Statt eines Rundumschlags

Zur Frage des Verhältnisses zwischen Form und Inhalt: Zwei Highlights, gesehen auf dem Crossing Europe Filmfestival in Linz 2017.

 

Es wird ja immer viel geredet vom politisch engagierten Kino. Von Filmen, die Stellung nehmen, Position beziehen, Partei ergreifen; Filmen, die aufklären, aufdecken, anklagen. Filmen, aus denen man herauskommt, hoffnungslos, weil die Welt ein schrecklicher Ort ist voll böser Menschen, dem Untergang geweiht, moralisch verkommen und unrettbar verloren. Im Hinausgehen hängt man das politische Engagement am nächsten Baum auf, weil eh alles keinen Sinn hat und es immer noch besser ist, das Engagement hängt da, als man selber.

Freilich gibt es auch ein anderes politisch engagiertes Kino, ein zeugenschaftliches, empathisches. Dieses Kino geht vor wie ein Archäologe, der etwas freilegt, und der in seinen Bewegungen und mit dem eingesetzten Instrumentarium immer behutsamer wird, je weiter er vordringt und je näher er dem Gegenstand seiner Grabung kommt.

Der Kapitän des Containerschiffes trifft eine verhängnisvolle Entscheidung, die einen seiner Matrosen das Leben kostet. So steht zumindest zu vermuten, denn die genauen Todesumstände werden nicht geklärt. Aber sie werden – während der Leichnam als sinnloses Gewicht (Deadweight, so heisst ja auch Axel Koenzens Film) in der Kühlkammer liegt – untersucht, ziemlich gründlich sogar. Die Vertreterin der Versicherung der Reederei kommt an Bord und befragt, ein Gewerkschafter schaltet sich ein und gibt zu bedenken, die zweite Offizierin sieht sich unter Druck, die Mitmatrosen debattieren, ein paar Hafenarbeiter haben auch etwas zu sagen. Und der Kapitän des Containerschiffes, der wenig redet, wird immer trauriger. Und wir ahnen, dass da einem sein Beruf, der früher einmal eine Berufung war, verleidet ist. Und wir sehen, dass die moderne Seefahrt nichts mehr gemein hat mit den romantischen Vorstellungen, die sich einstmals an sie knüpften. Dass sie sich vielmehr gewandelt hat in auch nur einen weiteren Ausbeutungszusammenhang aus schlecht gewarteten Kähnen, zu wenig Personal und Zeitdruck, Zeitdruck, Zeitdruck. Deadweight (Deutschland/Finnland 2016) ist einer dieser Bastarde, Hybride, die ihre Geschichte aus dem Dokumentarischen entwickeln. Koenzen nimmt, was er vorfindet: das Schiff, die Matrosen, die Häfen. Dann injiziert er Fiktion: den Darsteller des Kapitäns, eine Idee für eine Handlung. Er lässt beides aufeinander wirken, lässt die Übergänge ineinander fließen, glättet hier ein paar Kanten, verschärft dort ein paar Ecken – und holt aus dem Besonderen das Allgemeine. Mehr erahn- als sichtbar, doch mit umso größerer Wirkmacht.

Leise und unmerklich geht der Forschende vor, mitunter scheint gar nichts weiter zu geschehen, nur ein weiteres Staubkorn wird beiseite gefegt, ein weiterer Mosaikstein freigelegt. Nur liegt dann plötzlich doch mit einem Mal das ganze Bild vor einem da. Und hat nicht nur jenen Sinn, den es an seiner Oberfläche zeigt, sondern trägt auch die Geschichte seiner Entdeckung und die Methode seiner Freilegung mit sich. Zwar ist die Dichotomie von Form und Inhalt längst schon obsolet, und auch die Regeln von einst, die das eine mit dem anderen auf eine bestimmte und keinesfalls andere Weise verknüpften, gelten nicht mehr. Doch die Frage danach, wie das eine mit dem anderen zusammen hängt und welche Wirkung damit erzielt wird, ist vielleicht sogar umso interessanter geworden je größer der Freiraum ist, in dem Form und Inhalt einander begegnen.

Der 1985 im heute zu Serbien gehörenden Pancevo geborene Ognjen Glavonic legt in Dubina Dva (Depth Two, Serbien/Frankreich 2016) Zeugnis ab von einem Verbrechen, das begangen wurde als er 14 Jahre alt war und das hartnäckig verschwiegen und verdrängt wird von dem Land, in dem er heute lebt. 1999, während die NATO Jugoslawien bombardierte, stürzte nahe der rumänischen Grenze ein Transporter mit 53 Leichen in die Donau. Leichen von Albanern – Frauen, Kindern, Alten -, die in Suva Reka, Kosovo, in einer Pizzeria zusammengetrieben und ermordet worden waren. Diese Leichen transportierte man quer durchs Land, schließlich wurden sie in einem Massengrab am Rande Belgrads verscharrt.

Glavonic montiert Stimmen von damals – Zeugenaussagen von Opfern und Tätern, Gerichtsprotokolle, Sachverständigenberichte - mit Bildern von heute, die zwar nicht immer den Ort des jeweils geschilderten Geschehens zeigen, die aber immer nah genug dran sind, um Unbehagen zu erzeugen. Was alles mag in diesen Landstrichen, auf diesen Strassen noch alles geschehen sein, worüber nun nicht mehr gesprochen wird?

Sein Film, sagt der Regisseur im an die Vorführung anschließenden Publikumsgespräch, stelle dem Vergessen die Erinnerung entgegen und sei ein Versuch, zur Reparatur der in den Jugoslawienkriegen zerstörten Brücken zwischen den Ethnien beizutragen. Ein kleines Steinchen nur im Mosaik. Und unverzichtbar für ein Bild, das vom Bemühen um Gerechtigkeit erzählt.

 



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