Horror auf dem Zauberberg

Mit dem Monumentalschocker „A Cure for Wellness“ zeigt „Pirates of the Caribbean“-Regisseur Gore Verbinski, wo seine wahren Stärken liegen: im Horrorgenre, zu dem er 2002 schon das US-Remake von „The Ring“ beigesteuert hatte. So unwirtlich war es in den Schweizer Alpen schon lange nicht mehr.

 

Die Schrift ist deutlich lesbar: „Thomas Mann – Der Zauberberg“ steht auf dem Umschlag jenes Buches, mit dem sich hier ein Krankenpfleger seine kargen Ruhestunden vertreibt. Es hätte des subtilen Hinweises nicht bedurft – die Parallelen sind auch so kaum zu übersehen. Wie im Roman der junge Hans Castorp „auf Besuch für drei Wochen“ in ein luxuriöses Schweizer Sanatorium aufbricht und dort sieben lange Jahre verbringt, so geht es hier einem jungen Broker von der Wall Street. Der wird von seinen Vorgesetzten ebenfalls in die Schweizer Bergwelt entsandt, um dort nach einem Kollegen zu suchen, der seit dem Antritt einer Wellness-Kur in einer sündteuren Anstalt verschollen ist. Dem statusbewusst auftretenden Jung-Manager geht es wie seinem literarischen Kollegen: Er kommt als Besucher und bleibt als (unfreiwilliger) Patient. Nicht nur das: Allmählich muss er entdecken, dass sich hinter und unter den Mauern des traditionsreichen Sanatorium-Schlosses finsterste Machenschaften verbergen – rigide Regeln, medizinische Experimente, abgründige Rituale. Immer wieder versucht der junge Mann zu fliehen und Ordnungshüter aus der nahe gelegenen Ortschaft auf die Zustände im Schloss aufmerksam zu machen. Doch bis auf eine jüngere Mit-Patientin scheint ihm niemand Glauben zu schenken.

Nun ist die Idee, aseptisch weiße Ärztekittel und labyrinthische Spitalsbauten für unbehagliche Gruseleffekte zu nutzen, nicht gerade neu. Vom stummen Cabinet des Dr. Caligari bis zu Lars von Triers Fernsehserie Riget (Hospital der Geister) erstreckt sich vielmehr ein komplettes Horror-Subgenre, der Medizin-Thriller, dem „unser“ Stefan Ruzowitzky mit seinen beiden Anatomie-Reißern gleich zwei Beiträge zugeliefert hat.

Dass Gore Verbinski dieses Grundmuster nicht nur variiert, sondern auch um Elemente von Fantasy und Gothic Horror erweitert, darf nicht verwundern. Schon immer war der Sohn eines Kernphysikers aus Tennessee ein Eklektizist des Kinos. In seiner kommerziell extrem erfolgreichen Pirates of the Caribbean-Trilogie, aber auch in seiner durchgeknallten Western-Komödie The Lone Ranger mischte der vormalige Werbe- und Videoclip-Filmer so unbekümmert Komisches, Groteskes und Phantastisches in die konventionellen Genre-Vorgaben, dass der dramaturgische Zusammenhalt mitunter zu zerreißen drohte.

Hier, wo Verbinski zu den filmischen Wurzeln seines Ring-Remakes von 2002 zurückkehrt, erweist er sich indes nicht nur als Eklektizist, sondern auch als Stilist von Graden. Mit A Cure for Wellness erreicht er für den Medizin-Thriller das, was Guillermo del Toro vor zwei Jahren mit seinem ähnlich monumentalen Spukhaus-Grusler Crimson Peak gelang: die originäre Neuerfindung eines traditionsreichen Horror-Subgenres in normsprengendem Bigger-than-Life-Format.

Schon die schiere Laufzeit von zwei Stunden und 26 Minuten verrät Ehrgeiz, und dass hier mit dem Budget einer A-Produktion gearbeitet wurde, zeigt sich in jedem Detail. Die deutschen und schweizerischen Schauplätze (u.a. Schloss Hohenzollern und ein verlassenes Militärspital bei Berlin) wurden mit CGI-Effekten in so überhöhte Alpen-Panoramen transferiert, dass sich wie von selbst die Atmosphäre eines (Alb-)Traums einstellt, der erst in den finalen Twists der Handlung endgültig in Grand-Guignol-Exzesse kippt. Bis dahin aber ist die allen Kureinrichtungen eigene Atmosphäre aus beengender Fürsorge und umklammernder Bewachung so punktgenau getroffen, dass es der blutigen Horrorszenen – speziell eine Zahnbehandlung ist nichts für schwache Nerven – im Grunde gar nicht bedurft hätte. Natürlich fallen am Rande auch zeitkritische Anmerkungen zu Jugendwahn und Erfolgsdruck, doch die eigentlichen Qualitäten dieses Films liegen anderswo. Die Prophezeihung sei gewagt: A Cure for Wellness wird Kult.

 

 

Der wahre Patient ist der Zuschauer

Regisseur Gore Verbinski im Gespräch über gesellschaftliche Ängste, über seine Art, Geschichten zu erzählen und über Donald Trumps mögliche schwarze Liste.

 

Gore Verbinski

Das Interview lesen Sie in unserer Printausgabe.



 

 



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A Cure for Wellness


Horror/Thriller, USA/Deutschland 2016
Regie Gore Verbinski
Drehbuch Justin Haythe
Kamera Bojan Bazelli
Schnitt Lance Pereira, Pete Beaudreau
Musik Benjamin Wallfisch
Production Design Eve Stewart
Kostüm Jenny Beavan
Mit Dane DeHaan, Jason Isaacs, Mia Goth, Adrian Schiller, Celia Imrie, Harry Groener, Michael Mendl, Susanne Wuest, Johannes Krisch
Verleih 20th Century Fox, 146 Minuten
Kinostart 24. Februar

 

 



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