Bruder Jakob, schläfst du noch?

Intime Dokumentation der Trauerarbeit nach dem Selbstmord eines Bruders

 

Jakob hat sich das Leben genommen, und wie meist ist die Frage nach dem Warum eine, die die Überlebenden nicht zur Ruhe kommen lässt. Mit David und Stefan Bohun sind zwei seiner vier Brüder als Produzent und Regisseur im Filmgeschäft tätig, und sie präsentieren in diesem berührenden Dokumentarfilm eine Spurensuche nach den Hintergründen dieser unfassbaren Tat. Zugleich ist es ein intimes Familienporträt der unterschiedlichen Brüder geworden.

Naheliegenderweise suchen die vier jene Orte auf, die Jakob wichtig waren, wie das Lareintal in Tirol, wo er sich besonders frei und glücklich fühlte. Sie machen sich aber auch auf in seine spätere Heimat Porto, wo er als Anästhesist mit seiner portugiesischen Frau und seinem Kind gelebt hat. Dazu sieht man Homevideo-Aufnahmen aus unbeschwerten Jugendtagen, und eine Freundin von Jakob liest im Off dessen sehnsuchtsvolle Briefe vor, die von Einsamkeit und dem Wunsch nach Zugehörigkeit berichten. Vom Konzept her ist dies ein klassischer Reisefilm, der an Transitorten wie Hotelzimmern oder Berggipfeln wortreich die Dinge verhandelt, die eine Familie zusammenhalten, aber auch trennen. Obwohl Jakob im Titel des Films steht und auch als abwesende Hauptperson eingeführt wird, bleibt er ein Rätsel, dem im Lauf des Filmes immer weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es ist ein wenig so, als ob die Überlebenden notgedrungen den filmischen und familiären Raum an sich reißen, weil die Lücke weder erklärt noch gefüllt werden kann. So bleibt der Charakter Jakobs seltsam unscharf und vage, während die unterschiedlichen Temperamente der vier Brüder immer klarer zutage treten. Dieser Prozess ist durchaus spannend, es ist erhellend zu beobachten, wie der offensichtlich schon immer starke Konkurrenzgedanke bei den vier Brüdern noch immer für Konflikte sorgt, wie sie es aber auch schaffen, diese Mechanismen zu durchschauen, zu verbalisieren und zumindest respektvoll damit umzugehen. Aus den oft hitzigen Debatten und Schuldzuweisungen wird für den Zuschauer auch klar, wie sehr Rollenbilder der Kindheit auch im Erwachsenenalter noch stark prägend bleiben.

Der nachdenkliche, aber keineswegs deprimierende Film löst sein Versprechen, Jakob auf die Spur zu kommen, nicht ganz ein – dafür fehlen zu viele wichtige Personen wie seine Frau oder auch die Eltern –, dafür entschädigt er mit einem interessanten Einblick in das Wesen der Trauerarbeit und in die Strukturen einer männlich geprägten Familie.


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Dokumentarfilm, Österreich 2018


Regie Stefan Bohun
Drehbuch Stefan Bohun, David Bohun, Johannes Bohun
Kamera Klemens Hufnagl
Schnitt Marek Kralovsky
Ton Hjalti Bager-
Jonathansson
Verleih Filmdelights, 80 Minuten
Kinostart 14. September

 

 



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