Blade Runner 2049

Erinnerungen an die Zukunft

 

Dass es alles andere als eine leichte Aufgabe war, einem kultisch verehrten Science-Fiction-Film wie Ridley Scotts Blade Runner (1982) nach Jahrzehnten eine Fortsetzung angedeihen zu lassen, braucht man wohl kaum zu erwähnen. Zur Beruhigung der Fans lässt sich verkünden, dass Blade Runner 2049 ein würdiges Sequel geworden ist, das durchaus auf eigenen Beinen zu stehen vermag. Und nachdem Regisseur Denis Villeneuve die Presse per Statment bat, sich mit Spoilern zurückzuhalten, hier nur einen kurzer Überblick zu den grundlegenden Storypunkten: Im Jahr 2049, 30 Jahre nach den Ereignissen von Blade Runner, gibt es eine neue Modellreihe künstlich erschaffener Menschen, die gehorsamer sind als ihre rebellischen Vorgänger und zu Arbeitszwecken eingesetzt werden. Einer dieser Replikanten ist Officer K. (Ryan Gosling), der als Blade Runner im Auftrag des Los Angeles Police Department ältere Nexus-Modelle, die sich noch auf der Erde verstecken, aus dem Verkehr zieht. Als er bei einem Einsatz einen Replikanten eliminiert, stößt er auf mysteriöse Spuren aus der Vergangenheit, die das Verhältnis von Menschen und Androiden radikal ändern könnten – und er spürt den ehemaligen Blade Runner Deckard (Harrison Ford) auf, der mit all dem in Verbindung zu stehen scheint. Bald sind sowohl die Polizei als auch die Schergen des neuen Androidenschöpfers Wallace (Jared Leto) hinter K. her.

Da die visuelle Kraft und der immense Detailreichtum des Originals nicht unwesentlich zu dessen Kultstatus beitrug – ein ausführlicher Rückblick auf dessen Wirkungsgeschichte findet sich in „ray“ 09/17 –, war es eine gute Entscheidung, Denis Villeneuve zu engagieren, der mit Filmen wie Sicario oder Arrival (man denke insbesondere an die Luftaufnahmen, die auch für Blade Runner 2049 essenziell sind) eindrucksvoll sein Gespür für den Umgang mit Raum demonstrierte. Villeneuve und Kameramann Roger Deakins erweisen Scotts Film und dessen Vermengung von Film noir, Punk und Art déco Reverenz – und entwickeln das Blade Runner-Universum weiter: Neonlicht, dunkle Straßen und fliegende Autos, die den Nachthimmel durchstreifen, sind auch hier vertreten, doch statt riesiger Bildschirme gibt es 3D-Werbefiguren mit künstlicher Intelligenz. Auch erweitert man den Spielraum und zeigt Gebiete außerhalb von Los Angeles; Aufnahmen eines verlassenen, in oranges Licht getauchten Las Vegas erreichen geradezu surreale Qualitäten. Für Fans gibt es Details en masse: So taucht etwa wie im ersten Film das Logo des Luftfahrtkonzerns Pan Am in der Skyline von Los Angeles auf – obwohl die Firma längst nicht mehr existiert (ebenso wenig die die UdSSR, auf die ebenfalls kurz angespielt wird). Blade Runner 2049 dient sich unserer Zeit also nicht mit Gewalt an, sondern gibt sich als alternativer Zukunftsentwurf zu erkennen. Und hat dennoch genug mit uns zu tun. Denn wie es bei guter Sci-Fi sein soll, bietet der Film genügend Stoff zum Nachdenken. Das intelligente Drehbuch von Hampton Fancher (der auf Basis des Philip-K.-Dick-Romans „Do Androids Dream of Electric Sheep“ bereits das Drehbuch zu Blade Runner geschrieben hatte) und Michael Green nimmt die Themen des Vorgängerfilms auf, variiert und erweitert sie: Was macht den Menschen zum Menschen? Welche Rolle spielen Erinnerungen? Wie lässt sich die Echtheit von Gefühlen überprüfen? Manche Szenen funktionieren dabei als Spiegelungen von Sequenzen aus dem ersten Teil: Zwang Deckard in Blade Runner Rachael (Sean Young) in einer harten Liebesszene, Gefühle zu zeigen, so ist es hier das holographische Wesen Joi, das für K. von sich aus menschlich erscheinen möchte – nicht nur in einer Verführungsszene. Die Sequenzen, die K. im Zusammenspiel mit Joi zeigen, gehören übrigens zu den berührendsten – und, als gewolltes Paradox: menschlichsten – des Films. Auch Symbole werden wieder aufgenommen und variiert: Aus dem berühmten Einhorn wurde hier ein Holzpferd.

Die Hauptrolle ist mit Ryan Gosling überaus passend besetzt, der, wie Ford im Original, mit stoischer Mine den einsam-melancholischen Anti-Helden gibt. Wenn Gefühle die Fassade K.s, der unter den Vorurteilen der „echten“ Menschen zu leiden hat, durchbrechen, sind das besonders kraftvolle Momente. Und wenn Gosling mit Kinolegende Ford zusammenspielt, kann man einem jungen und einem alten Meister des Minimalismus bei der Arbeit zusehen. Robin Wright überzeugt als Vorgesetzte, hinter deren tougher Fassade Gefühle für K. aufblitzen, während Ana de Armas die kleine, aber schwierige Rolle einer virtuellen Figur mit Leben erfüllt.

Schwächen gibt es zwar, aber sie halten sich im Rahmen: Während manchmal vielleicht eine kleine Spur zu viel Exposition vorhanden ist, hätte man der Figur des Möchtegern-Gottes Wallace etwas mehr Tiefgang verleihen können.

Und so stark der Film auf der visuellen Ebene auch wirkt, kann er in der heutigen, CGI-gesättigten Zeit dennoch nicht ganz die Magie des völlig Neuen und Ungesehenen erreichen, die Blade Runner seinerzeit noch „analog“ zu entfalten vermochte. Zudem hinterlässt Blade Runner 2049 nicht so viele Mysterien wie der Film von 1982 (zerstört aber dankenswerterweise auch nicht viele). Ein mehrmaliges Ansehen, um wirklich alle Details und Anspielungen zu erhaschen, lohnt dieser großartige Science-Fiction-Film jedenfalls definitiv. Und das ist keine kleine Leistung.

 

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Science-Fiction, USA 2017 


Regie Denis Villeneuve 
Drehbuch Hampton Fancher, Michael Green 
Kamera Roger Deakins 
Schnitt Joe Walker 
Musik Benjamin Wallfisch, Hans Zimmer 
Production Design Dennis Gassner 
Kostüm Renée April
Mit Ryan Gosling, Harrison Ford, Robin Wright, Jared Leto, Ana de Armas, Sylvia Hoeks, Dave Bautista, Barkhad Abdi, Lennie James
Verleih Sony, 163 Minuten

 

 



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