ray | Britannia

Es gibt nur eine Regel

Mit dem Fantasy-Epos „Britannia“ ist Jez Butterworth nun auch im Fernsehen angekommen und bringt gleich ein ganzes Bataillon römischer Söldner mit.

 

Er habe gehört, dass Game of Thrones ziemlich gut sein soll, sagt Jez Butterworth schmunzelnd und gesteht noch im gleichen Atemzug, dass er selbst bislang keine Folge gesehen habe. Muss er auch nicht. Denn anstatt sich der zwingenden Ansteckungsgefahr auszusetzen, die die Erfolgsserie seit stolzen sieben Seasons auf die Menschheit ausübt, hat der renommierte britische Dramatiker, Regisseur und Drehbuchautor jetzt seine ganz eigene Version eines spektakulären Historien-TV-Dramas geschaffen, das weniger auf Drachen und Zauberei setzt als auf Voodoo und den Glauben an die Macht hypnotischer Suggestionen, davon allerdings umso mehr zu bieten hat.

„Britannia is a cursed land, ruled by the dead ... The forests are filled with demons, the devil‘s army. They feast on human flesh.“ So lautet die allgemeine Einschätzung der römischen Legionäre, die sich im Jahr 43 nach Christus auf Eroberungszug  im späteren Großbritannien wiederfinden, weil ihr Anführer, der Feldherr Aulus Plautius (David Morrissey), keine Gnade kennt. Weder Kelten noch Druiden scheut Aulus, noch die von ihnen beschworenen Götter. Doch auch unter den Einheimischen, die sich den Römern entgegenstellen, bestimmen Rivalitäten und Konflikte den Alltag. Vor allem zwischen den Cantii, angeführt von King Pellenor (Ian McDiarmid), und den Regni, denen die stolze Königin Antedia (Zoë Wanamaker) vorsteht, herrscht dicke Luft, seit Pellenors eigenwillige Tochter Kerra (Kelly Reilly) Antedias Sohn in der gemeinsamen Hochzeitsnacht das Fürchten lehrte. Aber auch die keltischen Erzrivalinnen wissen nur allzu gut, dass der römischen Invasion, wenn überhaupt, nur mit vereinten Kräften beizukommen ist.

Unbeugsame Kriegerinnen, schlechtes Wetter und jede Menge Blut und Schweiß bestimmen das Geschehen in Britannia, dem ersten von Sky und Amazon ko-produzierten Fantasy-Abenteuer, welches einen offensichtlichen Hang zum Psychedelischen hat. Der von Butterworth gemeinsam mit seinem Bruder Tom sowie dem Produzenten und Autor-Kollegen James Richardson kreierten Serie gelingt es mit einem Mix aus popkulturellen Bezügen und einer ungeniert freiläufigen Überdrehtheit etwas ganz Eigenes zu schaffen. Allein die Titelsequenz mit ihren James-Bond-Allüren zu der Musik von Donovans Hurdy Gurdy Man macht klar, dass es den Machern trotz des gegebenen Topos hier keineswegs um Authentizität, geschweige denn um historische Genauigkeit geht, sondern vielmehr darum, eine mitunter so abgefahrene Atmosphäre zu erzeugen, dass sie sich jedem Vergleich entzieht: „Ich fühle mich nicht verantwortlich dafür, alle losen Enden zusammenbringen zu müssen, um zu erklären, was damals vielleicht wirklich passiert ist,“ erklärt Butterworth, der neben eigenen verfilmten Drehbüchern (Mojo, Birthday Girl) u.a. an den Vorlagen zu Sam Mendes‘ Bond-Variante Spectre, Doug Limans „Und täglich stirbt das Murmeltier“-Sci-fi-Actioner The Edge of Tomorrow und Scott Coopers Gangster-Biopic Black Mass mitgeschrieben hat. „Viel wichtiger ist es, das Wesen der jeweiligen Figur herauszustellen, ähnlich wie beispielsweise bei einem Charakter wie James Whitey Bulger. Solange man sich an die Hauptfakten hält und es einem gelingt, den Geist einer Geschichte zu beschwören, hat man im Grunde freie Hand.“

Es ist diese selbstbestimmte Ungezwungenheit, die Britannia nicht selten auf die Spitze treibt, mit wirren Traumsequenzen, drogenumnebelten Stammesritualen und rätselhaften Figuren wie dem Druiden-Führer Veran (Mackenzie Crook), der beinahe jeden, der ihm unterkommt, in eine andere, magische und dunkle Welt verfrachtet. Kein Wunder, dass bald auch Morrisseys Aulus mehr an den Göttern und Glaubenssystemen der vermeintlichen Gegner interessiert ist als an seiner Mission, Britannien als Provinz von Kaiser Claudius‘ Reich zu unterwerfen. Sein Lernprozess ist einer, der letztlich alle Beteiligten einschließt, den Autor wie auch das Publikum: „Ich habe bisher noch nie fürs Fernsehen gearbeitet,“ berichtet Butterworth voller Begeisterung in der Stimme. „Das heißt, die Vorstellung, dass die Figuren länger bleiben als nur 90 Minuten, dass es eine zweite Episode gibt, hat mich im ersten Moment genauso verwirrt wie alle anderen. Und die Serie wird mit jeder Folge besser, so wie ich mit jeder neuen Episode lerne, mit der mir neuen Form des Erzählens umzugehen.“

Butterworths aktuelles Theaterstück The Ferryman eroberte unter der Regie von Sam Mendes das Londoner West End im vorigen Jahr regelrecht im Sturm geht seitdem von einer Verlängerung in die nächste. Daher musste der erprobte Theatermann die britische Star-Besetzung aus namhaften Film-, TV- und Bühnendarstellern, mit der Britannia nun aufwartet, nicht lange überreden, ihm auch ins Bezahlfernsehen zu folgen. „Man fragt sich als Schauspieler ja immer erst mal, wie es wohl wäre, wenn jemand anderes die Rolle spielen würde, um die es geht,“ sagt Morrissey, der hierzulande vor allem als Governor aus The Walking Dead bekannt ist. „Aber wenn einen allein schon der Gedanke daran ärgert, das man es vielleicht nicht selbst gemacht hat, dann sollte man schleunigst zusagen.“ Wenn freilich das Drehbuch von jemandem wie Butterworth stammt, stelle sich die Frage erst gar nicht. „Da schaltet man beim Lesen von vornherein das Telefon ab und greift anschließend sofort zum Hörer.“ Morrisseys Kollegin Zoë Wanamaker habe sogar blindlings zugesagt, ohne überhaupt einen Blick ins Drehbuch zu werfen, wie sie im Nachhinein gesteht: „Ich wusste lediglich, dass meine Figur Antedia heißt und die Königin der Regni ist, eine wütende Königin wohlgemerkt. Das war‘s. Aber ich verehre Jez‘ Arbeit sehr, deshalb dachte ich mir, was soll‘s, ich mach das einfach.“

Bei aller Begeisterung für Macher und Werk waren die Schauspieler auf die zumeist widrigen Witterungsverhältnisse während der monatelangen Dreharbeiten außerhalb von Prag zunächst nicht gefasst. Die Skripte für jede neue Folge bekamen sie häppchenweise. Selbst Butterworth und sein Bruder Tom wussten am Anfang nicht, welchen Verlauf die Geschichte über die zehn Episoden tatsächlich nehmen sollte. Aber auch darin lag für den 1969 geborenen Londoner ein Teil des Anreizes, sich endlich auch der TV-Welt zu öffnen, die ihn, anders als Hollywood, zu seiner Überraschung mit gänzlich offenen Armen empfing: „Ich habe viel am Theater gearbeitet, wo einem die Leute zuhören, wenn man was sagt. Beim Film ist das was anderes. Da kommt man eher einem Samenspender gleich: Man wird gebraucht, dringend sogar. Aber sobald man geliefert hat, will keiner mehr etwas von einem wissen. Dann soll man schön wegbleiben und darf sich am Ende noch dumme Sprüche anhören, von wegen, wie man so etwas für Geld machen könne. Beim Fernsehen ist das Gegenteil der Fall, da hat man das Gefühl, wirklich Teil des Ganzen zu sein.“

Ob sich der Einsatz gelohnt hat, wird sich zeigen, wenn Britannia demnächst auch hierzulande startet. Den Briten jedenfalls scheint Butterworths trippige High-Tech-Hippie-Version dieses weitgehend unergründeten Teils ihrer Historie durchaus zuzusagen. Auch der Verkauf der Serie in mittlerweile 124 Territorien weltweit klingt vielversprechend. Britannia, soviel ist sicher, ist weder Ersatz noch Abklatsch von Game of Thrones, sondern bricht eine ganz eigenwillig gefertigte Lanze für Neues aus dem Fach der episch angelegten Fantasy für Fortgeschrittene. Wer der Handlung folgen will, sollte deshalb konzentriert alle Sinne beisammen halten – oder man wirft gleich von vornherein alle Vernunft über Bord und lässt sich effektreich unterhalten. Beides ist legitim, denn auch in Britannia gilt nur eine Regel: Alles ist erlaubt!

 



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Text + Interview ~ Pamela Jahn

BRITANNIA


Fantasy-Serie, USA/UK/IE seit 2018
Idee, Buch
Jez Butterworth, Tom Butterworth, James Richardson
Mit David Morrissey, Kelly Reilly, Nikolaj Lie Kaas, Mackenzie Crook, Zoë Wanamaker, Ian McDiarmid u.v.a.
Länge ca. 540 Minuten in zehn Episoden

Ab 23. Februar auf Sky Atlantic HD und
Sky Ticket

Sky Night: Britannia Ep. 1+2
Dienstag 13.02.2018, 19.30 Uhr
Stadtkino im Künstlerhaus, Wien

ray verlost noch bis 12. Februar (12:00 Uhr) Karten:
Schicken Sie eine Mail mit dem Betreff „Britannia“ 
an gewinnspiel@ray-magazin.at



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