Frauen auf dem Vormarsch

Das 24. Sarajevo Film Festival widmete sich der Aufarbeitung von Kriegstraumata und überzeugte vor allem mit vielversprechenden sozialkritischen Filmen von jungen Regisseurinnen.

 

„Das Herz von Sarajevo fängt an zu schlagen.“ Den beschwörenden Worten des kosovarischen Schauspielers Alban Ukaj und des Festivaldirektors Mirsad Purivatra folgend, leuchteten an diesem lauen Sommerabend im Open Air inmitten der Altstadt von Sarajevo fast 3.000 Handys im Publikum in den Himmel, um mit diesem gemeinsamen Zeichen das wichtigste Filmfestival für den südosteuropäischen Film zum 24. Mal zu eröffnen. Dabei steht der Hauptgewinner des Wettbewerbs um den jährlichen Filmpreis „Herz von Sarajevo“ schon zu Beginn fest: Es ist die noch immer vom Krieg gezeichnete Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina mit ihren zahlreichen von Einschusslöchern malträtierten Fassaden und den schweren Erinnerungen an die eingekesselte Stadt im Bosnienkrieg Anfang der 1990er Jahre.Die aktuelle Studie von Olberg SPI bestätigt, was mit voller Wucht in diesen acht Tagen überall auf den Straßen und Spielstätten spürbar wird und ein Paradebeispiel dafür ist, was Filmkultur für Stadtentwicklung leisten kann: Während des Krieges 1995 in einem Keller gegründet, hat das Festival inzwischen mit mehr als 100.000 Besuchern sowie 266 Filmen aus 56 Ländern nicht nur einen immensen wirtschaftlichen Einfluss auf die Region erlangt,generiert mehr als 27 Millionen Euro Einnahmen und 1.385 Arbeitsplätze durch den Tourismus, sondern wirkt sich als Botschafter für die Region vor allem positiv auf die heimische Filmindustrie, das ramponierte Image und die gemeinschaftliche Identität der Bewohner von Bosnien-Herzegowina aus – einem künstlichen Staatsgebilde, in dem der Konflikt noch immer schwelt und sich nicht wenige Menschen dort deshalb die Zeit von Tito in einem wiedervereinigten Jugoslawien zurückwünschen.

Daher ist es die kritische Vergangenheitsbewältigung, die neben der Talentförderung für die Festivalmacher im Mittelpunkt steht und sich wie ein roter Faden durch das Programm zieht. Das begann schon mit dem Eröffnungsfilm, dem international gefeierten Cold War (Zimna wojna) des polnischen Oscar-Preisträgers Pawel Pawlikowski (Ida), der jüngst in Cannes als bester Regisseur geehrt wurde. Es ist eine Amour Fou, die 1949 in der Nachkriegszeit zwischen dem Pianisten Wiktor (Tomasz Kot) und der begabten Sängerin Zula (Joanna Kulig) beginnt und sich über 15 Jahre auf mehrere europäische West- und Oststaaten erstreckt, in denen ihre Liebe aufflammt und wieder in den Wirren des Kalten Krieges zu erlöschen scheint. Neben den in Schwarzweiß und im 4:3-Format fotografierten Bildern bestechen vor allem die polnischen Volkslieder, die in einer erstaunlichen Präsenz und Zeitlosigkeit in den Bühnenauftritten von Zula und ihrem Ensemble dargeboten werden. Einzig die stereotype Darstellung der Sängerin als immer wieder alkoholisierte Femme Fatale stört dieses Werk.

In der hochkarätigen Reihe „Dealing with the past“ stach besonders der in Cannes in der „Woche der Kritik“ prämierte Dokumentarfilm Chris the Swiss der Schweizerin Anja Kofmel hervor, die mit hochästhetischen, emotionalisierenden Animationen, Footage-Material sowie beklemmenden Interviews die letzten Monate ihres Cousins nachzeichnet, der nur 26 Jahre alt wurde. Die Geschichte über den kriegsfanatischen Reporter Christian Würtenberg, der sich aus mysteriösen Gründen einer rechtsextremen paramilitärischen Gruppierung anschließt und im Bosnienkrieg den Tod findet, wurde in Kooperation mit dem Internationalen Film Festival Rotterdam gleichzeitig in neun Kinos u.a. in Rotterdam, Split, Krakau und Belgrad live übertragen und ermöglichte via Twitter und What’s App eine Diskussion mit der in Sarajevo anwesenden Regisseurin.

Überhaupt, die Frauen: Sie spielten erfreulicherweise in diesem Jahr auch in Sarajevo eine große Rolle. Allein in den Hauptsektionen „Wettbewerb“ und „Fokus“ stellten sie jeweils vier von zehn bzw. acht Filmen – darunter auch den einzigen Beitrag Österreichs, die Koproduktion Mademoiselle Paradis (Licht) von Barbara Albert. Darüber hinaus unterzeichnete nach den Festivals von Cannes und Locarno auch Festivaldirektor Mirsad Purivatra die weltweite „5050x2020 Charter“, die bis 2020 eine Gleichstellung der Geschlechter in Führungspositionen fordert. Ebenso im Wettbewerb unter Juryvorsitz des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi (Nader und Simin – eine Trennung) setzten sich gleich zwei Regisseurinnen durch: Die 32-jährige Rumänin Ionana Uricaru erhielt mit ihrem ersten Spielfilm Lemonade (Limunada), der bereits bei der diesjährigen Berlinale als bester Debütfilm nominiert war, den Regiepreis des Festivals. Die auf wahren Tatsachen beruhende Geschichte der alleinerziehenden Mara (Mălina Manovici), die in den USA um ihre Green Card wie zugleich um ihre Würde kämpft, ist ein Statement gegen das virulente Thema Korruption – und musste ironischerweise komplett in Kanada gedreht werden, weil die rumänischen Darsteller keine amerikanischen Visa erhalten hatten, wie die Regisseurin beim Pressegespräch verriet.

Für den bereits in Cannes mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichneten ersten Langfilm der Ungarin Zsófia Szilágyi, One Day (Egy Nap), ging der Preis für die beste Schauspielerin an Zsófia Szamosi, die mit ihrer kompromisslosen Darstellung einer überforderten Mutter und betrogenen Ehefrau überzeugt. Als bester Spielfilm wurde Nanouk (Ága) von Milko Lazarov ausgezeichnet, eine bulgarisch-deutsch-französische Koproduktion, die in faszinierenden Bildern das bedrohte einsiedlerische Leben der Inuit in der sibirischen Eiswüste und die Spannung zwischen Tradition und Moderne in Szene setzt. Das beeindruckende kontemplative Wald-Kammerspiel Love 1. Dog (Ljubav 1. Pas) des Rumänen Florin Șerban konnte sich lediglich in zwei kleineren Nebenpreisen durchsetzen. Der Kroate Leon Lučev gewann zum zweiten Mal das „Herz von Sarajevo“ als bester Darsteller, diesmal für seine Rolle als Trucker in dem Film The Load (Teret) des serbischen Regisseurs Ognjen Glavonić.

Nebojša Slijepčevićs kollektive Psychotherapie zum Bosnienkrieg, Srbenka, die in diesem Jahr in Cannes ebenfalls ausgezeichnet wurde, dominierte sowohl als bester Dokumentarfilm als auch zusammen mit dem libanesischen Film Capernaum von Nadine Labaki beim Publikumspreis. Den Ehrenpreis des Festivals erhielten die türkische Regielegende Nuri Bilge Ceylan, dem eine Retrospektive gewidmet war,sowie der Unternehmer und Stifter Nijaz Hastor für seine Verdienste für die Entwicklung des Filmfestivals und des südosteuropäischen Films.

 



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