Körper und Seele / Teströl és Lélekröl

Von Tieren und Menschen

 

Mária (Alexandra Borbély) ist die Neue im Schlachthaus. Sie soll die Qualität des Fleisches prüfen und tut das mit einer Genauigkeit, die bei den Kollegen alsbald auf Ablehnung und Unverständnis stößt. Denn auch sonst ist Maria nicht die Umgänglichkeit in Person. Wie ein Fremdkörper im System schleicht sie sich täglich durch die belebte Kantine, um nach dem einzigen freien Tisch zu suchen, und auch ihr spartanisches Privatleben bietet wenig Gelegenheit für zwischenmenschliche Kontakte.

Überhaupt scheint sich ihre Welt vorrangig um Zahlen, Regeln und ein ungesund ausgeprägtes Erinnerungsvermögen zu drehen, mit dem sie seit ihrer Kindheit zu kämpfen hat. Der Einzige, der von ihrer blassen Erscheinung merkwürdig angetan zu sein scheint, ist Endre (Géza Morcsányi), der Finanzdirektor des Betriebs, der ihre Zurückhaltung jedoch lediglich mit einer ähnlichen Reserviertheit kontert, was zunächst in nicht wenigen holprigen Konversationsversuchen endet, die ihre offensichtliche Seelenverbundenheit zueinander bekunden. Zaghaft, geradezu verzweifelt, versuchen sie sich zwischen reichlich Blut und toten Tieren näher zu kommen, Vertrauen zu gewinnen – und bleiben doch stets Gefangene ihrer selbst, in einer Realität, der sie nicht entkommen können. Gäbe es da nicht diesen wundersamen Traum, der sie jede Nacht aufs Neue und Innigste verbindet, und der sich zugleich wie ein magischer roter Faden durch diese seltsam schöne, sanfte Romanze zieht.

Die ungarische Regisseurin und Drehbuchautorin Ildikó Enyedi, die für ihren Film im Februar bei der Berlinale zu Recht mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, untersucht in Körper und Seele auf eindringliche, poetische und nicht selten verblüffende Weise die Grenzen zwischen dem Menschlichem und dem Animalischen. Tatsächlich steckt die Originalität des Ganzen hier jedoch nicht etwa in dem unseligen Handlungsort und auch nicht in den sperrigen Figuren an sich, sondern erschießt sich vielmehr über die starke ästhetische Handschrift der Filmemacherin, die ihr besonderes Gespür für entlegene, teils märchenhafte Geschichten bereits 1989 mit ihrem surreal anmutenden Erstlingswerk Mein 20. Jahrhundert bewiesen hatte.

Verfeinert wird die lange nachhallende, emotionale und visuelle Wirkungskraft des Films zudem durch die wunderbar zurückhaltende Darstellung der beiden Hauptfiguren sowie einem Hauch von Zerbrechlichkeit, der wie ein unsichtbarer Teppich über den oft malerischen, mitunter schwer verdaulichen, aber immer bemerkenswert präzisen Bildern liegt.

 

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Drama, Ungarn 2017


Regie, Drehbuch Ildikó Enyedi
Kamera Máté Herbai
Schnitt Károly Szalai
Musik Ádám Balázs
Production Design
Imola Láng
Kostüm Judit Sinkovics
Mit Géza Morcsányi, Alexandra Borbély, Zoltán Schneider, Ervin Nagy, Itala Békés
Verleih Thimfilm, 116 Minuten
Kinostart 22.September


 



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