Gut und Böse

Noch zwei Tage bis zum Festivalfinale. Es bleibt spannend.

 

Um gleich mit der Tür ins Haus zu Fallen: Es gibt auch Ärgerliches im diesjährigen Wettbewerb von Cannes, und wie immer gibt es Filme, über die man streiten kann. Nach der milden Enttäuschung über Todd Haynes‘ Wonderstruck, der zu Beginn des Festivals die Kritiker spaltete, macht sich in der zweiten Woche unter anderem ein Gefühl von Bestürzung breit. Es fing damit an, dass am Dienstagabend Jacques Doillons Künstlerporträt Rodin das Licht der Kritikerwelt erblickte, in dem Vincent London den großen französischen Bildhauer verkörpert und Izïa Higelin in die Rolle seiner langjährigen Geliebte Camille Claudel schlüpft. Rodin war 43 Jahre alt, als er im Jahr 1884 die Frau kennen lernte, die bald zu seiner Muse werden sollte. Die junge, engagierte Bildhauerin mit der kreativen Energie im Blut war aber noch mehr: Eingestellt als Assistentin, wurde Claudel bald zu seiner rechten Hand, seiner Seelenverwandten, die ihn fünfzehn Jahre lang auf seinem Schaffensweg begleitete, bis nach und nach ihr eigener Drang nach Ruhm und Anerkennung sowie ihre Verzweiflung über die uneingelösten Heiratsversprechen Rodins zur Trennung führte. Dabei sind es vor allem die frühen Szenen ihrer zweifelsohne leidenschaftlichen Liaison, die noch halbwegs energisch umgesetzt sind. Doch schon allzu bald macht sich eine fatale Schwerfälligkeit breit, von der Doillon sein völlig lebloses, unambitioniertes Biopic nicht mehr befreien kann. Er versetzte damit die ohnehin längst übermüdeten Journalisten vor Ort reihenweise in Tiefschlaf.

Mitunter noch schlimmer traf es diejenigen, die sich am gestrigen Abend dem neuen Film von Sergei Loznitsa aussetzten. A Gentle Creature ist eine Zumutung im besten filmischen Sinne, allerdings gelingt es dem eigenwilligen, in Berlin lebenden ukrainischen Regisseur diesmal nicht ganz, seine düstere, extrem konstruierte und zuweilen bis ins surreale überdrehte Geschichte mit der gewohnten Professionalität auf die Leinwand zu übertragen. Dabei fängt alles zunächst recht vielversprechend. Lose basierend auf einer Erzählung von Dostojewski, zeichnet Loznitsa in seinem Film das Porträt einer verschwiegenen Frau, die vergeblich versucht, ihrem inhaftierten Ehemann ein harmloses Care-Paket zu überbringen. Die Reise, die sie zu diese Zweck auf sich nimmt, ist gezeichnet von Gewalt, Korruption und Prostitution, die der Regisseur mit verzerrter Komik und einer Traumsequenz zu brechen versucht, die in ihrer Satire gnadenlos ist. Man könne die russische Historie nicht ernst nehmen, hat Loznitsa selbst einmal gesagt, mitunter sei Groteske geradezu unvermeidlich. Das mag schon sein und hat in seinen bisherigen Werken zudem eindrücklich funktioniert. Diesmal jedoch scheiden sich die Geister, und zwar gehörig. Denn während vielen der freilaufende, mal zynisch-absurde, mal zutiefst bestürzende Blick des Regisseurs auf die russische Unterschicht alles andere als gelungen, bisweilen sogar als grober Fehltritt erschien, machten sich andere Kollegen daran, den Film direkt zum großen Favoriten auf einen der Hauptpreise zu erklären.

Aber auch das ist Cannes: ein Ort der Diskussion und der Uneinigkeit, wo jeder Film seine Freunde und seine Feinde unter dem cinephilen Publikum findet, ohne dass das in irgendeiner Weise einen Einfluss auf die Entscheidung der Jury haben muss. Das war vor allem im letzten Jahr zu spüren, als die Weltpresse vorab Maren Ades Toni Erdmann als den haushohen Gewinner des Festivals feierte, bis am Abend der Preisverleihung plötzlich Ken Loach die Goldene Palme für den besten Film entgegen nehmen durfte. Als Trost darf Maren Ade in diesem Jahr die Jury-Entscheidungen mittreffen, und eines ist sicher: Es bleibt auch in der zweiten Festivalhälfte spannend im Wettbewerb. Einige Chancen dürfte beispielsweise Good Time von Josh und Benny Safdie haben, der heute morgen der Presse präsentiert wurde. In dem rasanten Verfolgungsthriller spielt sich Robert Pattinson mit einer Tour-de-Force-Darstellung über die bisher verborgen gebliebene Grenzen seines sichtlich bemerkenswerten Repertoires hinaus in die Herzen, oder besser gesagt: die Magengrube der Zuschauer, während das US-amerikanische Regie-Brüderpaar der Geschichte um einen verzweifelten Bankräuber auf der Flucht, der zudem versucht, seinen behinderten Bruder aus den Armen der Polizei zu befreien, mit einer Originalität und Versiertheit  begegnet, die Hoffnung macht, wo alles verloren scheint.

Auch Sofia Coppola, neben Lynne Ramsay und Naomi Kawase eine der drei Frauen im Wettbewerb, hat mit ihrem aufpolierten Remake des Südstaatenmelodrams The Beguiled nach dem Roman von Thomas P. Cullinan einen Film im Rennen, der angesichts seiner exzellenten Schauspieler als Palmenanwärter gehandelt wird. Vor allem Nicole Kidman stiehlt hier ihren Kolleginnen Kirsten Dunst und Elle Fanning die Show, die allesamt um die Gunst von Colin Farrells Union-Corporal John McBurney buhlen, als dieser plötzlich schwer verwundet in der Schule von Martha Farnsworth (Kidman) landet. Ähnlich elegant wie in The Virgin Suicides gelingt es der Regisseurin mit vielsagenden Blicken, Gesten und Gegenschnitten, die passende ambivalente Atmosphäre zu schaffen, in der auch die erotische Triebkraft der Geschichte zum Vorschein kommt. Und wer Don Siegels gleichnamiges Original von 1971 nicht kennt, in dem Clint Eastwood die Hauptrolle spielt, der kann sich kaum beklagen über diesen Film. Allen anderen mag Coppolas angeblich feministische Version von Cullinans Vorlage mitunter jedoch zu flach und berechenbar erscheinen.

Tatsächlich sind Nicole Kidman und Colin Farrell in Coppolas Film wie auch in dem düsteren Thriller-Drama The Killing of a Sacred Deer von Yorgos Lanthimos famos und überaus sehenswert, und vielleicht geht auch letzterer angesichts seiner stimmungsvollen Inszenierung à la Kubrick am Ende als der erfolgreichere Film hervor. Die beiden Hollywood-Stars spielen darin ein Ärztepaar, deren Familie auf merkwürdige Weise in Gefahr gerät, als ein Junge, die Nähe des Chirurgen sucht, nachdem sein eigener Vater bei einer Operation ums Leben kam. Aber auch hier gibt es Für und Wider. Zwar zieht auch Lanthimos in seiner modernen griechischen Tragödie sämtliche Register, wenn es um Spannungsaufbau und Suspense geht, jedoch leidet sein Film streckenweise an dem extrem gedämpften Tempo, mit dem der versierte Regisseur die Handlung vorantreibt. Aber auch das ist nur ein relativ kleiner Makel an einem packenden und klugen Wettbewerbsbeitrag.

An wen die Preise am Samstagabend vergeben werden, wird sich zeigen. Fest steht, dass Cannes trotz aller Pannen und Kontroversen auch in diesem Jahr ein spannendes Aufgebot an Filmen vorzuweisen hat, über die zu diskutieren und spekulieren sich lohnt.

 



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