Episoden glänzen fast schon wie einzelne Kurzfilmperlen. Einmal muss Raylan beispielsweise eine ausgerechnet im Büro des örtlichen Marshals genommene Geisel befreien, ein andermal sieht er sich mit exzentrischen Sammlern von Hitler-Originalbildern konfrontiert. Im größeren Erzählrahmen aber stehen einander hier zwei exemplarische Elmore-Leonard-Charaktere gegenüber: Der smarte, schlag- und schussfertige, aber ebenso eloquente Marshal, der sich um Konventionen kaum schert und immer wieder mal widerwillig seinem Vater aus der Klemme helfen muss. Und der nerdige, nicht weniger schlaue Gangstersohn Boyd, der nach einem knapp überlebten Pistolenduell mit Raylan plötzlich den Namen Gottes im Munde führt, darüber jedoch keine Anstalten macht, das Hakenkreuz-Tattoo von seiner Schulter zu entfernen. „Well, Raylan, it seems that we are destined to be locked in an antagonistic relationship“, sagt er einmal mit pseudo-resigniertem Gesichtsausdruck. Gespielt wird Boyd vom herrlich lausbübischen Walton Goggins, bekannt geworden durch die ultraharte Cop-Serie The Shield. Ihm dabei zuzuschauen, wie er Raylan hartnäckig von seiner Bekehrung zum Guten zu überzeugen sucht, ist für sich allein schon ein Vergnügen. Die Bibel zitierend, fast wie ein Antipode zu Samuel L. Jacksons Jules in Pulp Fiction, versammelt er eine Horde abgebrochener Rednecks in einem Zeltlager im Wald und holt insgeheim zum nächsten Schlag mit der Bazooka aus. Und doch verbindet Raylan einiges mit Boyd: die Abstammung aus der Unterwelt, der gern blockierte Kontakt zu den eigenen Gefühlen und der notdürftig unterdrückte Zorn auf den (einst) übermächtigen Vater als Grundkonstante eigenen Handelns. Dieser doppelte Vater-Sohn-Konflikt schält sich im Verlauf der ersten Season als narrativer Kern heraus und mündet in einen phantastisch lakonischen Shootout im Season-Finale.
Spiel mit der Metaebene
Nach erfolgreichen Shows wie The Shield (2002–2008, ray 10/11), Damages (2007–2012, ray 05/11) oder der Biker-Crime-Serie Sons of Anarchy (seit 2008) hat die Fox-Tochter FX (Fox Extended) mit Justified neuerlich einen Volltreffer gelandet – eine vierte Season ist bereits in Vorbereitung. Nicht zuletzt liegt das an der Besetzung der tragenden Rolle mit dem 44-jährigen Timothy Olyphant. In der epischen Anwaltsserie Damages spielte der in Kalifornien aufgewachsene frühere Wettkampfschwimmer einen sanften, gleichwohl geheimnisumwitterten Loner, in der weithin akklamierten HBO-Westernserie Deadwood (2004–2006) die komplexe Hauptrolle des Sheriffs Seth Bullock. Schwerlich hätte man einen anderen Typen gefunden, der dem stoischen Old-School-Western-Style des Marshal Givens so gerecht geworden wäre, und der ihm gleichzeitig eine authentisch wirkende, weil an entscheidenden Stellen durchlässige und immer wieder auch selbstironische (und insofern zeitgenössische) Coolness verleihen hätte können. Wie überhaupt der Hang zur Selbstironie und das pfiffige Spiel mit der Metaebene zu den Stärken von Justified zählt – wobei auch einigen Delinquenten eine intakte Auffassungsgabe zugestanden wird. Nachdem Raylan einmal einen korrupten Polizisten gestellt hat und ihn fragt, ob er noch einen Ausweg sieht aus dem Schlamassel, sagt der: „Well, you mean like one of those police chases on TV? Helicopter following some dipshit through the streets? You know, when that idiot finally crashes, you ever notice how many get out and run? If you’re like me, you’re yelling at the TV ,What the hell you’re running for, asshole? We gonna get you!‘ And we always do, right? Except we don’t, really. You know that. Not always. They just don’t show the ones that get away on TV.“
Justified
Krimi-Drama-Serie, USA seit 2010
Idee Elmore Leonard
Showrunner Graham Yost
Buch Graham Yost, Elmore Leonard, VJ Boyd u.a.
Regie Jon Avnet, Adam Arkin, Peter Werner u.a.
Kamera Francis Kenny u.a.
Schnitt Keith Henderson u.a.
Musik Steve Porcaro
Mit Timothy Olyphant, Walton Goggins, Joelle Carter, Nick Searcy, Jacob Pitts, Natalie Zea, Erica Tazel, Raymond J. Barry, M.C. Gainey u.v.a.
Season 1 auf DVD bei Sony Pictures Home Entertainment


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