Eine unbekannte Berühmtheit

Jessica Chastain hat sich innerhalb der vergangenen drei Jahre als eine der herausragenden Darstellerinnen des US-amerikanischen Kinos etabliert. Mit „Mama“ unternimmt die lange Zeit unterschätzte Schauspielerin einen ungewohnten Abstecher ins Horror-Genre.

 

2008 erreicht die Finanzkrise einen ersten Höhepunkt. Für den smarten Geschäftsmann Jeffrey bedeutet dies offenbar die totale Katastrophe, die ihn in einen psychischen Ausnahmezustand versetzt. Er ermordet seine Geschäftspartner und seine Frau, setzt seine beiden Töchter, die gerade einmal drei und ein Jahr alt sind, ins Auto und fährt ziellos durch die winterliche Landschaft. In seiner Hektik kommt er von der Straße ab, kann sich jedoch mit den Kindern unverletzt aus dem Autowrack befreien und in einer einsamen Hütte mitten im tiefsten Wald Unterschlupf finden. Dort fasst der mental völlig derangierte Jeffrey den Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen und seine Kinder mit in den Tod zu nehmen. Doch als er seinen Revolver auf den Nacken seiner nichts ahnenden Tochter richtet, taucht wie aus dem Nichts aus dem Dunkel der Hütte eine schemenhafte, spektrale Gestalt auf und befördert Jeffrey mittels Genickbruch ins Jenseits. Die beiden kleinen Mädchen bleiben verwirrt zurück in der Hütte, mitten im finstern Wald.
Fünf Jahre später hat Jeffreys Bruder Lucas die vage Hoffnung, eine Spur seiner Nichten zu finden, immer noch nicht aufgegeben. Und das für unmöglich Gehaltene geschieht, ein Suchtrupp findet die Mädchen in besagter Hütte. Die im Umgang mit Menschen natürlich zunächst sehr zurückhaltenden Kinder haben – und das ist gleich die nächste Überraschung – ihre jahrelange Isolation mental und vor allem physisch erstaunlich gut überstanden. Die Erklärung des Psychiaters, der sich des Falls angenommen hat: Victoria und Lilly haben sich in ihrer misslichen Lage eine Phantasiegestalt als Bezugsperson ausgedacht, die sie Mama nennen. Doch die Mädchen behalten die Angewohnheit, sich mit einer mysteriösen Gestalt zu unterhalten, auch bei, als sie von Onkel Lucas und dessen Freundin Annabelle aufgenommen werden. Als sich dann auch noch mysteriöse Ereignisse, die zunehmend bedrohlichen Charakter entwickeln, zutragen, kommt bei Annabelle der Verdacht auf, dass es bei der wundersamen Rettung der Mädchen vielleicht nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen und „Mama“ doch nicht nur ein in der Phantasie existierendes Geschöpf ist.
Mama, das Spielfilmdebüt des bisherigen Werbefilmers Andrés Muschietti, erweist sich als effektvoll in Szene gesetzte Schauer-geschichte, die entlang klassischer Motive des Horror-Genres bewährte Spannungsbögen entwickelt. Verstärkte Aufmerksamkeit außerhalb obligater Fankreise wird der Film allerdings in erster Linie wegen seiner Besetzung auf sich ziehen, hat doch die Rolle der Annabelle mit Jessica Chastain eine Schauspielerin übernommen, die zu den Ausnahmetalenten Hollywoods gehört. Ein Status, den man der am 24. März 1977 im kalifornischen Sacramento geborenen Actrice noch vor gar nicht allzu langer Zeit nicht zu prophezeien gewagt hätte und der für sie selber ganz offenbar keine ausgemachte Sache zu sein scheint. Als Chastain bei der diesjährigen Golden-Globe-Verleihung den Preis als Beste Darstellerin für ihre Rolle in Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty entgegennahm, ließ ihre Dankesrede aufhorchen, weil sie sich schon eingangs von den dabei üblichen Floskeln abhob: „I worked for a really long time, I have auditioned and struggled and fought and been on the sidelines for years.“ Man musste kein Psychologe sein, um dabei herauszuhören, dass die Ablehnungen im frühen Verlauf ihrer Karriere offensichtlich Verletzungen hinterlassen haben, die auch angesichts einer mittlerweile stetig nach oben verlaufenden Erfolgskurve stets präsent sind. Nun mögen Zurückweisungen zum Alltag abertausender Schauspieler auf der Welt gehören, Jessica Chastains Weg verdeutlicht diese Härte aber auf geradezu exemplarische Weise.

Schwieriger Weg

Nachdem sie neben ihrem Studium am Sacramento City College einige Auftritte bei lokalen Theatergruppen absolviert hatte, erhielt  sie die Chance auf einen Studienplatz an der renommierten New Yorker Juilliard Schauspielschule, samt einem von Robin Williams gestifteten Stipendium. In ihrem letzten Studienjahr wurde sie bei einem von der Schule organisierten Vorsprechen von einem Fernsehproduzenten unter Vertrag genommen und übersiedelte nach Los Angeles. Doch der Beginn in Hollywood verlief reichlich zäh. Mit ihrer ätherischen Erscheinung passte Jessica Chastain so gar nicht in die Schubladen, die das gängige Hollywood-System so gern für junge Schauspielerinnen bereithält. „In the first few years, I would look around auditions and realize that I wasn’t the same as everyone else. So I don’t think people knew what to do with me“, rekapitulierte Chastain diese harte Anfangszeit, in der sie oft schon in der Vorauswahl bei diversen Castings aussortiert wurde. „A lot of time the feedback would be ,the director really liked you but he decided to cast a model‘. That was the worst: I didn’t know I was auditioning for model parts – I thought I was an actress.“
Erst ein Gastauftritt in der Fernsehserie ER verhalf ihr zu weiteren – wenn auch zunächst kleinen – Rollenangeboten in TV-Formaten wie Law & Order: Trial by Jury, Veronica Mars und Close to Home, wo sie fast ausschließlich auf reichlich exzentrische Charaktere festgelegt wurde. Besser zum Tragen kam ihr schauspielerisches Talent bei einem Abstecher auf die Bühne. An der Seite Al Pacinos spielte Chastain die Hauptrolle in Oscar Wildes „Salome“. Der Erfolg dieser Produktion sicherte ihr die Aufmerksamkeit etlicher Casting-Direktoren und in weiterer Folge mit der Titelrolle in dem Drama Jolene (2008) die erste Kinorolle. Die Darstellung einer jungen Frau auf ihrem schwierigen Lebensweg zwischen 15 und 25 brachte Chastain zwar jede Menge Kritikerlob für ihre persönliche Leistung, der Film selbst kam jedoch über einen limitierten Kinoeinsatz nicht hinaus. Noch schlimmer erging es ihrem nächsten Filmprojekt: Stolen (2009) wurde von der Kritik dermaßen zerzaust, dass sich die Verbreitung zunächst primär auf Video-on-Demand beschränkte – nicht unbedingt ein Schub für die Karriere.
Das sollte sich jedoch mit Jessica Chastains nächsten Aufgaben grundlegend ändern. 2011 wurde das Jahr, in dem sie den Aufstieg in die Liga der Superstars beinahe schlagartig schaffte. Kein Geringerer als Terrence Malick, unbestritten eine der ganz großen, autonomen Figuren des Weltkinos, verpflichtete sie für eine Hauptrolle in The Tree of Life, seinem Familiendrama mit spirituell-philosophischem Überbau. Chastain spielt darin die Rolle einer Ehefrau und Mutter im Texas der fünfziger Jahre, die im Verhalten gegenüber ihren Söhnen den scharfen Kontrast zu ihrem von Brad Pitt gespielten Mann verkörpert. Als gleichsam metaphorische Figur repräsentiert sie die empathische, gnadenvolle Seite der menschlichen Natur. Die Art und Weise, wie sie diese schwierige Aufgabe – noch dazu in Malicks weitgehend dialogfreier Inszenierung – souverän meisterte, ohne dabei ins Kitschig-Pathetische abzudriften, war ein Beweis für Chastains schauspielerisches Potenzial, das nun wirklich niemand mehr übersehen konnte. Davon konnte man sich ein weiteres Mal bei der Darstellung eines nicht unähnlichen Charakters – wenn auch in einem gänzlich anderen dramaturgischen Umfeld – überzeugen. In Jeff Nichols’ Mystery-Thriller Take Shelter spielt sie eine Frau, die angesichts ihres Mannes, der zerrissen zwischen Wahn und Wirklichkeit von apokalyptischen Visionen geplagt ist, als Ruhepol der Familie agieren muss.
Ihre fast fragile, zurückhaltende Erscheinung, die zuweilen mehr zur kühlen Eleganz der fünfziger und sechziger Jahre im Stil von Mad Men zu passen schien als zu den fragwürdigen Anforderungen der Unterhaltungsindustrie von heute, war vermutlich zu einem nicht geringen Teil dafür verantwortlich, dass Jessica Chastain am Anfang ihrer Karriere bei Besetzungen oft übersehen wurde. Sie erfüllte damit jedoch perfekt die Anforderungen von The Help, dem bislang kommerziell erfolgreichstenFilm Chastains. Die Rolle einer dem vorherrschenden Rassismus im Jackson, Mississippi, der sechziger Jahre trotzenden Frau, die auch deshalb eine Außenseiterrolle in der lokalen Gemeinde einnimmt, trug ihr eine Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin ein. Ihre Vielseitigkeit stellte Jessica Chastain mit der Darstellung einer von Gewissensbissen geplagten Mossad-Agentin in dem Polit-Thriller The Debt – übrigens ebenfalls in den Sechzigern angesiedelt – auch noch unter Beweis.
Obwohl sie seither zu den angesagtesten Schauspielerinnen Hollywoods zählt, bleibt Chastain in mancher Hinsicht eine Individualistin, die sich den Mechanismen des Showgeschäfts mit einiger Konsequenz verweigert. So ist über ihr Privatleben weiterhin nur sehr wenig bekannt, selbst ihr genaues Geburtsdatum gilt als nicht ganz gesichert. Informationen zu ihrer Person beschränken sich auf Fragmente, wie ihre Vorliebe für eine strikt vegane Ernährung und ihren Begleiter, einen dreibeinigen
Hund namens Chaplin. Diese Verweigerung gegenüber dem Boulevard trug ihr mitunter auch das Attribut ein, die berühmteste Schauspielerin zu sein, von der noch niemand etwas gehört hat. „I’m very, very simple, and the characters I play are far more interesting than I am“, so Chastains trockener Kommentar.
Der Qualität ihrer Arbeit hat diese Einstellung nicht geschadet, folgte doch mit Zero Dark Thirty die beeindruckendste Leistung ihrer Karriere. Dabei agiert sie als CIA-Agentin, für die die jahrelange Jagd nach Osama bin Laden zur Besessenheit wird. In einer der eindrucksvollsten Sequenzen von Kathryn Bigelows Film reagiert die von Chastain gespielte Agentin, zermürbt von der Bürokratie, die ihre in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragenen Erkenntnisse ignoriert, auf drastisch-manische Art und Weise. Regelmäßig schreibt sie mit Filzstift die Zahl der Tage, an denen nichts weitergeht, an die Glaswand im Büro ihres Vorgesetzten – das sichtbarste Zeichen, dass die Suche nach dem Staatsfeind Nr. 1 tiefe mentale Verwerfungen hinterlassen hat. Am Ende wird die Ergreifung Bin Ladens für sie kein Moment des Triumphs sein, sondern bestenfalls Erleichterung, dass die Sache wenigstens vorbei ist. Dass die Rolle einer starken Frau, die in ihren Ecken und Kanten auch deutlich dunkle Seiten aufweist, selbst für renommierte Schauspielerinnen nicht oft im gängigen US-Kino zu finden ist, hat Jessica Chastain dann in ihrer Golden-Globe-Rede in ihrem Dank an Kathryn Bigelow verdeutlicht. „But when you make a film that allows your character to disobey the conventions of Hollywood you have done more for women in cinema than you take credit for.“
Wie die Regeln in Hollywood aussehen, musste Chastain – für Zero Dark Thirty in der Kategorie Beste Schauspielerin nominiert – wenig später bei der diesjährigen Oscar-Verleihung erfahren. Dort wurde ihr nämlich prompt der aufstrebende Jungstar Jennifer Lawrence für ihre Rolle in dem netten Feelgood-Movie Silver Linings Playbook vorgezogen, eine Entscheidung, die sich nur schwer nachvollziehen lässt. Angesichts des uneingeschränkten Zuspruchs, den Jessica Chastain in jüngster Zeit für ihre Leistungen erfahren hat, sollten derartige Dinge nicht mehr ins Gewicht fallen, doch sie gesteht ein, dass es einige Überwindung gekostet hat, gegen tief sitzende Selbstzweifel anzugehen:
„When I was younger, I was scared of everything. Now I have this almost-rebellion in me: if something scares me, I run head-on towards it, almost like a bull.“
Eine Herangehensweise, die zweifellos hilfreich dabei war, die Rolle in Mama zu übernehmen, ist Chastain da nämlich schon rein äußerlich deutlich gegen ihren bisherigen Typ besetzt. Im stets etwas trashig angehauchten Gothic-Metal-Look spielt sie in dem Horror-Thriller eine etwas hantige Punkrockerin, die so ziemlich das Gegenteil der mütterlichen Seele aus The Tree of Life repräsentiert. Dieser radikale Umbruch gegenüber den meisten Figuren, die Jessica Chastain in ihrer Karriere bis dato verkörperte, war auch ein wesentlicher Grund für den Ausflug ins Horror-Genre, wie sie einräumt: „I want to do all kinds of films, all kinds of characters. I don’t want to be typed. After Tree of Life and Take Shelter I started getting all these scripts sent to me with these really devoted wives and mothers. If someone tries to type me, I’m super stubborn, and I will do the opposite. Tree of Life is one of my favorite things that I’ve ever done, and that character was probably the greatest gift I’ve ever been given. But the second I found out people were typing me, I was like, ‚I’ll show you!‘ I’ll do the opposite.“
Diesen Rollenwechsel macht Jessica Chastain in Mama dermaßen gründlich, dass es sich schon allein deswegen lohnt, den Film anzusehen.



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Mama


Horror/Thriller, Spanien/Kanada 2013
Regie
Andrés Muschietti
Drehbuch
Neil Cross, Andrés Muschietti,
Barbara Muschietti

Kamera
Antonio Riestra
Schnitt
Michele Conroy
Musik Fernando Velázquez

Production Design
Anastasia Mastaro
Kostüm
Luis Sequera

Mit
Jessica Chastain, Nikolaj Coster-Waldau,
Megan Charpentier, Isabelle
Nélisse, Daniel Kash,
Jane Moffat, Julia Chantrey

Verleih
Universal Pictures, 100 Minuten

www.mama-film.at

 



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