Zwischen Cannes, Venedig und öffentlich-rechtlichem Fernsehen

Das Filmfest München ging zum 35. Mal über die Bühne

 

Das Filmfest München hat vielleicht kein unverwechselbares Profil, bietet aber eine feine Auswahl internationaler Werke – und Zuhausegebliebenen einen praktischen Überblick über die Höhepunkte vergangener Festivals.

Manche Filme haben eine genrebedingte Ausrichtung, andere setzen regionale Schwerpunkte. So gibt es Horrorfilmfeste, Festivals des  skandinavischen, Feste des fernöstlichen Films. Gewisse Festivals sind so riesig, dass sie allein von ihrer Masse zehren. Das Filmfest München lässt sich in keine dieser Kategorien einordnen. Es glänzt durch keine spezielle Programmfarbe, es ist kein riesiges Filmfest. Direkt klein ist es nun auch nicht - hierzulande ist nur die aufgeblähte Berlinale voluminöser. In München läuft ein bisschen deutsches Fernsehen, ein wenig hiesiges Kino. Ein frühsommerliches Branchentreffen, für den häuslichen Filmfreund eine willkommene Abspielstation für Werke aus Cannes oder dem Vorjahresvenedig.

Wie früher die Berlinale findet das Filmfest im Sommer statt, und in diesem Jahr trieb die zu Beginn enorme Hitze die Besucher gleichsam in die Säle. Seit sich vor einigen Jahren das Cinemaxx am Isartor zurückgezogen hat und durch die Kinos an der Münchner Freiheit ersetzt wurde, ist das Filmfest räumlich in die Breite gegangen. Aus der Form ging auch das Programm, welches in klangvoll benamten Reihen Werke zu bündeln versucht, die wenig gemein haben – was nicht gegen die Filme spricht, die überlegt ausgesucht sind. Nach celebrityseitig mäßigen Vorjahren karrten die Festivalleiter mit Bryan Cranston (der seinen geschwätzigen Aussteigerfilm Wakefield mitbrachte) und Sofia Coppola zwei unterschiedliche Größen der amerikanischen Bewegtbildunterhaltung in die bayerische Landeshauptstadt: Eine Vertreterin der klassischen Films, eine Ikone des als besseres Kino gerühmten Langstreckenfernsehens.

Coppolas The Beguiled über ein Mädchenpensionat im ausklingenden amerikanischen Bürgerkrieg, das durch einen kriegsversehrten Nordstaatler hormonell aufgemischt wird, erwies sich als faszinierender, ganz anderer Film als sein ebenso sinnlicher, aber superseltsamer Siebziger-Vorläufer mit dem späteren Dirty Harry-Gespann Don Siegel und Clint Eastwood.

Um Frauenfiguren kreisten dieses Jahr überhaupt viele Werke. So auch Sergio Castellitto’s Fortunata über eine italienische Lebefrau, die sich von ihrem klammernden Nochmann lösen will, um schließlich Therapeuten ihrer kleinen Tochter durchzubrennen. Ein recht lauter Film, dessen Gefälligkeit man sich aber nur schwer entziehen konnte. Einer allmählich zur Frau werdenden, allmählich erblindenden Hauptfigur widmete sich Léa Mysius in ihrem Drama Ava. Stéphane Brizés erzählte nach Maupassant Ein Leben: ein karges, in der bewussten Asynchronität von Bild und Ton ungeheuer konsequentes Drama über den Verfall einer vereinsamenden Adeligen. Allein auf sein Staraufgebot (Cotillard, Gainsbourg, Amalric) verließ sich Arnaud Desplechin im Beziehungswirrwarrfilm Les Fantomes du Ismael, der nach ergreifendem Start zur allzu französischen Versuchsanordnung verkam.

Hermann Pölking widmete sich in einem siebeneinhalb Stunden währenden Leinwandmarathon der Dauerbrennerfrage Wer war Hitler? Der Regisseur, sichtlich bemüht um möglichst wenig ergänzenden Kommentar, wälzt sich durch ehrfurchtgebietende Archivberge, um seine von unzähligen Biographien bereits erschöpfend behandelte Ausgangsfrage zu umkreisen. Wer war Hitler trägt natürlich schon die Bedeutung, die Erhöhung dieses Mannes in sich.

Im Internet geistern historische Tonaufnahmen des Potentaten herum, in denen seine Stimme rein gar nichts vom lächerlichen Gröfaz-Kreischen hat. Beim vertraulichen, inhaltlich gewohnt gespenstischen Weltbeherrschungsplausch mit finnischen Offizieren erklingt ein warmer Bariton, der heute an den bayerischen Schauspieler Reiner Maria Halmer erinnert. Im stimmungsvollen Siebziger-Kostümfilm Sommerhäuser spielt er einen frisch verwitweten Großvater, der seiner urlaubenden Familie bei der Selbstzerfleischung zuschaut. Ein akkurat und sensibel erzähltes Zeitbild. Warum man diesem prominent besetzten, inhaltlich nicht sonderlich gewagten Erstlingsfilm von Sophie Kröner nun gleich den Förderpreis Neues Deutsches Kino verleihen musste, blieb offen. Gewagter nahm sich dagegen Tom Lass‘ agiler Blind und Hässlich aus, der zurecht mit dem Fipresci-Preis gewürdigt wurde: „Dass sie blind ist, hat zur Folge, dass sie mich nicht sehen kann.“

Im Übrigen ist die deutsche Vertretung eher fernsehlastig. 10 Euro für einen öffentlich-rechtlichen Fernsehfilm mit entsprechender Ästhetik zu bezahlen, der im Zweifel in drei Wochen im Ersten kommt, ist schon ein bisschen happig. Überhaupt nicht gefällig erwies sich dagegen die restaurierte Fassung von Peter Fleischmanns Ökodystopie Das Unheil - ein faszinierendes Zeitbild über Erwachsenwerden und Vertriebenenfolklore in der westdeutschen Provinz der frühen Siebziger. Schauplatz war Wetzlar, wo Goethe einst den Werther schrieb.

Wiederum direkt aus Cannes kam Loveless, ein Drama über die Absenz von Gefühlen. Vor der Folie eines verschwindenden Kindes untersucht Leviathan-Regisseur Andrey Zvyagintsev das moderne Russland, welches sich dem degenerierten Westen als Gegenbild vorstellt – und doch selbst heruntergekommen erscheint. Ostwärts führte uns auch Valeska Grisebach in ihrem stillen Western über einen Bautrupp voller Brandenburger, die im Bulgarischen Grenzland einen Staudamm errichten sollen. Von den gruppendynamischen Verwerfungen unter den Männern schweift der Film rasch ab, um Gastarbeiter und Einheimische bei ihrer sprachlosen Annäherung Beistand zu leisten. Ihren amourösen Rivalitäten, einem wunderschönen Schimmel sowie den ungelenken Verbrüderungsversuchen der Culture Clasher könnte man ewig zuschauen.

http://www.filmfest-muenchen.de/de/

 



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