Maudie

Unsentimentale Biografie einer kleinen Künstlerin, große Schauspielerei

 

Ein Traumpaar? Nein, das nun wohl gerade nicht. Sie, die von rheumatischer Arthritis verkrüppelte, kleine, zarte Frau, die der Welt und den Dingen in ihr mit einem verschmitzten Lächeln und unerschütterlichem Optimismus begegnet. Er, der hagere, große, maulfaule Mann, der im Waisenhaus aufgewachsen ist und dementsprechend misstrauisch und ruppig im Umgang. Und doch werden sie schließlich wie füreinander geschaffen wirken, Maud Dowley und Everett Lewis: „An odd pair of socks“, wie Maud es am Abend ihres Hochzeitstages ausdrückt und damit den Nagel auf den Kopf trifft; zwei Außenseiter, die sich zusammengerauft haben, weil man gemeinsam eben doch besser durchs Leben kommt als allein. Soweit eines der zentralen, narrativen Motive von Maudie, dem freilich auch etwas Klischeehaftes anhaftet. Das fällt dann aber weiter nicht ins Gewicht. Zu verdanken ist dies der souveränen, kitschfreien Inszenierung der irischen Regisseurin Aisling Walsh, vor allem aber dem erstklassigen Schauspiel. Sally Hawkins in der Rolle der berühmten kanadischen Volkskünstlerin Maud Lewis (1903–1970) und Ethan Hawke in der ihres widerborstigen Gefährten Everett (gestorben 1979) sind eine Wucht. Es ist ein reines Vergnügen, ihnen bei der Arbeit zuzusehen, und es ist anrührend zu beobachten, wie sie zwischen ihren beiden so unterschiedlichen Charakteren eine Beziehung entstehen lassen, die, während sie zunimmt an Komplexität, zugleich immer verlässlicher und wärmer wird. Die mittellose Maud kommt 1937 als Haushälterin zu dem Hausierer Everett, der die Hierarchie auf dem ärmlichen Anwesen klarstellt: „There’s me, them dogs, them chickens, then you.“ Er ist der Boss und hat das Sagen, aber er sagt nichts, als Maud zu malen beginnt. Stattdessen kauft er ihr Pinsel und Farben; es entstehen Postkarten, überwiegend kleinformatige Bilder (von denen es einige sogar bis ins Weiße Haus schaffen), mannigfaltige bemalte Oberflächen – deren größte die Elf-Quadratmeter-Hütte der Lewis’ ist, die heute in der Art Gallery of Nova Scotia in Halifax steht. Doch Maudie erzählt nicht die auf artistischen Triumph und gesellschaftliche Anerkennung ausgerichtete Biografie einer Künstlerin, die mittlerweile als Pionierin der Folk Art gilt. Maudie erzählt von der Malerei als einer Art der Weltwahrnehmung und der Daseinsweise; dabei werden die kümmerlichen und schwierigen Verhältnisse, in denen Maud Lewis’ große, naive Kunst entstand, nicht verklärt – sie sind schlicht irrelevant, wenn es darum geht, Lebensglück zu finden.

 

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Drama, Irland/Kanada 2016


Regie Aisling Walsh
Drehbuch Sherry White
Kamera Guy Godfree
Schnitt Stephen O’Connell
Musik Michael Timmins
Production Design John Hand
Kostüm Trysha Bakker
Mit Sally Hawkins, Ethan Hawke, Kari Matchett, Zachary Bennett, Gabrielle Rose, Greg Malone, Marthe Bernard, Lawrence Barry
Verleih Filmladen, 115 Minuten
Kinostart 27. Oktober

 



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