Unter Menschenschmugglern und Traditionalisten

Das 52. Karlovy Vary Filmfestival

 

Gaza würde gerne in Istanbul studieren. Aber sein Vater will davon nichts wissen, der Junge soll ihm beim Menschenschmuggel assistieren. Der grobschlächtige Alte versteckt Flüchtlinge,  die er bei Unwettern auf die gefährliche Weiterreise über das Meer schickt, in einem Verließ. Und wenn es ihn überkommt, holt er sich eine Frau und vergewaltigt sie. Für Gaza, vor dessen Augen sich das alles abspielt und der miterleben muss, dass in einer solch schrecklichen Situation auch noch der kleine Sohn einer Migrantin zu Tode kommt, wird darüber zu einem Traumatisierten.

Das türkische Drama Daha (More) von Onur Saylak, das angesichts schwer verdaulicher Szenen und der uneingeschräkt widerwärtigen Hauptfigur nur wenige bis zum Ende sehen wollten, war in der 52. Ausgabe des Karlovy Vary Filmfestivals nicht der einzige, aber der drastischste Beitrag von beklemmender Aktualität.

Ein knallhartes Sozialdrama, das in einem Umfeld von Arbeitslosigkeit, Armut und Korruption von Menschenschmuggel erzählt, bescherte auch die mit dem Regiepreis ausgezeichnete, an der slowakisch-ukrainischen Grenze  verortete Tragödie Čiara (The Line).  Nur dass mit Adam Krajňák, Kopf einer Gang, eine ungleich komplexere Figur im Zentrum steht. Er bedient sich zwar ebenfalls bei seinen dreckigen Geschäften brutaler Methoden, setzt sich aber auch für Menschen ein, die ihm etwas bedeuten. Mithin läuft dieses Drama auf keine pauschale Anklage der viel gescholtenen Schlepper hinaus, denen die Europäische Union das Handwerk legen will, sondern vielmehr auf eine ernüchternde Bestandsaufnahme desolater Verhältnisse. Regisseur Peter Bejak will mit diesem Film zugleich seinen Landsleuten die Angst vor Flüchtlingen nehmen, deren Aufnahme sie hartnäckig verweigern. Schließlich sei die Slowakei für sie nicht das „Ziel, sondern  nur eine Durchgangsstation auf der Weiterreise nach Deutschland oder in ein anderes reicheres Land, das ihnen eine Zukunft bietet“.

Auch das jüngste Werk des georgischen Meisters George Ovashvili, Khibula, erzählt von einer Flucht. Um es allerdings gleich zu sagen: An Ovashvilis preisgekrönten Schwarzweißfilm Corn Island, 2014 in Karlovy Vary zum besten Film gekürt, reicht dieses deutlich sprödere Roadmovie um den ersten, 1991, für ein unabhängiges Georgien gewählten Präsidenten Zviad Gamsachurdia, der nach einem Militärputsch in die Berge fiehen musste, nicht heran. Denn zu erleben ist hier in reiflich ermüdender Endlosschleife – wenn auch vor imposanter landschaftlicher Kulisse-, wie der Protagonist unentwegt von einem Ort zum nächsten zieht, irgendwo ankommt und wieder abreist. Die Reflektion über die einem internationalen publikum wenig bekannten historischen und politischen Hintergründe fällt dürftig aus.

Gleichwohl mag man dem Festivalleiter Karel Och zustimmen, dass sich das georgische Kino derzeit innerhalb des in Karlovy Vary stark vertretenen osteuropäischen Kinos am stärksten hervortut, und zwar vorrangig in künstlerischer Hinsicht, fasziniert es doch vor allem seitens Kameraführung, Inszenierung, Schnitt und Bildästhethik.

Beispielhaft dafür steht Dede, das im Nebenwettbewerb East of the West mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnete Porträt einer mutigen Frau. Die Heldin erweist sich als so stark wie das sie umgebende Gebirgsmassiv in ihrem Dorf, das die Kamera mit imposanten, streng quadrierten Aufnahmen einfängt. Stoisch widersetzt sich die Drangsalierte ihrem Großvater, der sie zur Heirat mit einem Mann zwingen will, den sie nicht liebt.

Die lang anhaltende Nouvelle Vague des rumänischen Kinos scheint dagegen schon wieder ein wenig abzuebben, auch wenn mit Breaking News ein allemal achtbarer Beitrag aus diesem Land im Wettbewerb lief.

Regisseurin Iulia Rugină entwickelt hier eine medienkritische, aufwühlende Geschichte, die ein wenig an den amerikanischen Thriller Nightcrawler erinnert, nur mit weniger spektakulären Thrillerelementen auskommt. Keine tragischen Unfälle oder Verbrechen sind es, die hier den Protagonisten zunehmend skrupelloser werden lassen, Bilder einzufangen, die die Sensationsgier befriedigen, aber auch er überschreitet Grenzen. Nachdem bei einem gefährlichen Einsatz sein Kameramann ums Leben gekommen ist, erreicht den Fernsehreporter Alex die undankbare Aufgabe eines Nachrufs auf den Kollegen. Weil dessen Familie ihm kein Interview geben will, bedrängt er die pubertierende Tochter und verschafft sich  eigenmächtlig und gegen den Willen der Betroffenen Zutritt zu ihrem Privatleben. Die Kraft dieses Films geht vor allem von den spannungsreichen, zermürbenden Begegnungen des Protagonisten und des Mädchens aus, das sich lange Zeit dagegen sträubt, sich an den Vater zu erinnern, der zu selten für sie da- und doch ein Vorbild war. Großartig, wie die jugendliche Hauptdarstllerin Voica Oltean diese Rolle ambivalent auslotet zwischen Gefühlen von Enttäuschung, Trauer und Rebellion

Den schönsten Beitrag bescherte dem Festival aber die von kulinarischem und emotionalem Feinsinn durchdrungene israelisch-deutsche Koproduktion Cukrář (The Cakemaker).  Die durch einen Unfalltod tragisch endende Fernbeziehung zweier Männer wird darin zum Ausgangspunkt einer  zarten, spannungsreichen Annäherung der Menschen, die dem Verstorbenen am nächsten standen: Thomas, der diesen jüdischen Geschäftsmann in seiner Berliner Konditorei kennen gelernt hatte, verlässt seine deutsche Heimat, wandelt in Jerusalem auf den Spuren des Geliebten und strandet als Küchenchef im Café von dessen Witwe Anat, die nichts von dem Doppelleben ihres verstorbenen Mannes ahnt, mit dem sie einen kleinen Sohn hat. Über Thomas’ köstliche Kuchen entsteht eine zarte Bande zwischen ihm und Anat, die Beiden freunden sich an, es kommt sogar zu intimen Berührungen.

Unaufdringlich wirbt  Regisseur Ofir Raul Graizer mit seiner ungewöhnlichen Geschichte für eine selbstbestimmte Sexualität, die es in zahlreichen Kulturkreisen noch nicht gibt. Dank der sehr subtilen Erzählweise gelingt das auch. Über den sparsamen Dialogen waltet Diskretion, zwischen Thomas und der Ehefrau kommt das Doppelleben ihres Mannes nie zur Sprache, aber dennoch kommt die Betrogene dem schmerzreichen Geheimnis auf die Spur.

Wiewohl Homosexualität auch in Osteuropa ein schwieriges Thema ist, nahm das Publikum dieses cineastische Juwel, das entscheidend zum respektablen Gesamtniveau des Wettbewerbs beitrug,  geradezu begeistert auf.

Nur schade, dass die Jury  diese Sensation nicht mit einer hohen Auszeichnung krönte, sondern eher die Produktionen auszeichnete, die just zu den schwächeren zählten. Der Kristallglobus für den besten Film ging überraschend an die zwar mit Bildern von prächtigen Pferden bestechende, aber inhaltsleere tschechisch-slowakisch-italienische Koproduktion Křižáček (Little Crusader) um einen, seinem kleinen ausgerückten Sohn hinterher galoppierenden, mittelalterlichen Kreuzritter.

 

http://www.kviff.com/

 



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