Silber oder Blei

Eine südamerikanische Version von „The Wire“ mit einer Prise „Goodfellas“: Die neue Netflix-Serie „Narcos“ widmet sich der Drogenkarriere von Pablo Escobar. Regisseur José Padilha und Hauptdarsteller Wagner Moura im Doppelinterview.

 

„Plata o plomo?“ will Pablo (Wagner Moura) von einem Gendarm wissen, der ihn wegen seiner Schmuggelware nicht passieren lassen will. Silber oder Blei: Entweder er lässt sich bestechen, oder es fliegen die Kugeln. Während Pablo Emilio Escobar Gaviria die industrielle Massenproduktion von Kokain in den internationalen Markt einführt, näht seine Mama Hermilda dem Gefolgsmann „Pablitos“ Kokaintaschen ins Sakko. Ja, in den siebziger Jahren konnte man Drogen bequem in die Jacke einnähen und von Bogotá nach Miami fliegen, um dort nordamerikanische Nasen zu beglücken. Pablo Escobar etablierte die erste direkte Drogenroute von Kolumbien in die USA und avancierte, wie man weiß, zu einem der einflussreichsten Kriminellen des 20. Jahrhunderts.

Escobars Geschichte und die der Interdependenz zwischen den Vereinigten Staaten und Kolumbien ist es, der sich die vielversprechende Serie Narcos von Produzent Eric Newman (Children of Men) widmet. Fünfzehn Jahre lang schmorte das Projekt in der Entwicklungshölle Hollywoods. Erst als die beiden Drogenfahnder, mit denen das Produktionsteam für die Idee zusammengearbeitet hatte, Javier Peña und Steve Murphy, in Rente gegangen waren, konnte Newman die Rechte erwerben. Und weil Netflix mit einer Markterweiterung in Südamerika liebäugelte, war Narcos geboren. Als eine „südamerikanische Version von The Wire mit einer Prise Goodfellas“ beschreibt Newman die Serie. Eine tollkühne Ansage, bedenkt man, dass David Simons The Wire unter Kritikern als eine der besten Fernsehserien aller Zeiten gehandelt wird und auch Martin Scorseses Goodfellas keine unbedeutende Fangemeinde hat. Nur kein Druck!

Erzählt wird in Englisch und Spanisch mit Hilfe von archiviertem Bildmaterial und aus der Perspektive des Drogenermittlers Steve Murphy (Boyd Holbrook). Gemeinsam mit seinem mexikanischen Kollegen Javier Peña (Pedro Pascal) ist Murphy aufgebrochen, um die Kokainlieferungen aus Kolumbien zu stoppen.

Als Regisseur, Produzenten und Ideengeber konnte man den brasilianischen Regisseur José Padilha (Tropa de Elite, RoboCop) verpflichten und auch den Oscar-prämierten Kameramann (Pan’s Labyrinth) und Regisseur Guillermo Navarro. Die Rolle des Pablo Escobar wurde mit Wagner Moura besetzt – man kann getrost sagen, dass der brasilianische Schauspieler (der für die Rolle Spanisch lernte und sich Wohlstandsbauch und Schnurrbart kultivierte) eine höchst nuancierte Leistung bietet.

In Los Angeles sprachen José Padilha und Wagner Moura über die Vision der Serie und was Pablo (wie sie ihn schlicht nennen) zu einem vermarktungsfähigen Straßenfeger und erzählenswertem Faszinosum macht.

Warum die Geschichte von Pablo Escobar erzählen, wo sie doch schon unzählige Male erzählt wurde?
José Padilha: Narcos handelt ehrgeizigerweise von der Geschichte des Kokainhandels, der mit Pablo an Volumen gewann und begann Einfluss auf die Leben von Amerikanern, Europäern und Brasilianern zu nehmen. Pablo Escobar ist der Kerl, der die Massenproduktion und den Massenexport von Kokain aus Kolumbien einführte. Hier mussten wir also beginnen. Darüber hinaus war sein Leben einfach erstaunlich. Sie haben hier einen Kerl, der in armen Verhältnissen aufwuchs und den das „Forbes Magazine“ zu einem der reichsten Menschen der Welt kürte. Er machte 60 Millionen Dollar in der Woche. Ich weiß nicht, wie viele Superheldenfilme ich drehen müsste, um so viel Geld zu verdienen! (Lacht.)

Escobar wurde nun aber schon viele Male erforscht. In Telenovelas in Südamerika, in Büchern und Filmen. Hatten Sie nicht Sorge, dass sich das Thema langsam erschöpft hat?
JP: Eigentlich nicht. Erstens machen wir nicht eine Serie für Kolumbien allein, sondern für die ganze Welt. Zweitens, wenn Sie die Menschen in den USA oder in Europa nach Pablo Escobar fragen, dann wären Sie überrascht, wie wenig die meisten wissen. Und drittens, es ist eine Sache, einen Film und eine völlig andere, eine Serie zu machen. Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass irgendjemand einen anständigen Film über Pablo Escobar in zwei Stunden machen kann.

Wagner Moura: In Kolumbien gibt es eine Telenovela mit dem Titel El Patrón del Mal, die ich sehr mag, und ich habe vor einigen Tagen die Version mit Benicio del Toro (Escobar: Paradise Lost, Interview siehe „ray“ 07/15) zum ersten Mal gesehen und ich mochte die, aber wir spielen alle sehr unterschiedliche Pablos. Der kolumbianische Schauspieler Andrés Parra hat einen sehr interessanten Zugang, aber der ist radikal anders als jener von Benicio del Toro, der einen müden, schweren Pablo spielt, und das ist auch legitim. Am Ende des Tages ist es die Interpretation des Schauspielers.

Wie machen Sie ein Thema wie dieses unterhaltsam, ohne es zu glorifizieren? Besonders die Menschen in den USA erwarten sich vielleicht ein gewisses Maß an Ächtung der Figur?
JP: Sie können die „Brille der Moral“ aufsetzen und alles mit moralischen Werten betrachten, aber das ist nicht meine Art. In den USA ist es üblich, solche Filme zu produzieren. Ich weiß nicht, ob das deshalb so ist, weil wir da unten in Brasilien keine Moral haben (lacht), aber was mich betrifft: Das interessiert mich nicht. Ich lasse mich von der Realität leiten, nicht zu hundert Prozent, weil ich mache hier keinen Dokumentarfilm, aber das Publikum soll selbst ein Urteil fällen. Ich will die Zuseher nicht bei der Hand halten und sagen: „Das habt ihr zu denken.“ Außerdem ist Escobar nicht der Bösewicht in dieser Erzählung. Die Geschichte von Pablo Escobar hat mit der Bush-Familie zu tun. Und dabei belasse ich es lieber.

Denken Sie, dass es im Fernsehen einfacher ist eine moralisch ambivalente Linie zu fahren als im Film?
JP: Warten Sie, ich muss mein Telefon abdrehen, weil das klingelt pausenlos. Vermutlich wurde wieder ein brasilianischer Politiker verhaftet. Um ihre Frage zu beantworten: Ja, das denke ich auf jeden Fall. Wenn Sie einen Studiofilm machen, dann ist es schwieriger, diese Linie zu fahren als in einer Serie auf Netflix oder HBO zum Beispiel. Aber wenn Sie einen Film in Brasilien drehen, dann können Sie noch mehr Grenzen überschreiten. Also es ist irgendwo dazwischen für mich.

Also es gibt keine Lektionen hier zu lernen?
JP: Es gibt Lektionen, aber keine Moralpredigten.

Denken Sie, dass Sie das schlechte Image, das die Menschen von Kolumbien haben, damit wieder aufwärmen?
WM: In Kolumbien konsumieren die Menschen viele Narcos-Telenovelas. Das sind ihre Lieblingsserien. Ich bin nach Kolumbien gefahren, um Escobar zu spielen und konnte nicht einmal Spanisch! Und ich war dünn. Können Sie sich das vorstellen?

JP: Ich muss wahnsinnig gewesen sein!

Was sagen die Kolumbianer dazu?
WM: Als ich an die Universität in Medellín ging, um Spanisch zu lernen, habe ich niemandem gesagt, dass ich Pablo Escobar porträtieren würde. Aber dann tauchten Informationen darüber im Internet auf, und die Menschen waren unglaublich nett. Auf eine gewisse Art und Weise wollen sie, dass man ihre Geschichte erzählt. Wir wollten ja auch keine „Gut versus Böse“-Schiene fahren über gute Amerikaner, die arme Menschen vor einem Bösewicht retten.

JP: Das wäre dumm!

WM: Wir würden scheitern, hätten wir das getan. Die echten Helden der Serie sind die Kolumbianer. Ich denke aber, die Tatsache, dass ich als Brasilianer Pablo verkörpere, wird dann doch für Kritik sorgen.

JP: Das geht auf meine Kappe.

WM: Ich bin sehr stolz auf das, was wir erreicht haben. Wir sind sehr respektvoll mit der Geschichte Kolumbiens umgegangen, auch wenn es nur Fiktion ist.

JP: Wir haben uns sogar mit dem Präsidenten von Kolumbien getroffen, der besorgt gefragt hat, warum wir diese Serie machen wollen. Kolumbien ist in ein neues Zeitalter aufgebrochen. Das Bruttoinlandsprodukt wächst dort fünf Prozent pro Jahr, während Brasilien nächstes Jahr zwei Prozent verlieren wird. Über Venezuela brauche ich gar nicht zu reden. Argentinien ist ein Desaster, aber Kolumbien bahnt sich seinen Weg aus diesem Desaster. Die Menschen sind stolz darauf und fragen: „Warum müsst ihr diese Geschichte ausgraben?“ Meine Antwort ist: „Sorry, aber hier ist es nun einmal passiert! Wir erzählen die Geschichte des Kokains und ihr habt es auf den Markt gebracht!“ Was soll ich tun? Es ist einfach eine richtig gute Geschichte.

Es gibt kolumbianische Regisseure, die ähnliche Projekte in der Vergangenheit abgelehnt haben, weil sie nicht zu einem schlechten Image des Landes beitragen wollen.
JP: Deshalb haben wir die auch nicht angerufen!

José Padilha, können Sie darüber sprechen, warum Sie mit Wagner Moura ausgerechnet jemanden gecastet haben, der nicht Spanisch sprechen konnte?
JP: Als Regisseur glaube ich an die Schauspielerei. Es gibt einige Individuen, nicht alle, die ganz unterschiedliche Charaktere verkörpern können, und Wagner ist einer von ihnen. Ich hatte also keinerlei Bedenken. Wir haben darüber ganz am Anfang gesprochen. Wollen wir Escobar imitieren? Nein. Wir wollten den Charakter zeigen, der auf dem Papier stand. Also kreieren wir unseren Pablo Escobar und tun das, was wir mit unserer Serie sagen wollen, und wir werden uns nicht einschränken lassen von all diesen Pablo-Manierismen. Die zweite große Frage für mich betraf die Sprache. Ich habe also Wagner gefragt: „Hey, kannst du in sechs Monaten Spanisch lernen?“ Und er meinte: „Ja!“ Wir hatten zusammen an den Tropa de Elite-Filmen gearbeitet, und ich vertraute ihm. Es gab nur eine Sache, die mich beunruhigte: die Akzente. Das Spanisch eines Argentiniers hat nichts mit dem Spanisch eines Chilenen zu tun. Ich wollte Schauspieler aus ganz Lateinamerika, aus Spanien, Mexiko, Kolumbien, Brasilien, aber wie sollten wir all diese Akzente vereinen? Ich habe also den Schauspielern gesagt: „Stimmt eure Akzente aufeinander ab!“ Wir haben auch einen Dialect Coach engagiert, aber in Wahrheit war es mir dann doch egal. Wenn die Geschichte funktioniert, dann akzeptiert es das Publikum.

Wagner Moura, Sie müssen ziemlich selbstsicher sein, wo Sie doch zu Beginn kein Spanisch sprechen konnten.
WM: Nun ja, das Spanische ist dem Portugiesischen sehr ähnlich, aber es war so ziemlich das Härteste, was ich je in meinem Leben gemacht habe. Es ist irgendwie absurd, für eine Rolle eine neue Sprache zu lernen, aber ich fühle mich nun recht sattelfest in meinem Spanisch. Wissen Sie, in Brasilien sind wir kulturell so isoliert. Das Gefühl, dass ich Teil von etwas Größerem bin als nur Brasilien, das war die schönste Erfahrung. Ich habe mich nie wie ein Ausländer gefühlt in Kolumbien. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich eine Geschichte erzähle, die in mir keinen Widerhall findet.

Worin lag der Anreiz für Sie, solch eine Ikone zu spielen?
WM
: Pablo war ein sehr komplexer Mann, und die Menschen lieben ihn in manchen Teilen von Kolumbien. Sie denken, dass er ein Held war. Er war voller Widersprüche, und ich wollte wissen, wer dieser Kerl war. Die Tropa de Elite-Filme, die wir in Brasilien gemacht haben, waren sehr kontrovers. Es ging darin um einen Polizisten, der kein Schmiergeld annahm und davon überzeugt war, dass es seine Aufgabe war, Drogendealer umzubringen, aber er hat Menschen gefoltert und getötet. Die Leute haben uns in Brasilien und bei den Berliner Filmfestspielen attackiert – aus den gleichen Gründen. Wir hätten ihn glorifiziert, hieß es, aber genau das Gegenteil war der Fall. Wir haben ihn vermenschlicht, genau wie wir Pablo vermenschlicht haben. Pablo war ein Mensch.

JP: Ich sage es mal so: Die Vereinigten Staaten nehmen die Konföderiertenfahne in manchen Städten ab – aus gutem Grund. Wenn der Bürgermeister von Medellín Bilder oder Monumente von Pablo Escobar verbannen würde, dann wäre er ganz schnell seinen Job los.

Sie haben viel recherchiert. Hatten Sie auch Zugang zu Menschen, die Pablo Escobar kannten?
JP
: Wir haben einige Dokumentationen gesehen, mit Anwälten gesprochen und mit Menschen, die ihn getroffen haben. Wir haben auch mit Männern von der US-amerikanischen Drogenbehörde zusammengearbeitet, die damals dabei waren. Ich hatte Zugang zu Stunden über Stunden von Pablos Konversationen, nämlich Dokumente, die zu uns durchgesickert sind und die niemand zuvor gesehen hat. Pablos Geliebte Virginia Vallejo und Pablos Sohn haben intimes Wissen in ihren Büchern veröffentlicht, aber sie hatten diese Transkripte nicht. Sie müssen sich wirklich alles ansehen, um ein Bild davon zu bekommen, wer dieser Mann war.

Ist Pablo Escobar so etwas wie der Walter White der Serie? Was ist seine menschliche, weichere Seite?
JP: Wagner!

WM: Er war ein charmanter und interessanter Mann. Er war gut zu seinen Kindern, zu seiner Ehefrau und zu vielen armen Menschen. Pablo gehörte einer Zeit an, in der Drogenhandel gesellschaftlich akzeptiert war. Der Kerl wollte Präsident von Kolumbien werden!

JP: Er wurde in den Kongress gewählt.

WM: Das ergibt aus heutiger Sicht überhaupt keinen Sinn, aber mit Drogen zu handeln, war Ende der siebziger Jahre in Kolumbien akzeptiert, weil es profitabel für das Land war. Pablo Escobars Problem war aber, dass er geliebt werden wollte. Er wollte, dass seine Kinder gemeinsam mit den reichen Kindern aus Bogotá in den Country Club gehen. Das war es, was er letztlich nicht bekommen hat.

JP: Ich glaube, dass Pablo ein Größenwahnsinniger war, dessen Schicksal ihn so groß werden ließ, wie er sein wollte. Und dann wurde er noch größenwahnsinniger! (Lacht.)

Obwohl Narcos noch gar nicht ausgestrahlt wurde, vergleicht man die Serie bereits mit Breaking Bad oder The Wire. Ist das ein Kompliment für Sie?
JP: Ich liebe beide Serien, aber die Menschen neigen dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen über etwas, das sie noch gar nicht kennen. (Lacht.)

Wird es eine zweite Season geben?
JP: Ha! Sie fragen mich, ob Sie noch ein Gramm haben können? Ich weiß es, aber ich darf es Ihnen nicht sagen.

Das heißt also Ja.
JP: Es ist, was es ist!

 



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Text + Interview ~ Marietta Steinhart



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