Freiheit ist woanders

Sudabeh Mortezai erzählt in ihrem zweiten Flüchtlingsdrama „Joy“ über Frauenhandel und Prostitution auf den Straßen von Wien – eindringlich, aufwühlend, unsentimental. Die Wirkung ist nachhaltig.

 

Freiheit ist immer relativ. Und sie hat ihren Preis. Für Joy, die aus Nigeria nach Europa gekommen ist, um sich fern der Heimat die Chance auf ein besseres Leben zu erarbeiten, bedeutet das, den eigenen Körper als harte Währung einzusetzen. Denn viel mehr bleibt nicht, wenn man sonst nichts hat. Nach Wien hat es die junge Frau verschlagen, hier geht sie auf den Strich, um die Schulden für ihre illegale Einreise bei ihrer „Madame“ abzubezahlen und endlich unabhängig zu sein – und fast hat sie es geschafft. Einfach war es nicht, davon erzählt ihr harter, gedämpfter Blick, aber Joy hat sich arrangiert. Sie kennt die Regeln und weiß, was passiert, wenn am Zahltag die Rate nicht stimmt. Dann kennt Madame, eine ehemalige Prostituierte, die sich über die Jahre selbst zur Zuhälterin hochgearbeitet hat, kein Erbarmen. Die Konsequenzen bekommt schließlich auch die junge Precious zu spüren. Sie ist neu in der Gruppe, fast noch ein Mädchen und dementsprechend rebellisch, was Joy, die sich um die Kleine kümmern soll, vor keine leichte Aufgabe stellt.

Von der brutalen Realität des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, davon spricht das bestürzende zweite Drama von Sudabeh Mortezai in intimen, unaufdringlichen Bildern, die stets eine angemessene Distanz wahren und dabei umso mehr unter die Haut gehen. Einst geschult am Dokumentarfilm (Children of the Prophet, Im Bazar der Geschlechter) hatte die iranisch-österreichische Regisseurin und Drehbuchautorin bereits 2014 in ihrem Erstling Macondo ihr bemerkenswertes Feingefühl für die verschiedenen Dynamiken innerhalb der Milieus bewiesen, in denen sie sich bewegt. Damals folgte sie einem elfjährigen tschetschenischen Jungen auf seinem Weg des Erwachsenwerdens durch den Alltag in einer Flüchtlingssiedlung in Simmering. Auch Joy folgt zunächst ihrer bewährt naturalistischen Herangehensweise, ist jedoch in seiner leise schmerzhaften Wucht noch um einiges bestürzender, und die Wirkung, die der Film dadurch erzielt, umso größer.

 


 


Wie gelangt man zu der Entscheidung, ein Schicksal wie das von Joy zu verfilmen?

Der Weg war nicht ganz geradlinig. Ich bin da so ein bisschen hineingerutscht, könnte man sagen. Im Grunde hatte ich erstes Interesse an der nigerianischen Community in Wien entwickelt, als ich noch an Macondo gearbeitet habe, weil ich zu dem Zeitpunkt auch ein paar Menschen aus Nigeria kennenlernte. Ich habe also schon damals begonnen, mich in der Richtung ein bisschen einzulesen, und bin dann recht schnell auch auf das sogenannte trafficking business gestoßen. Was mich dabei extrem schockiert hat, war die Tatsache, dass diese sogenannten Madames, die selbst einmal Opfer von Frauenhandel waren, den Spieß letztlich umgedreht haben und zu Ausbeuterinnen geworden sind. Darüber war ich entsetzt, aber gleichzeitig hat es mich als Filmemacherin auch fasziniert, und ich dachte mir: Okay, das muss ich mir anschauen. Was genau geht da in einer Frau vor, die so eine Wandlung macht, aus einer Opferrolle heraus zur Täterin zu werden? Daraufhin habe ich angefangen, gezielter zu recherchieren, war auch in Nigeria, speziell in Benin City, wo die meisten der Frauen herkommen. Ich habe sehr viele Frauen getroffen und mit ihnen geredet, und irgendwann hat mich das alles einfach nicht mehr losgelassen. Wobei man auch dazu sagen muss, dass es letztlich nicht nur ein Schicksal ist, das im Film beschrieben wird. Die Geschichte von Joy steht für mich symbolisch für sehr viele Schicksale, die in den Film mit eingeflossen sind. Es ging mir darum, die unterschiedlichen Machtverhältnisse zu untersuchen, die da miteinander in Konflikt stehen. Und das ist für mich über die eine fiktionalisierte Geschichte hinaus auch universell interessant.

 

Spannend ist vor allem die Figurenkonstellation, die Sie gewählt haben: die Beziehung zwischen Joy und Precious, aber auch ihr jeweiliges Verhältnis zu Madame.

Die Dreiecksstruktur kam dadurch zustande, dass ich eben keine Geschichte über einen langen Zeitraum erzählen, sondern den Handlungsbogen möglichst knapp halten wollte. Ich wollte nicht die Lebensgeschichte von Joy verfilmen, sondern über die anderen beiden Frauen ihre mögliche Vergangenheit und Zukunft widerspiegeln. Im Grunde könnte Precious, die gerade angekommen ist, die jüngere und Madame, die Zuhälterin, die ältere Joy sein, und so schließt sich der Kreis.

Sie haben bereits in „Macondo“ enormes Fingerspitzengefühl bewiesen, wenn es darum geht, sich in fremde Welten einzufühlen. Wie schwer war es diesmal, sich in ein so geschlossenes und ja auch nicht ungefährliches System wie Frauenhandel und Prostitution einzuschleusen?

Das war viel schwieriger als bei Macondo. Macondo war ein Ort, wo man hingehen konnte, mit Leuten reden konnte, und wo dadurch auf ganz natürliche Weise Beziehungen entstanden. Ein offener Raum sozusagen, in dem sich die Dinge entwickeln konnten. Diesmal musste ich viel gezielter auf Leute zugehen und schauen, wer lässt überhaupt das Gespräch mit mir zu. Am Anfang war es sehr schwierig, an die Frauen heranzukommen, ihr Vertrauen zu gewinnen, aber mit der Zeit habe ich gelernt, mich auf die Gespräche einzustellen.

Dann haben wir relativ schnell mit dem Casting begonnen. Das heißt, ich bin mit so einem Grundvertrauen an die Sache herangegangen und habe mir gedacht, das Casting ist für mich so eine Art weiterführende Recherche. Schauen wir mal, was für Frauen kommen, ob überhaupt welche kommen, beziehungsweise ob sich aus dem, was sie erzählen, auch was machen lässt oder nicht. Und da war ich wirklich komplett überwältigt, wie offen die Frauen waren. Es war ein Geschenk. Sehr viele Frauen sind direkt dem ersten Casting-Aufruf gefolgt. Ich musste nur kurz erklären, worum es geht, und in vielen Fällen kam dann sofort: „Ja, das ist meine Geschichte, das und das ist passiert.“

 

Das vollständige Interview lesen Sie in unserer Printausgabe.

 



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Text + Interview ~ Pamela Jahn


Joy


Drama, Österreich 2018
Regie, Drehbuch Sudabeh Mortezai
Kamera Klemens Hufnagl
Schnitt Oliver Neumann
Musik Thomas Hohl
Production Design Julia Libiseller
Kostüm Carola Pizzini
Mit Joy Alphonsus, Precious Mariam Sanusi, Angela Ekeleme, Gift Igweh, Sandra John, Chika Kipo, Ella Osagie, Christian Ludwig
Verleih Filmladen, 101 Minuten
Kinostart 18. Jänner 2019

 



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