Das Schweigen brechen

Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“, eben erst mit dem Publikumspreis beim Festival in Locarno ausgezeichnet, ist das beeindruckende Porträt einer faszinierenden Persönlichkeit der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ein Gespräch mit dem Filmemacher.

 

Er war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der ausgehenden fünfziger und beginnenden sechziger Jahre: der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Fast im Alleingang brachte er die Verbrechen von Auschwitz vor Gericht, zu einer Zeit, in der die junge Bundesrepublik die NS-Zeit lieber vergessen als aufarbeiten wollte. Aber erst ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod erwacht das Interesse an dem einsamen, mutigen Humanisten, der trotz seiner großen Verdienste bei jüngeren Generationen nahezu in Vergessenheit geriet. Vor allem das Kino hat maßgeblich dazu beigetragen. Den Anfang machte 2010 Ilona Ziok mit ihrem Dokumentarfilm Fritz Bauer– Tod auf Raten, 2014 widmete ihm Christian Petzold  seinen Spielfilm Phönix, dann folgte im selben Jahr der Spielfilm Im Labyrinth des Schweigens von Giulio Ricciarelli. Nun erscheint Der Staat gegen Fritz Bauer von Lars Kraume. Burghart Klaußner spielt darin sehr authentisch den Titelhelden. Kraume legt den Fokus ganz auf Bauers Verdienste im Zusammenhang mit der Verhaftung des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann, des „Architekten der Endlösung“. Eichmann hielt sich nach Kriegsende mit seiner Familie in Buenos Aires versteckt.

Kraumes Film erzählt, wie Bauer zusammen mit einem fiktiven jungen Staatsanwalt namens Angermann, verkörpert von Ronald Zehrfeld, Eichmann auf die Spur kommt und ihn mit Hilfe des Mossad festnehmen und an Deutschland ausliefern lassen will. Doch es formiert sich Widerstand bis in die höchsten Kreise: In Bauers eigener Behörde verschwinden immer wieder Akten, und auch Oberstaatsanwalt Ulrich Kreidler (Sebastian Blomberg) und BKA-Mitarbeiter Paul Gebhardt (Jörg Schüttauf) behindern den unliebsamen Kollegen in seinen Ermittlungen. Ein scheinbar aussichtsloser Kampf gegen unsichtbare Gegner beginnt, doch Bauer und Angermann geben nicht auf, wohl wissend, dass ihnen die Jagd auf Eichmann sowohl beruflich als auch privat alles abverlangen wird. Denn beide sind „noch dazu“ homosexuell veranlagt. Und Homosexualität steht zu dieser Zeit nach dem Paragraphen 175 noch unter Strafe.

Fritz Bauer erfreut sich seit einiger Zeit großer Beliebtheit bei Filmemachern. Was war Ihre Motivation, noch einen weiteren Film über den hessischen Generalbundesanwalt und großen Demokraten zu drehen?
Oft liegen diese Dinge einfach in der Luft. Es gab eine Weile jedes Jahr mehrere Filme, die sich mit der Baader-Meinhof-Gruppe beschäftigt haben. Plötzlich sind eben diese stummen fünfziger Jahre für uns interessant. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass die letzten Zeitzeugen allmählich wegsterben. Und damit, dass es jetzt Zeit wird, über die Gründungsjahre der Bundes-
republik zu erzählen.

Der Dokumentarfilm von Ilona Ziok ist schon etwas älter, den kennen alle, die jetzt einen Film über Fritz Bauer gemacht haben, die anderen Filme sind parallel entstanden.
Ich habe Fritz Bauer für mich entdeckt, bevor ich den Dokumentarfilm gesehen habe. Vor vier Jahren, als mein Koautor Olivier Guez sein Buch „Heimkehr der Unerwünschten – eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945“ veröffentlichte, in dem es um die Frage geht, wie jüdisches Leben im Nachkriegs-Deutschland wieder stattfand und sich jüdische Gemeinden entwickelt haben. In diesem Buch begegnet einem auch Fritz Bauer. Spontan habe ich zu Olivier gesagt, das ist eine tolle Persönlichkeit, über ihn müsste man einen Film machen, weil er der einzige Ankläger in einer sonst stummen Zeit war.

Warum entstanden Filme über diesen wichtigen Mann nicht schon viel früher?
Das mag der menschlich verständliche Reflex erklären, über das unglaubliche Grauen im Dritten Reich einfach nicht reden zu können. Ich habe unlängst den Dokumentarfilm Night Will Fall gesehen. Die Alliierten hatten 1945 Dokumentarmaterial über die Befreiung der Konzentrationslager gedreht. Dieses jedoch erschien den britischen Offizieren offenbar so hart, dass sie es den Deutschen direkt nach dem Krieg nicht zeigen wollten, einfach weil man dachte, dass die Bevölkerung das nicht ertragen könne. Und so kam es eben schnell dazu, dass im Grunde alle einen Schlussstrich ziehen wollten: die Alliierten, die Täter, die Opfer. Keiner sprach über dieses Grauen. Deshalb war Fritz Bauer so wichtig, weil er darauf beharrte, darüber zu reden – im Wissen, dass die neue Republik sonst keine richtige Zukunft haben würde.

Fritz Bauer hat sehr viel geleistet: Er hat den Remer-Prozess geführt, er hat wesentlich zur Festnahme Adolf Eichmanns beigetragen und die Frankfurter Auschwitz-Prozesse initiiert. Sie konzentrieren sich ganz allein auf die Festnahme Adolf Eichmanns. Warum?
Biopics sind ein schwieriges Genre, sie folgen oft einer „Und dann“-Dramaturgie, die keinen wirklichen Höhepunkt für den Zuschauer bildet. Wir wollten diese Suche nach Eichmann als dramatischen Rahmen nehmen und daran unser Porträt von Bauer knüpfen. Neben den dramaturgischen Erwägungen fanden wir es auch erstaunlich, dass die meisten Menschen gar nicht wissen, dass ein deutscher Staatsanwalt Eichmann aufstöberte. Bauer selber hat die Geschichte ja geheimgehalten. Sie kam erst lange nach seinem Tod heraus.

Bevor Fritz Bauer für das Kino entdeckt wurde, war er in jüngeren Generationen nahezu unbekannt. Dabei gibt es seit vielen Jahren das Fritz-Bauer-Institut, von dem man annehmen sollte, dass es zum Gedenken an diesen bedeutenden Mann irgendwie eintritt. Wie erklären Sie sich, dass Fritz Bauer erst durch einige Filme bekannt wurde?
Meiner Meinung nach müsste Fritz Bauer in Deutschland viel bekannter sein. Es sollten Straßen und Plätze nach ihm benannt werden. Ein Grund, warum das nicht so ist, liegt bestimmt daran, dass in Deutschland seit 1948 das geflügelte Wort gilt, „es müsse jetzt mal ein Schlussstrich“ unter den Krieg gezogen werden. Und da Bauer jemand war, der mit seinen unbequemen Fragen das schlechte Gewissen wachrief, gab man ihm in Deutschland keinen großen Raum. Dem Fritz-Bauer-Institut dafür die Schuld zu geben, halte ich aber für falsch. Es dauert offensichtlich lange, bis Deutschland einen anderen Umgang mit seiner Geschichte findet.

Es gab ja große Dispute und regelrechte Schlachten in den Feuilletons über unterschiedliche Details zu Bauers Leben, seine vermeintliche Homosexualität und seinen denkwürdigen Tod, von dem einige sagen, dass es Mord war. Insbesondere zwischen dem Institut und der Regisseurin Ilona Ziok sind da sehr emotionale Debatten entbrannt. Inwiefern war das für Ihr Projekt relevant?
Ich hab diese Debatten verfolgt. Es existiert die Meinung, Bauer sei nicht homosexuell gewesen, es sei falsch, ihn als Juden darzustellen, er sei ermordet worden und habe sich nie unterworfen. Das sind die Hauptaspekte, über die gestritten wird. Diese Menschen sorgen sich darum, dass das Andenken an diesen großen Mann geschmälert würde, zumal ihm auch Rachsucht unterstellt wurde, und sagen, seine Sexualität täte nichts zur Sache. Das stimmt insofern nicht ganz, finde ich, weil Homosexualität zu dieser Zeit unter Strafe stand. Und wenn man als Generalstaatsanwalt tätig sein und Nazis vor Gericht stellen wollte, konnte man seine Sexualität nicht leben, musste sie sozusagen unterdrücken. Und das ist ein Opfer, das für jeden Menschen wahnsinnig groß ist. Jeder erwachsene Mensch glaubt, das Recht auf sexuelle Freiheit zu haben, aber Fritz Bauer hatte sie eben nicht. Wenn er homosexuell war, was ein Bericht der dänischen Polizei deutlich nahelegt, kann ich nicht nachvollziehen, warum das sein Ansehen schmälern soll.

Welche Rolle spielte bei Ihren Recherchen das Fritz-Bauer-Institut?
Ich bin in einem ganz frühen Stadium meines Projekts mit dem Fritz-Bauer-Institut in Kontakt getreten, dort kennt man es von der ersten Stunde an. Das Institut stand mir jederzeit zu allen Fragen zur Verfügung. Meine Ansprechpartner haben mir auch zu strittigen Punkten  beide Positionen genannt, mich auch immer darauf hingewiesen, wenn neue Publikationen zu der einen oder anderen Debatte erschienen. Niemand hat versucht, mich mit dem Projekt zu vereinnahmen.

In Ihrem Film wird Bauer von Burghart Klaußner verkörpert. Anders als Gert Voss in dem Film Im Labyrinth des Schweigens sieht er Bauer sehr ähnlich. Wie wichtig war das für den Film?
Sehr wichtig. Mein Film porträtiert einen Mann, den es gab, da sollte er schon so ähnlich aussehen. Die äußere Erscheinung eines Menschen ist ja ein wichtiger Teil seiner Persönlichkeit, auch sein Gestus und Duktus. Beides war sehr exzentrisch und eigen bei Bauer. Es erzählt auch viel über ihn, seine schwäbische Wurzeln zum Beispiel.

Wie Giulio Ricciarelli in Labyrinth des Schweigens erfinden Sie einen fiktiven jungen Staatsanwalt dazu. Warum?
Karl Angermann steht symbolisch für alles, was Fritz Bauers Wirken war, im Hinblick  auf die junge  Generation. Angermann ist genau in dem Alter der Leute, an die Bauer sich gerichtet hat: zu jung, um im Dritten Reich Funktionen übernommen zu haben, aber alt genug, um in der Bundesrepublik Verantwortung zu übernehmen. Das war die interessante Generation für Fritz Bauer. Er wollte, dass Leute wie Angermann sich rühren und mühen wie zum Beispiel in Wirklichkeit Thomas Harlan. Wir haben eine solche Figur aus dramaturgischen Gründen fiktionalisiert, sonst hätte man dem Leben einer weiteren realen Person auch  gerecht werden müssen und hätte sich kaum noch bewegen und Szenen erfinden können. Angermann symbolisiert alle jungen Leute, zu denen Bauer ein mentorenhaftes Verhältnis gepflegt hat.

Die Faktenlage, wonach Fritz Bauer ermordet wurde, ist aus juristischer Sicht ziemlich eindeutig. Zumal Bauer, wie er auch in Ihrem Film sagt, eine Pistole bei sich hatte. Hätte er Suizid begehen wollen, hätte er sich erschießen können. Diesen Aspekt, der ja ein noch übleres Licht auf die Justiz der jungen BRD wirft, greifen Sie in Ihrem Film nicht auf.
In unseren Recherchen konnten wir keine eindeutigen Beweise finden, dass Fritz Bauer ermordet wurde. Ich halte das für eine Behauptung. Meiner Meinung nach ist er eines natürlichen Todes gestorben.



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Der Staat gegen Fritz Bauer


Zeitgeschichtliches Drama, Deutschland 2015
Regie
Lars Kraume
Drehbuch
Lars Kraume, Olivier Guez

Kamera
Jens Harant
Schnitt
Barbara Gies
Musik
Kaiser Maas
Ton
Stefan Soltau

Ausstattung
Cora Pratz
Kostüm
Esther Walz
Mit
Burghart Klaußner, Roland Zehrfeld,

Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf,
Cornelia Gröschel, Michael Schenk,
Robert Atzorn
Verleih
Thimfilm, 105 Minuten

Kinostart:
9. Oktober

www.derstaatgegenfritzbauer.de



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