Life Guidance

Handlungsarme, technisch versierte Science-Fiction-Parabel aus Österreich über den Selbstoptimierungswahn im Spätkapitalismus

 

In der (nahen) Zukunft ist die Zweiklassengesellschaft eine unheimliche Realität geworden: auf der einen Seite leblose Anzugträger, deren einziges Ziel die Selbstoptimierung zu sein scheint – das kommt laut einigen Kapitalismustheorien ja allen zugute -, auf der anderen Seite in Schlafstädten dahinvegetierende Dienstleister ohne Macht und Ziel. Alexander gehört zu den Privilegierten, der in einem perfekten Haus mit einer perfekten Familie das perfekte Leben zu genießen scheint. Schon in der ersten Einstellung, in der die Kamera Alexander ruhig von oben betrachtet, wie er seiner Frau auf dem Ehebett ein lebloses „Ich liebe dich“ aufsagt, auf das sie noch distanzierter mit der gleichen Formel antwortet, wird klar, dass hier etwas fundamental nicht stimmt. Beim Fußballspielen mit dem Sohn werden auch bald die unterdrückten Aggressionen Alexanders deutlich sichtbar, für die es in dieser oberflächlich so sauberen Gesellschaft keinen Platz zu geben scheint. Als wenig später ein Vertreter der Firma Life Guidance an seiner Tür läutet, um ihm mit anfangs noch sanftem Druck zu „helfen“, sich selbst noch weiter zu verbessern, beginnt Alexanders langsame Reise in eine mehr innerliche als äußerliche Rebellion: Er versucht mehr über die geheimnisvolle, mächtige Agentur herauszufinden, die unliebsame Außenseiter in den Tod treibt, und hinterfragt sein eigenes zwanghaftes Dasein.

Der neue Film von Ruth Mader (Struggle) klingt nach veritabel dystopischem Science-Fiction-Stoff à la Fahrenheit 451 oder 1984. Dabei wird eigentlich nur die Gegenwart ein wenig auf die Spitze getrieben, indem die internalisierten Selbstoptimierungszwänge der heutigen Gesellschaft durch die Life-Guidance-Agentur personalisiert werden. Die streng kadrierten Bilder von Christine Maier (gedreht wurde zum Teil im futuristischen, von Zaha Hadid entworfenen Wiener WU-Campus) und die wie immer hervorragende Ausstattung von Renate Martin und Andreas Donhauser schaffen eine unheimliche Atmosphäre, aus der das Drehbuch aber leider keine kohärente Geschichte zimmern kann. Life Guidance wirkt wie eine Versuchsanordnung ohne Leben, womit er wohl zu nahe am Sujet bleibt. In der Schlafstadt (gedreht im Karl-Marx-Hof) hören die wie auf Valium herumschleichenden verlorenen Existenzen zur Ablenkung Schlager, während die Drahtzieher dieses Gesellschaftsentwurfs in einer surrealen Sequenz als zynische konservative Jäger karikiert werden, dazwischen gibt es nur Erfüllungsgehilfen. Eigentlich wäre das alles extrem düster und theoretisch auch verstörend, aber Ruth Mader nimmt dem Zuschauer jede Identifikationsmöglichkeit, indem sie den Helden äußerst blass bleiben lässt und seine Auflehnung mehr ein Nicht-Verstehen als ein Nicht-Wollen bleibt. Dieses Nicht-Verstehen überträgt sich recht rasch auf den Zuschauer, hinter der durchaus klugen Kapitalismuskritik steckt kein funktionierendes Handlungs- und oder Strukturkonzept für diese nur angedeutete Welt. Das mag durchaus beabsichtigt gewesen sein, aber das Problem an dieser Herangehensweise ist, dass der Film im Niemandsland zwischen Avantgarde und Mainstream stecken geblieben ist. Die pure Anwesenheit der patschert erzählten Story stört die gelungene Atmosphäre, während die fehlenden Hintergründe die Geschichte allzu konstruiert erscheinen lassen für ein Publikum, das US-amerikanische Muster der Heldenentwicklung gewohnt ist. So bleibt der leider nicht neue Eindruck eines ambitionierten österreichischen Films mit einigen Schauwerten und interessanten Ideen, der sein Storytelling-Potenzial nicht voll ausschöpfen kann.

 

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Science-Fiction-Thriller, Österreich 2017


Regie Ruth Mader
Drehbuch Ruth Mader, Martin Leidenfrost
Kamera Christine A. Maier
Schnitt Niki Mossböck
Musik Manfred Plessl
Ausstattung Renate Martin, Andreas Donhauser
Kostüm Tanja Hausner
Mit Fritz Karl, Katharina Lorenz, Florian Teichtmeister
Verleih Stadtkino, 101 Minuten
Kinostart 11. Jänner 2018

 

 



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