Angeeckt

Abschluss in Cannes: Das Festival bleibt auch nach siebzig Jahren vornehmlich ein Männer-Klub.

 

Die Würfel sind gefallen, die Palmen vergeben – und trotzdem bleiben die Meinungen wie immer gespalten. Dabei kann man in diesem Jahr gar nicht groß meckern, zumal dieser 70. Cannes-Wettbewerb um eine Handvoll guter, aber nicht herausragender Filme gestrickt war, von denen eigentlich jeder irgendwie Chancen auf den einen oder anderen Preis gehabt hätte – und so kam es dann ja auch.

Davon ganz abgesehen: Richtig rund lief eigentlich nichts zum großen Jubiläum, weshalb es vielleicht sogar passend ist, dass die Goldene Palme in diesem Jahr an die schwedische Gesellschaftssatire The Square von Ruben Östlund geht, in dem der adrette Däne Claes Bang einen Chefkurator spielt, dessen schicke, geordnete Welt aus den Fugen gerät, als sein Museum in der Öffentlichkeit mit einer aggressiven PR-Kampagne aneckt, für die er am Ende büßen muss. Der Film gehörte zweifelsohne zu den besseren dieses Wettbewerbs, obwohl die meisten Journalisten die überlange Laufzeit beklagten und Östlund seine offensichtliche Kritik an der Kunstszene mit zum Teil frustrierender Klarheit an sein Publikum heranträgt. Das soll jetzt nicht heißen, dass die Entscheidung der Jury um Pedro Almodóvar gänzlich ungerechtfertigt ist. Nein, enttäuschend ist sie nicht, nur unerwartet, zumal in diesem Jahr der Mittelmäßigkeit alle Anwesenden insgeheim eher auf Andrej Swjaginzews leise verstörendes Drama Loveless als den großen Gewinner gesetzt hatten, dicht gefolgt von Lynne Ramsays impressionistischem Thriller You Were Never Really Here, der am Freitagabend als letzter Wettbewerbsbeitrag ins Rennen ging.

Der russische Ausnahmeregisseur, der 2014 für sein Drehbuch zu Leviathan ausgezeichnet wurde, durfte dafür diesmal den Jurypreis entgegen nehmen, während sich Ramsay stattdessen mit einer halben Palme für das beste Drehbuch zufrieden geben musste,  von der die andere Hälfte an Yorgos Lanthimos für seine elegant gefilmte, moderne griechische Tragödie The Killing of a Sacred Deer ging. Die Britin, die sich ganze sechs Jahre nach We Need To Talk About Kevin in Cannes zurückmeldete, hatte in den Tagen vor der Pressevorführung noch damit Schlagzeilen gemacht, dass ihr Film, in dem Joaquin Phoenix einen abgehalfterten Hitman auf der Suche nach einem missbrauchten Mädchen spielt, eigentlich noch gar nicht ganz fertig war. Bis zur letzten Minute hätte die Regisseurin daran geschnitten – aber der Einsatz hat sich gelohnt. You Were Never Really Here ist ein merkwürdiger, toller und kunstvoll komponierter Film, der seine Kraft gerade daraus gewinnt, dass er ungewöhnlich roh und fragmentarisch wirkt, und zudem mit Joaquin Phoenix einen Schauspieler ins Zentrum stellt, der sich seinem geschundenen Berufskiller kompromisslos unterwirft und ihn damit zugleich eine bemerkenswerte, mitunter erschreckende Leinwandpräsenz verleiht.

Dass Phoenix für seine schauspielerische Glanzleistung deshalb letztlich auch mit dem Preis für den besten Schauspieler geehrt wurde, verwundert im Grunde ebenso wenig wie die Vergabe der Palme auf weiblicher Seite an Diane Kruger, obwohl es mit Maryana Spivak (Loveless) oder Nicole Kidman, die in gleich zwei Wettbewerbsfilmen (The Killing of a Sacred Deer, The Beguiled) brillierte, unter den Schauspielerinnen durchaus beachtliche Konkurrenz gab. Die schöne Deutsche, die in Fatih Akins NSU-Thriller Aus dem Nichts zum ersten Mal eine Hauptrolle in ihrer Muttersprache spielt, verkörpert darin die Frau eines kurdischstämmigen Ex-Dealers, der gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn bei einem von Neonazis verübten Bombenanschlag getötet wird. Und sie ist es auch, die diesen Film tatsächlich von der ersten bis zur letzten Minute trägt. Stark, nuanciert und ähnlich selbstlos wie Phoenix kommt sie in jeder Einstellung daher, auch wenn ihr Regisseur mitunter Schwierigkeiten hat, die Handlung stringent auf ihr bestürzendes Ende hinzusteuern.

Vielleicht der größte Favorit, zumindest unter den Kritikern, war jedoch Robin Campillos pulsierendes Drama 120 Beats per Minute über die französische Sektion der vor 30 Jahren in den USA gegründeten AIDS-Aktivistengruppe Act Up, die bis heute gegen die Epidemie und für mehr Aufklärung sowie eine bessere Versorgung der Betroffenen kämpft. Zwar ist auch dieser, wie keiner der Filme im diesem Wettbewerb, ein herausragender oder gar außergewöhnlich origineller Film, aber zumindest konnte er eine emotionale Tiefe vorweisen, die den anderen Beiträgen (bis auf Swjaginzews Loveless) gänzlich abging. Denn neben allem politischen Engagement besticht 120 BPM vor allem durch die leise Wucht, die der Film aus seiner zentralen Liebesgeschichte zwischen dem zunehmend vom Virus geschwächten Sean und dem HIV-negativen Nathan gewinnt, der von Seans ansteckendem Lebensdurst so bezaubert ist, dass er sich trotz aller offensichtlichen Risiken nicht davon abhalten lässt, eine intime Beziehung mit ihm einzugehen. Was kommt, ist abzusehen, und ist nicht immer so kompakt und schlüssig erzählt, wie man es sich gewünscht hätte. Und doch: Es ist ein Film, der sein Publikum behutsam am Kragen packt, bis am Ende alle die Taschentücher zücken. Und selbst Almodóvar konnte sich bei der Pressekonferenz der Jury im Anschluss an die Preisverleihung ein Schluchzen sind verkneifen: „I can’t love it more“, gestand er den Medien gegenüber im Nachhinein, was darauf hindeutet, dass er Campillos ebenfalls für durchaus würdig hielt, die Goldene Palme zu gewinnen.

Mehr Einigung schien bei der Vergabe des Preises für die beste Regie an Sofia Coppola geherrscht zu haben, die für ihre Version des Südstaatendramas The Beguiled (einem Remake der durchwachsenen Don Siegel/Clint Eastwood-Produktion von 1971) ausgezeichnet wurde. Und auch bei dem Spezialpreis der Jury anlässlich des 70. Geburtstags des Filmfestivals war man sich vermutlich schnell einig, denn der konnte in diesem Jahr, in dem Nicole Kidman mit ihrer unermüdlichen Vielseitigkeit selbst die in Cannes stets omnipräsente Isabelle Huppert in den Schatten stellte, an kaum eine andere Hollywood-Größe verliehen werden.

Leer gingen dafür die beiden Netflix-Produktionen, Ojka von Bong Joon-ho und Noah Baumbachs The Meyerowitz Stories, aus, was wenig verwundert, wenn man sich daran erinnert, wie expliziert sich Almodóvar zu Beginn des Festivals auf die Seite der französischen Kinobetreiber geschlagen hatte, die mit ihrem lautstarken Protest gegen die Beteiligung der Filme im diesjährigen Wettbewerb die Feierlichkeiten zum runden Geburtstag des Festivals bereits im Vorfeld schwer belastet hatten. Ein Triumph für Netflix hätte mit großer Wahrscheinlichkeit zum Eklat geführt, zumal keiner der beiden Filme langfristig über das Prädikat „unterhaltsam“ hinauszugehen vermochte, ähnlich wie  Michael Hanekes immerhin perfekt inszenierte Familiensatire Happy End, die ebenfalls von der Jury unberücksichtigt blieb.

Mit The Square hat dieses 70. Cannes-Festival also einen Gewinner gefunden, der durchaus vertretbar ist, wenn auch nicht famos. Und trotz bleibt trotz aller Versöhnlichkeit mit der Entscheidung der Jury auch in diesem Jahr wieder ein leicht bitterer Nachgeschmack: Denn mit dem Versäumnis, die Palme an Lynne Ramsay oder auch Sofia Coppola zu vergeben, kommt die Gewissheit, dass Jane Campion weiterhin die einsame Frau in einem Klub von Männern bleibt. Ihren Frust darüber hatte die erste und bislang einzige weibliche Preisträgerin bereits während des Festivals in einem Interview mit dem Online-Magazin „Vulture“ deutlich gemacht, der vielen Kritikern in Cannes, ob Mann oder Frau, aus der Seele sprach: „Too long! Twenty-four years! And before that, there was no one. It’s insane. And I’m really annoyed that Maren Ade didn’t win last time. I thought, Finally, a buddy. No. No! There’s no more guys winning. That’s it. It’s just going to be women winning from now on.” Leider ist daraus auch in diesem Jahr nichts geworden, aber noch gibt es Hoffnung, dass sich dies in Zukunft ändern wird – vielleicht schon 2018.

 



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