Der Candy-Man

In der Rolle des legendären Jazztrompeters und Sängers Chet Baker im formal und inhaltlich eigenwilligen Filmporträt „Born to be Blue“ glänzt Ethan Hawke mit einem schauspielerischen Kraftakt.

 

Er war ein hochtalentierter Musiker, ein Junkie und ein Frauenheld. Sein Leben war geprägt von der Liebe zum Jazz und der Sucht nach Drogen jedweder Art, vorzugsweise Heroin, sowie von drei Ehen und unzähligen Affären mit Groupies oder Geliebten. Diane Vavra, eine langjährige Liebhaberin, bezeichnet ihn in der Oscar-nominierten Doku Let’s Get Lost (1988) von Bruce Weber als „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“: ein Mann mit sanfter Singstimme, der sehr charmant sein konnte, aber, von einem inneren Dämon besessen, auch immer wieder Frauen schlug. Seine Freundin Ruth Young versuchte er mit einem Telefonkabel zu erdrosseln, sie bezeichnet ihn als rücksichtslosen Manipulator. Kein Zweifel, Chesney Henry „Chet“ Baker Jr. (23. Dezember 1929 – 13. Mai 1988) war eine widersprüchliche, getriebene Persönlichkeit.

Der kanadische Filmemacher Robert Budreau und sein ausgezeichneter Hauptdarsteller Ethan Hawke versuchen in Born to be Blue, sich dieser Persönlichkeit anzunähern, sie filmisch zu fassen, und sie vermitteln einen Eindruck von Bakers kompliziertem Charakter und seiner Gefühlswelt, die untrennbar mit der Jazzmusik verbunden war. Was für ein Mensch war er, was trieb ihn an? Hawke zeigt ihn in seiner schauspielerisch bislang anspruchsvollsten Rolle als zwischen Ehrgeiz, Unsicherheit, Arroganz, Agonie, Drogen- und Sexsucht hin und her gerissene Kreatur, die ihre Sensibilität und seelische Verletzlichkeit mit Drogen dämpfte, jahrelang mit Methadon auf Enzug war und sich dann mit suizidärer Konsequenz für ein Leben mit Heroin entschied.

Budreau hat nicht die Form eines Biopics üblicher Machart gewählt. Er hakt nicht Bakers Lebensstationen ab, sondern konzentriert sich auf die Phase seines mühsamen Comebacks, nachdem ihm unter mysteriösen Umständen die für einen Trompeter so wichtigen Vorderzähne ausgeschlagen worden waren und er noch einmal sein Instrument spielen lernen musste. Kurze Rückblenden in Schwarzweiß beleuchten Erfolgsmomente in seiner ruhmreichen Zeit während der fünfziger Jahre. Da wurde der fotogene, charismatische junge Star aus Oklahoma als „James Dean der Jazzmusik“ gefeiert. Budreau verbindet Fakten mit Fiktion, unter anderem mittels eines ebenfalls in Schwarzweiß gedrehten Films im Film, den der italienische Produzent Dino De Laurentiis in den Sechzigern tatsächlich mit Baker in der Hauptrolle geplant, aber nie verwirklicht hatte. (Wer sich für Chet Bakers bewegten Lebenslauf im Detail interessiert, dem sei das Buch „Deep in a Dream: The Long Night of Chet Baker“ von James Gavin empfohlen.)

Budreau kombiniert die Charakterstudie eines drogensüchtigen Künstlers mit einer fiktiven Love Story. Die von der gebürtigen Londonerin Carmen Ejogo in Born to be Blue gefühlvoll gespielte große Liebe von Chet ist eine Kunstfigur. Sie vereint Züge von verschiedenen Frauen in Bakers Leben, besonders von seiner dritten Ehefrau Carol, einer Britin, die er Mitte der sechziger Jahre in Italien kennengelernt hatte. Anhand ihrer Beziehung macht der Film die große Faszinationskraft deutlich, die Baker auf Frauen ausübte, seinen Charme, Humor und Sex-Appeal – manche waren ihm geradezu hörig. Die dritte durchgängig im Film auftauchende Figur ist Dick Bock (kompetent verkörpert von Callum Keith Rennie), Gründer und Boss der Plattenfirma Pacific Jazz Records, mit dem Baker Mitte der fünfziger Jahre viel Geld verdient hatte.

Zunächst wechselt das bildschön fotografierte Geschehen assoziativ und schnittechnisch raffiniert zwischen verschiedenen Zeitebenen, zwischen Farbe und Schwarzweiß – ein bisschen nach der Art von intuitiven Variationen über musikalische Leitthemen im Jazz; tatsächlich gab es beim Dreh Raum für Improvisationen der Hauptdarsteller. Später wird die Dramaturgie gradliniger. Stimmungsvolle Aufnahmen an der kalifornischen Pazifikküste im Morgen- oder Abendlicht sorgen immer wieder für romantische Atmosphäre. Zwei der packendsten Szenen zeigen Hawke, der für den Film Trompeten- und Gesangsunterricht genommen hatte und am Ende „My Funny Valentine“ sowie „I’ve Never Been in Love Before“ selbst vorträgt, einmal mit zerschmettertem Gebiss blutend in der Badewanne vergeblich in sein Instrument pustend und später vor einem wichtigem Auftritt in der Garderobe des New Yorker Jazz Clubs „Birdland“, wo er nach langer Abstinenz wieder Heroin nimmt, um sein Lampenfieber zu lindern.

 

Den vollständigen Text lesen Sie in unserer Printausgabe.

 



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BORN TO BE BLUE


Drama, Kanada/Großbritannien 2015
Regie, Drehbuch Robert
Budreau
Kamera Steve Cosens
Schnitt David Freeman
Musik Todor
Kobakov, David Braid, Steve London
Production Design Aidan Leroux
Kostüm Anne Dixon
Mit Ethan Hawke, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie, Tony Nappo, Stephen McHattie, Janet-Laine Greene
Verleih Thimfilm, 97 Minuten
Kinostart 9. Juni

 



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