Unter Unmenschen, Stars und lustigen Strolchen

Das 53. Filmfestival Karlovy Vary

 

Das osteuropäische Kino erfreut sich wachsender Beliebtheit. So erfreulich das ist – das kleinste unter den internationalen A-Festivals bringt diese Entwicklung auch in die Bredouille. Denn stark umworbene renommierte Regisseure insbesondere aus Rumänien, Russland, Polen oder Ungarn zieht es mit ihren jüngsten Werken zunehmend nach Cannes, Venedig oder Berlin.

In dieser Situation ist es nur allzu verständlich, dass Karlovy Vary im Internationalen Wettbewerb auf kleinere Produktionen und weniger bekannte Regisseure ausweicht, ohne dass der Glamour auf diesem beliebten Publikumsfestival zu kurz käme. Jahr für Jahr reisen Hollywoodstars an, in diesem Jahr Tim Robbins, wenn auch fast ausnahmslos Männer, die das Festival für ihr Lebenswerk mit einem Kristallglobus ehrt.

Viele der zwölf Beiträge im Internationalen Wettbewerb schildern auffallend persönliche, leise, unspektakuläre Geschichten. Nicht alle darunter hinterließen einen bleibenden Eindruck, aber immerhin verströmten einige darunter Poesie und künstlerisches Gespür. So beeindruckte zum Beispiel die Slowenin Sonja Prosenc in ihrer zarten Studie einer um ihre tote Mutter trauernden jungen Frau mit musikalisch stimmig untermalten Unterwasserbildern und herrlichen Landschaften (Zgodovina Ljubezni History of love).

Noch alltäglicher mutete der mit dem Spezialpreis der Jury und dem Fipresci-Preis ausgezeichnete Beitrag  Sueno Florianópolis an. Eine argentinische Familie macht hier gemeinsam Urlaub an einem Strand in Brasilien. Der Mann, seine Frau und ihre jugendliche Tochter lassen sich auf eine Liaison mit Angehörigen ihrer Gastgeber ein, dies aber ohne weitreichende Folgen. So harmlos, wie sich die Affären angesponnen haben, finden sie auch wieder ein Ende. Nur die Tochter ist nach der Abreise schwanger.

Wieder andere Filme widmeten sich exzentrischen Außenseitern, die einem jedoch mangels Einblicken in ihr Inneres fremd blieben. In dem tschechisch-slowakischen Drama Domestik mutet zum Beispiel ein ehrgeiziger Radsportler seiner Frau, die sich ein Kind wünscht, Sex in einem Sauerstoffzelt zu und belastet seine Gesundheit mit Doping. In der österreichisch-amerikanischen Koproduktion To The Night setzt ein junger Vater, traumatisiert von einem großen Brand, den er in Kindheitstagen als einziger überlebte, mit Gewalt- und Alkoholexzessen seiner Familie zu. – Zwei Fälle von schwer erträglicher, krampfhafter Selbstzerstörung, bei denen sich  Verhaltensmuster unreflektiert immerfort wiederholen.

Ein ungleich packenderes, abgründigeres Drama legte der russische Regisseur Ivan Tverdovskij mit Podbrosy (Jumpman) vor, das die Jury mit lediglich einer lobenden Erwähnung etwas unterschätzte. Es ist eine düstere Bestandsaufnahme der russischen Gesellschaft, geprägt von Korruption, Gier und einem  unvorstellbaren Maß an Unmenschlichkeit. Gnadenlos wird der 16-jährige Denis vom Staat und seiner eigenen Mutter ausgebeutet. Nach der Geburt hatte sie ihn in einer Babyklappe deponiert, nun holt sie den Sohn aus dem Kinderheim, aber nicht etwa aus Reue oder später Mutterliebe, sondern damit er zu ihrer finanziellen Bereicherung sein Leben aufs Spiel setzen soll. Weil Denis keine Schmerzen empfindet, kann er sich vor Autos werfen und Unfälle simulieren mit dem Ziel, dass die Fahrer zu hohen Geldstrafen verklagt werden. Ein breites kriminelles Netzwerk arbeitet daran mit: Staatsanwalt, Richterin, Rechtsanwälte, Ärzte, Polizisten und Zeugen. Den einzigen Hoffnungsschimmer in diesem beklemmenden Szenario beschert die Entwicklung des jungen Helden, der schließlich seine einzige Chance ergreift, diesem schrecklichen Dasein zu entkommen. Der Weg führt freilich zurück ins Heim.

Pervertierte Verhältnisse in einer Familie schildert auch der türkische Film Kardesler (Brothers), der sein Drama jedoch weitaus stiller und langsamer entfaltet. Wieder ist es ein heranwachsender Mann, dem seine Eltern ein selbstbestimmtes Leben verwehren: Für einen Ehrenmord, den er nicht begangen hat, musste Yusuf nach dem Willen seines Vaters die Schuld übernehmen, weil sein älterer Bruder Ramazan, der wahre Täter, vom Gericht zu einer höheren Strafe verurteilt worden wäre. Mit der Entlassung aus dem Jugendgefängnis brechen für den Siebzehnjährigen keine besseren Zeiten an. Zu seiner großen Enttäuschung nimmt ihn zu Hause niemand freudig auf. Statt ihm für das erbrachte Opfer zu danken, behandeln ihn alle wie einen Verbrecher, selbst die Mutter gibt sich reserviert und überantwortet ihn der Fürsorge des Bruders. Angesichts der belasteten Vergangenheit sind die Konflikte bei diesem Neuanfang auf einem tristen Tankstellengelände programmiert. Sie spitzen sich zu, als Ramazan eine junge Frau sexuell bedrängt.

Den Kristallglobus für den besten Film aber gewann allemal verdient das jüngste gesellschaftskritische wenn auch etwas dialoglastige, aus dem Wettbewerb herausragende jüngste Werk des Rumänen Radu Jude Îmi este indiferent dacă în istorie vom intra ca barbari (I do not care If We Go Down in History as Barbarians). Darin geht es um ein lange verdrängtes und tabuisiertes Kapitel der Vergangenheit - dem1941 von rumänischen Besatzungstruppen begangenen Massakeran 25 000 Juden in Odessa - sowie um Nationalismus und Rassismus im heutigen Rumänien. Im Mittelpunkt steht eine engagierte Regisseurin, die unbeirrt und dem Unmut eines staatlichen Zensors zum Trotz die damaligen Ereignisse mit einer Theatergruppe auf einem zentralen Platz in Bukarest nachinszeniert. Mit dokumentarischer Präzision verfolgt Radu Jude die Vorbereitungen der kompromisslosen Künstlerin samt  Proben, Diskussionen und Streitigkeiten, sowie die Aufführung selbst. Sie endet mit erschütternd menschenverachtenden Reaktionen eines antisemitischen Publikums.

Radu Jude ist kein Unbekannter im rumänischen Kino. 2015 gewann er auf der Berlinale einen Silbernen Regie-Bären für seinen Film Aferim! Mit seinem Dokumentarfilm The Dead Nation machte er im vergangenen Jahr einen Anfang, den Holocaust in Zeiten des rumänischen Diktators Ion Antonescu aufzuarbeiten. Dies setzt er nun ungeachtet persönlicher Anfeindungen  in seiner Heimat mit starken Szenen fort. Einen „dreckigen Juden“ nennt ihn die rechtskonservative Presse  in Anspielung auf seinen Namen. Trotzdem oder gerade wegen dieser Hetze bleibt Radu Jude an dem Thema dran.

Beachtung verdiente in Karlovy Vary zudem die starke Präsenz des tschechischen Kinos. Es war vor allem im Wettbewerb in den Vorjahren derart schwach vertreten, dass sich schon Unmut regte. Mittlerweile  bringt es verstärkt unterhaltsame, humorvolle Komödien hervor, die sich an Vorbildern wie Jiří Menzel oder Martin Šulík orientieren. Die schönste darunter, Winter Flies von Olmo Omerzu, honorierte die Jury mit dem Preis für die beste Regie. Zwei jugendliche Pfiffikusse meistern in diesem Roadmovie allerhand brenzlige Situationen und retten einen Hund.

 

http://www.kviff.com/cs/uvod

 



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