Künstlerpech für Peter Simonischek

Maue Weltpremiere von „Nur Gott kann mich richten“ beim Filmfest Zürich

 

Ein Unterschied wie Tag und Nacht: Die Pressevorstellung von Toni Erdmann in Cannes geriet im vorigen Jahr zum Freudenfest mit vielen Lachern und Szenenbeifall. Bei jener von Nur Gott kann mich richten beim aktuellen Filmfest Zürich ging die Stimmung nach zehn Minuten im Sinkflug rapide in den Keller. „Ein absolutes Ärgernis“ zog ein deutscher Kritiker am Ende genervt Bilanz. Dabei waren die Vorzeichen bei diesem Gangster-Thriller durchaus vielversprechend. Der deutsch-türkische Regisseur Özgür Yildirim hatte mit Chiko einst ein furioses Kino-Debüt geboten, sein Tatort: Feuerteufel mit Wotan Wilke Möhring erzielte 2013 Traumquoten. Für sein aktuelles Werk konnte er sich eine Top-Besetzung sichern: Moritz Bleibtreu als Klein-Ganove, dem jeder Coup misslingt. Birgit Minichmayr als resolute Polizistin, die aus Verzweiflung kriminell wird, Alexandra Maria Lara als reiche Ex von Bleibtreu, und Peter Simonischek als dessen grantelnder Papa. Doch was nutzt die ganze Star-Riege, wenn das dünne Drehbuch knietief im Klischee-Sumpf versinkt. Ex-Knacki Ricky (Bleibtreu) plant mit seinem kleinen Bruder den perfekten Raubüberfall auf Drogenkuriere. Alles geht schief. Die Polizistin (Minichmayr) schnappt sich heimlich die zwei Kilo Kokain. Fiese Albaner-Gangs sinnen auf blutige Rache. So weit, so schlicht. Schlecht wird die Sache, weil kein Klischee-Fettnäpfchen ausgelassen wird. Die kleine Tochter der alleinerziehenden Polizistin ist schwer herzkrank. Die korrupte Ärztin verlangt viel Schmiergeld für das dringend benötigte Organ, die Bank verweigert jeden Kredit. Während Rickys kleiner Bruder mit dem bösen Schwiegervater in spe sowie der überraschenden Schwangerschaft der Freundin zu kämpfen hat, plagt den Helden ein massives Vater-Trauma. Peter Simonischek gibt mit fettigem Haar und kettenrauchend dessen sturen Vater, der in trister Hochhaus-Wohnung sein Mecker-Dasein fristet. Als er seinen Ricky nach frisch servierter Eierspeise wieder einmal mit Liebesentzug straft, dreht der frustrierte Sohnemann durch, arbeitet fluchend sein Kindheitstrauma ab und klatscht das Omelett an die Wand. Die Strafe Schlaganfall folgt auf den Fuß, der große Simonischek wird fortan zum stummen Koma-Statisten im Krankenbett verdammt. Die Minichmayr sieht derweil rot. Bleibtreu sieht noch röter. Am Ende pflastern reichlich Leichen den Weg. Der Möchtegern-Thriller ist da freilich schon längst dramaturgisch verschieden.

Abgesehen von diesem Weltpremieren-Flop konnte sich das Programm der 13. Ausgabe des Zürich Film Festival sehen lassen. Traditionell gibt es die Festival-Highlights von Cannes, Venedig und Toronto, darunter diesmal den Palmen-Gewinner The Square von Ruben Östlund, The Killing of a Sacrec Deer von Yorgos Lanthimos, You Were Never Really Here von Lynne Ramsay oder Happy End von Michael Haneke. Natürlich durfte auch die in Sundance frenetisch gefeierte Schwulen-Lovestory Call My by Your Name von Luca Guadagnino nicht fehlen. Auf Metacritic und Rotten Tomatoes kommt die hübsche Männer-Romanze auf sensationelle 98 Prozent Zustimmung – der Weg zum Oscar dürfte damit gewiss sein. Und die Teddy-Jury der Berlinale ziemlich blamiert, hat sie das Werk doch glatt verpennt.

Programmatisch gibt es kaum große Unterschiede zu den Festival-Konkurrenten Hamburg und London. Atmosphärisch freilich liegen die Schweizer weit vorne. Charmant, lässig und freundlich geht hier zu. Kaum ein Festival dürfte gemütlicher und entspannter sein als dieses. Wie mittlerweile üblich hielt auch Hollywood wieder gerne Hof in der Luxus-Metropole. Mit reichlich Sponsoren im Rücken lassen sich die Stars gerne locken. Zum hochkarätigen Promi-Reigen diesmal gehörten unter anderem Glenn Close, Jake Gyllenhaal, Andrew Garfiled oder Bill Pullman. Mit Al Gore machte ein leibhaftiger Ex-Vize-Präsident ebenso seine Aufwartung wie die kommende Tomb Raider-Lady Alicia Vikander. Selbst Roman Polanski wagte sich an jenen Ort, an dem er vor acht Jahren bei der Einreise am Flughafen verhaftet worden war. Mit über 98.000 Besuchern feierte das Zürich Festival einen neuen Zuschauerrekord. Die mit 25.000 Franken dotierten Goldenen Augen im internationalen Wettbewerb gingen an Pop Aye von Kirsten Tan aus Singapur sowie die Dokumentation Machines von Rahul Jain aus Indien, die demnächst auch bei der Viennale zu sehen ist. In der Sektion Schweiz, Deutschland, Österreich konnte sich die Schweizerin Lisa Brühlmann mit Blue my Mind über das Preisgeld von 20.000 Franken freuen. Nur Gott kann mich richten hatte man vorsichtshalber lieber außer Konkurrenz starten lassen.

www.zff.com

 

 



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