Hedi Schneider steckt fest

Erstaunliche Komödie über eine Titelheldin mit Angststörungen

 

Hedi Schneider bleibt gleich in der ersten Szene im Aufzug stecken. Es gehört zu den schönen Pointen dieses Films, dass die klassisch- klaustrophobe Situation eben nicht zum Auslöser der ersten Panikattacke wird, sondern zu einer komödiantischen Szene: Die gelangweilte Hedi tut so, als wäre sie bei McDonald’s und bestellt beim humorlosen Mann am anderen Ende der Notrufsprechanlage einen „Hamburger Royal mit großen Pommes“. Wenn Hedi später das erste Mal ausflippt, bleiben die Gründe diffus. Der Zusammenhalt der Kleinfamilie von Hedi, Partner Uli und Sohn Finn droht an den Herausforderungen der Störung zu zerbrechen.

Rollenspiele wie im Aufzug ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film. Hedi, Uli und Finn sind wahre Profis im Doktor spielen, Safari spielen, Indianer spielen. Das ist nicht nur sehr lustig, sondern auch raffiniert: Wir sehen Schauspielern dabei zu, wie sie spielen, dass sie spielen. Damit erreichen die Charaktere eine unvergleichliche Glaubwürdigkeit. Sonja Heiss hat die porträtierte Angststörung zudem nicht nur gut recherchiert, sondern, wie sie in Interviews freimütig preisgibt, selbst durchlebt. Unterstützt wird sie von brillanten Schauspielern: Laura Tonke als Hedi ist eine drollig-patscherte Heldin, ohne jemals in die Herzigkeit einer „Amélie“ abzudriften. Uli ist auch kein Lebensgefährte aus dem Modelkatalog, wird aber von Hans Löw mit einer souveränen Sexyness gespielt, die für manchen Schmachtseufzer sorgen wird. Einiges erinnert an Alle Anderen von Maren Ade, die mitproduziert hat. Wie schon in Sonja Heiss’ famosem Debüt Hotel Very Welcome (2007) erinnert das Absurde, improvisiert Wirkende auch an Andreas Dresen oder Valeska Grisebach. Manche nennen das Berliner Schule, jedenfalls kann man den Schmäh typisch berlinerisch nennen. Der ist manchmal derb oder sogar infantil, aber immer liebevoll philanthrop und weit entfernt von Kitsch. Berlinerisch sind auch die kauzigen, individualistischen Charaktere, die sich ziemlich unbeholfen über das großstädtische Parkett bewegen. Hedi arbeitet in einem Großraumbüro, das Unbehagen dort steht ihr ins Gesicht geschrieben. Doch die Antwort ist stets der Humor: Wenn es blöd kommt, blödeln wir trotzdem, und dann erst recht.

Zusammenhänge zwischen diesem Unbehagen, der spielerischen Entfremdung und der Angststörung zu sehen, bleibt ganz dem Zuschauer überlassen. Sonja Heiss versucht nie, gefällig zu sein und doch wird sich ihrem verspielten, schlauen Witz keiner entziehen können – das ist starkes, zeitgenössisches Autorenkino aus Deutschland.

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Text ~ Paul Ertl

Tragikomödie, Deutschland/Norwegen 2015


Regie, Drehbuch Sonja Heiss
Kamera
Nikolai von Graevenitz
Schnitt
Andreas Wodraschke
Musik
Lambert
Production Design
Tim Pannen
Kostüm
Nicole von Graevenitz
Mit
Laura Tonke, Hans Löw, Leander Nitsche,

Simon Schwarz, Margarita Broich,
Matthias Bundschuh, Melanie Straub
Verleih
Polyfilm, 90 Minuten

www.hedi-schneider.com



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