ray | Keine Industriefilme

Keine Industriefilme

Die Oberhausener Kurzfilmtage gaben sich 2016 in künstlerischer Hinsicht etwas durchwachsen, hatten aber dennoch einige starke Filme im Programm.

 

62 Jahre wurden die legendären Kurzfilmtage Oberhausen heuer alt – das entspricht dem Rentenantrittsalter in Deutschland, ist ansonsten aber kein Grund zur Panik, schließlich ist man ja auch ein wenig stolz darauf, das älteste Kurzfilmfestival der Welt zu sein. Die Festivalatmosphäre ließ jedenfalls keinerlei Altersschwäche erkennen, wozu auch die frühlingshaften, fast schon sommerlichen Temperaturen beitrugen. Zu beinahe jeder Tages- und Nachtzeit konnte man Filmschaffende, Journalisten oder Festivalmitarbeiter beim Netzwerken oder beim entspannten Plaudern in einer der Festival-Locations antreffen, wobei sich nicht wenige internationale Festivalgäste vom Kontrast zwischen den alten, mittlerweile kulturell genutzten Industriebauten des Ruhrgebiets und der blühenden Natur beeindruckt zeigten. Festivalleiter Lars Henrik Gass gelang sogar das Kunststück, seine Eröffnungsrede mittels Flipchart überaus unterhaltsam zu gestalten – obwohl es darin hauptsächlich um das deutsche Filmförderwesen und die Mutlosigkeit des gegenwärtigen deutschen Filmschaffens ging. Über 550 Kurzfilme aus aller Welt gab es in Oberhausen diesmal zu sehen, wobei sich der Anteil von männlichen und weiblichen Filmschaffenden fast die Waage hielt – Gass führte dies darauf zurück, dass Frauen, die im Kurzfilmgenre arbeiten, weniger Druck ausgesetzt seien als in anderen Bereichen der Filmindustrie.

Die hohe Anzahl an Filmen bedeutete freilich nicht durchgängige Qualität – manche Beiträge, die auf soziale Problemfelder eingingen, wurden möglicherweise eher aufgrund ihrer tagespolitischen Aktualität ausgewählt denn ob ihrer künstlerischen Qualität. Dennoch hatte der internationale Wettbewerb einige Highlights zu bieten. Ein ungeheuer atmosphärischer Beitrag stammt etwa vom philippinischen Regisseur Lav Diaz: Im verdient mit dem Hauptpreis ausgezeichneten The Day Before the End lässt er Männer und Frauen Shakespeare rezitieren, wobei sich durch das Setting – eine philippinische Stadt der Gegenwart bei Nacht – reizvolle Kontraste und zumindest zu Beginn ein Anflug von trockenem Humor ergeben. Doch die Stimmung des von Diaz wie gewohnt in Schwarzweiß gedrehten Films wird schnell düsterer – bis schließlich alles von einem gewaltigen Regenguss überschwemmt wird. Eine Strafe des Himmels oder ein Akt der Reinigung? Der überaus assoziative Film lässt die Frage offen.

Gegenwart und Vergangenheit treffen sich ebenfalls im Vierminüter Trailers der Londonerin Susan Pui San Lok, der zu den gelungeneren experimentellen Beiträgen zählt: Clips aus Martial-Arts-Filmen werden mit Bildern des gegenwärtigen Großbritannien kontrastiert. Ein dynamischer Film über Bewegung, in dem die Schwerkraft aufgehoben erscheint. Ebenfalls stark: Die finnische Mockumentary Eleganssi von Virpi Suutari (ZONTA-Preis), die sich satirisch dem Männerritual der Jagd annimmt (und für viel Gelächter im Kinosaal sorgte) und der chinesische Beitrag Journey von Zhao Xiaowei, der sich in teils surrealen Bildern den Gedankenwelten eines Malers widmet, der als Junge am Land lebte und nun in einer chinesischen Großstadt auf der Suche nach sich selbst ist. Ein Film, der sich ebenso als persönliche Geschichte deuten lässt wie als Zustandsbeschreibung eines Chinas zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Der argentinische Beitrag Schuld von Gonzalo Egurza zeichnete zwar visuell bestechend mittels Diaprojektionen die Geschichte eines südamerikanischen Aktivistenpaares in den siebziger Jahren nach, wirkte aber auf einer zweiten Ebene, die Zitate Walter Benjamins ins Bild einblendete, eher schwerfällig. Doch funktionierte dieser Beitrag gewissermaßen als Link zum Programm „El pueblo“, das sich dem südamerikanischen Kurzfilm der letzten Dekade widmete. Hier gingen politischer und künstlerischer Anspruch eine überzeugende Verbindung ein; das Programm zeichnete das Bild eines Kontinents, in dem im guten wie im schlechten viel in Bewegung ist.

Dem Österreicher Josef Dabernig war nicht nur eine Personale mit Filmen quer durch dessen Schaffen gewidmet – Kurzfilme wie excursus on fitness etwa zeugen von der satirischen Meisterschaft des Künstlers – sondern auch eine Ausstellung mit Fotografien, die in den Räumlichkeiten des Vereins für aktuelle Kunst auf politisch-poppige Gemälde des chinesischen Künstlers Xun Sun trafen.

Alles in allem hinterließen die 62. Kurzfilmtage vor allem im Bereich des narrativen Kurzfilms einen überwiegend positiven Eindruck; für das kommende Jahr darf man sich aber wieder ein bisschen mehr Mut zum experimentellen Film sowie zu Animationsarbeiten wünschen.

Preisträgerfilme:

Großer Preis der Stadt Oberhausen: Venusia (Louise Carrin)

Hauptpreis: The Day Before the End (Lav Diaz)

e-flux-Preis: Washed Hands (Louise Botkay)

Lobende Erwähnungen: Centre of the Cyclone (Heather Trawick),  20 July.2015 (Deimantas Narkevičius)

Preis der Internationalen Filmkritik (FIPRESCI-Preis): If It Was (Laure Prouvost)

Preis der Ökumenischen Jury: 489 Years (Hayoun Kwon)

ZONTA-Preis für eine Filmemacherin aus dem Internationalen oder Deutschen Wettbewerb: Eleganssi (Virpi Suutari)

Preis für den besten Beitrag des Deutschen Wettbewerbs: SHE WHOSE BLOOD IS CLOTTING IN MY UNDERWEAR (Vika Kirchenbauer)

3sat-Förderpreis: Telefon Santrali (Sarah Drath)

 



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