Actionreiches Prequel

Peter Jacksons lang erwarteter Film „The Hobbit“ im Kino

 

Millionen von Herr-der-Ringe-Fans warteten schon gespannt auf die angekündigte Verfilmung von J.R.R. Tolkiens Debütroman „Der Hobbit“, und Regisseur, Ko-Autor und Produzent Peter Jackson liefert mit Eine unerwartete Reise, dem ersten der geplanten drei Teile, genau das, wofür ihn Zuschauer und Academy gleichermaßen verehren: actionreiches, opulentes Spektakelkino mit zahlreichen Fabelwesen vor dem mythischen Mittelerde Hintergrund, dazu die schon etwas abgeschmackte Geschichte vom Heldenmut eines Durchschnittsbürgers, der einer Gruppe von kämpferischen Zwergen dabei hilft, ihre verlorene Heimat zurückzuerobern. Diesmal verlässt Frodos Onkel Bilbo Beutlin seine gemütliche Hängematte, weil der Zauberer Gandalf ihn mit der Aussicht auf Abenteuer dazu überredet, bereut seinen impulsiven Entschluss jedoch schnell, als er und die bis auf ihren Anführer Thorin Eichenschild völlig austauschbaren Zwerge von Orks attackiert werden. Verschiedene Herr-der-Ringe-Figuren haben einen zumindest im ersten Teil verzichtbaren Kurzauftritt, die Dialoge sind großteils hölzern, und die Eigenschaften der Charaktere lassen sich in zwei Wörtern zusammenfassen.

Aber wer schaut sich so ein knapp dreistündiges Epos schon wegen der Sprache an? Die Zuschauermassen wollen vor allem visuell in eine fremde Welt eintauchen, und dieses Ziel erreicht der Regisseur mit Bravour. Nach dem eher gemächlichen ersten Drittel der Reise zum ehemaligen Zwergenreich in einem Berg, das jetzt von einem goldgierigen Riesendrachen beherrscht wird, zieht das Tempo merklich an. Man kann sich gar nicht sattsehen an den gestochen scharfen 3D-Bildern, die zum ersten Mal mit einer Frequenz von 48 Bildern in der Sekunde gedreht wurden, was die Bewegungen fließender macht und natürlicher wirken lässt. Einige Verfolgungsjagden sind zu sehr an der Computerspielästhetik angelehnt – schließlich soll auch in diesem Bereich, dessen Umsätze längst die der Filmbranche übertreffen, abgecasht werden. Trotzdem überzeugen die Actionszenen durch die avancierte digitale Tricktechnik über weite Strecken.

Die eindrucksvollste Szene bleibt dennoch ein kammerspielartiges, unterirdisches Wetträtseln um Leben und Tod zwischen Bilbo und dem sensationell animierten Gollum, in dessen Verlauf Bilbo auch den mächtigen Ring an sich bringt. Die pathetisch formulierte Botschaft von der Wichtigkeit der Heimat, für die die Zwerge und am Ende auch Bilbo ständig ihr Leben riskieren (dabei ist die unendlich scheinende Stollenstadt im Berg nicht besonders einladend), wirkt aufgesetzt, der gesamte mythische Unterbau kann nicht mit der Vielschichtigkeit der Herr-der-Ringe-Trilogie mithalten, aber dafür schaut Jacksons neuester Fantasystreich noch besser aus. Gute Schauspieler sind auch dabei, spielen aber nicht wirklich eine Rolle in dieser Materialschlacht. Wenn man diese Art von Kino mag, wird man auf jeden Fall bestens unterhalten.

Ich kann euch sagen ...

„The Hobbit“, Vorgeschichte zu „The Lord of the Rings“, bringt ein Wiedersehen mit Ian McKellen als Zauberer Gandalf, Hugo Weaving als Elfenkönig Elrond und Andy Serkis als Fiesling Gollum. Ein Blick auf die literarische Vorlage.

 

Riesen und Zwerge, Zauberer und Kobolde sind seit alter Zeit aus Legenden und Märchen bekannt. Über Hobbits wusste man lange Zeit nichts, vielleicht weil sie leicht zu übersehen sind, den Lärm der Menschen verabscheuen und lieber unter sich bleiben. Öffentliches Aufsehen erregten sie erst 1937, als das Buch „The Hobbit“ von John Ronald Reuel Tolkien erschien, einem Professor für englische Sprache und Literatur in Oxford. Tolkien beschreibt die Hobbits darin als etwa halb so groß wie Menschen, zierlicher gebaut als Zwerge, bartlos, aber mit pelzigen Füßen mit ledrigen Sohlen, sodass sie keine Schuhe brauchen. Sie leben mit Vorliebe in Souterrain-Wohnungen unter Hügeln, essen gerne viel und oftmals am Tag, daher sind sie meist dickbäuchig. Nach den Mahlzeiten rauchen sie gemütlich eine Pfeife – überhaupt geht ihnen Wohlbehagen über alles. Das gilt auch für Bilbo Baggins, den Titelhelden des genannten Buches. Sein beschauliches Dasein ändert sich jäh, als eines Tages der Zauberer Gandalf und 13 Zwerge unter Führung von Thorin Oakenshield bei Bilbo einkehren und ihn nötigen, eine lange, gefahrvolle Reise mit den Zwergen anzutreten, um einen vom Drachen Smaug gehüteten Schatz zu requirieren, der einst Thorins königlichen Vorfahren gehörte.

Die Entstehungsgeschichte von „The Hobbit“ gleicht jener von „Alice in Wonderland“, wiewohl beide Erzählungen von Stil und Inhalt her höchst unterschiedlich sind. Lewis Carroll lehrte ebenfalls in Oxford und erdachte „Alice“ zur Unterhaltung der Töchter eines befreundeten Familienvaters. Professor Tolkien schrieb das Märchen vom Hobbit für seine eigenen vier Kinder und las es ihnen vor. Dementsprechend ist die Sprache oft lautmalerisch und mit Ausrufen wie „Ich kann euch sagen“ für den mündlichen Märchenvortrag konzipiert, der Tonfall ist kindgerecht. Es gibt Rätsel zu lösen, und Lieder werden gesungen. Doch ist „The Hobbit“ auch für erwachsene Leser spannend und reizvoll – mit wortmächtigen Formulierungen, Sprachwitz und sozialsatirischen Anspielungen, die über einen kindlichen Horizont weit hinausgehen. Die Hobbits gleichen spießigen Kleinbürgern, die Charakterisierung des Drachen deutet auf die Raffgier der Reichen hin. Smaug hat nur einen wunden Punkt, an dem man ihn töten kann, wie Siegfried aus der Nibelungensage. Es gibt auch einen humorigen Hinweis auf Ritter Roland, den Drachentöter. Tolkien schöpft aus dem Fundus alter Mythen und Märchen, erzählt von magischen Ringen und Schwertern, finsteren Wäldern, bösen Wölfen, sprechenden Tieren, Menschen, die sich in Bären verwandeln. Häufig sind die Schilderungen derart gruselig, dass sie bei Kindern Albträume auslösen können, wie die Episode mit den Riesenspinnen. Andererseits geht der kleine, tapfere Hobbit Bilbo aus allen Kämpfen immer als Sieger hervor und ist solcherart eine ideale Identifikationsfigur für Kinder.

Die Trennung zwischen Gut und Böse ist meist klar: Hier die netten Hobbits, edlen Elfen, mächtigen Adler, da die scheußlichen Kobolde und kannibalistischen Trolls, deren Sprache und rüpelhaftes Benehmen ironisch auf britische Prolls gemünzt ist. Die Zwerge, die so gar nichts mit Schneewittchens sieben Freunden gemein haben, sind ambivalent charakterisiert: geschickt, kampfstark und loyal, aber auch brutal und rücksichtslos, wenn es um eigene Interessen und Gold geht. Bösartige Zwerge kennt man ja auch aus der überlieferten Märchenwelt.

Tolkiens handgeschriebenes, dann selber abgetipptes Manuskript wurde vor der Veröffentlichung zunächst im Bekanntenkreis ausgeliehen und vorgelesen. Im Lauf der Jahre imaginierte Tolkien die Geschichte ausgehend vom magischen Ring in seiner Freizeit weiter und schuf sein Opus Magnum „The Lord of the Rings“, das Mitte der fünziger Jahre druckfertig war und die Hippiegeneration der Sechziger maßgeblich beeinflusste. Man trug in London farbige Kleidung wie die Hobbits und Stiefel wie die Zwerge; Marc Bolan von der Band T. Rex wurde mit einem Elfen verglichen, sein Percussion-Partner nannte sich Steve Peregrin Took, nach einer Figur aus dem Epos. Bolan sang von „Misty Mountains“, einem Schauplatz in „The Hobbit“, Sally Oldfield von „Three Rings for the Elven Kings“

Nach der höchst erfolgreichen Vermarktung von Peter Jacksons dreiteiliger Verfilmung des dreiteiligen Buches „The Lord of the Rings“ war es nur ein Frage der Zeit, bis auch die Vorgeschichte „The Hobbit“ ins Kino kommt. Zwar hat diese nur rund ein Viertel des Umfangs von „The Lord of the Rings“, aber wer mit einem Filmprojekt mehrmals abkassieren kann, macht es zumeist, und so ist The Hobbit ebenfalls ein Dreiteiler geworden. Bei The Lord of the Rings strich man lange Passagen und illustre Figuren wie Tom Bombadil aus der je nach Ausgabe rund 1.000 bis 1.200 Seiten umfassenden Buchvorlage; die Geschichte von „The Hobbit“ kann man nun zur Gänze zeigen.

Filmadaptionen gab es bereits: 1966 erschien ein kurzer Zeichentrickfilm, 1977 der Animationsfilm The Hobbit. Bei Letzterem lieh Hollywood-Legende John Huston Gandalf seine Stimme. 2003 kam schließlich ein Videospiel in den Handel. Die aktuelle Verfilmung sollte ursprünglich Fantasy-Spezialist Guillermo del Toro (Pan’s Labyrinth) inszenieren, aber künstlerische Differenzen führten dazu, dass Peter Jackson doch wieder selbst die Regie übernahm, die Titelrolle spielt Martin Freeman. Auf The Hobbit: An Unexpected Journey folgt in einem Jahr Teil Zwei, The Desolation of Smaug, 2014 kulminiert das Geschehen mit There and Back Again.



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Der Hobbit – Eine unerwartete Reise /
The Hobbit – an unexpected Journey


Fantasy/Abenteuer, USA/Neuseeland 2012
Regie Peter Jackson
Buch Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Guillermo del Toro nach dem Roman von J.R.R. Tolkien
Kamera Andrew Lesnie
Schnitt Jabez Olssen
Musik Howard Shore
Production Design Dan Hennah
Kostüm Ann Maskrey, Richard Taylor
Mit Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Hugo Weaving, Andy Serkis, Luke Evans, Cate Blanchett, Ian Holm, Christopher Lee
Verleih Warner Bros., 169 Minuten

www.thehobbit.com



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