Eine Pille gegen alles

Zwischen Absurdität und Ernsthaftigkeit: Emma Stone und Justin Theroux im Interview zur neuen Netflix-Serie „Maniac“. Ein Gespräch über Rollenspiele, Fantasy-Phobien und die Wichtigkeit, sich selbst treu zu bleiben.

 

Lange hat man sich gefragt, womit Cary Fukunaga als nächstes aufzutrumpfen gedenkt. Seit der US-amerikanische Filmemacher die erste Season der HBO-Hitserie True Detective inszeniert hat, gilt er in Hollywood als Überflieger, den es vom Kino zum Fernsehen gezogen hat. Sein schonungsloses Kindersoldaten-Drama Beasts of No Nation flimmerte ab 2015 als erste eigene Spielfilmproduktion des Streaming-Dienstes Netflix über die Bildschirme, nun meldet er sich mit einem neuen Mehrteiler zurück.

Maniac erzählt von einer Gruppe Probanden, die sich dazu bereit erklärt haben, an einer gewagten Labortestreihe mit Psychopharmaka teilzunehmen. Unter den ausgewählten Patienten befinden sich auch Annie Landsberg (Emma Stone) und Owen Milgrim (Jonah Hill), die bislang jeder für sich weitgehend an dem gescheitert sind, was man Leben nennt – und da kommt ihnen eine Pille zur Heilung aller Seelensorgen gerade recht. Dr. James K. Mantleray (Justin Theroux), der Arzt, der das vermeintliche Wundermittel erfunden hat, ist davon überzeugt, dass mit Nebenwirkungen nicht zu rechnen sei. Doch kaum hat die Testphase begonnen, finden sich Annie und Owen im Rausch der Tablettenwirkung auf seltsame Weise gemeinsam in den schrägsten Fantasien wieder, was nicht nur im Labor für entsprechende Verwirrung sorgt.

 

Miss Stone, Annie und Owen schlüpfen im Lauf der Serie immer wieder in andere Identitäten, um sich selbst zu finden. Verhält es sich mit der Schauspielerei nicht ganz ähnlich?

Emma Stone Gute Frage. Manchmal ja, auf jeden Fall. Mir persönlich hat das Schauspielern in den Vergangenheit oft geholfen, bestimme Eigenschaften oder Fähigkeiten herauszustellen, von denen ich bis dahin nicht die geringste Ahnung hatte, dass ich sie besitze.

 

Inwieweit hilft Ihnen das Rollenspiel, wenn es darum geht, der eigenen Psyche Herr zu werden und Ihre inneren Dämonen anzugehen?

ES Sehr, aber nicht mehr so intensiv wie früher. Als Kind war ich unendlich dankbar dafür, in andere Rollen zu schlüpfen und mich darin verlieren zu können. Auf diese Weise konnte ich all meine Gefühle, das große Wirrwarr an Emotionen, dass sich in mir aufgestaut hatte, zum Ausdruck bringen. Endlich gab es da einen Ort, an den ich mich flüchten konnte mit meiner ganzen Empfindsamkeit und Sensibilität. Aber mit der Zeit ist die Schauspielerei für mich immer mehr zum Beruf geworden. Mir ist bewusst geworden, dass ich die Arbeit brauche, gleichzeitig versuche ich sie nicht allzu oft als Mittel zur Katharsis zu gebrauchen, es sei denn, es ist für eine bestimmte Szene wichtig. Auf die Dauer kann zu viel Katharsis auch kontraproduktiv wirken, deshalb bin ich jetzt etwas vorsichtiger damit.

 

Jodie Foster hat einmal gesagt, je berühmter man wird, umso eher vergisst man, wer man selber ist. Würden Sie dem zustimmen?

ES Nein, ich hoffe nicht, dass dem so ist. Justin, denkst du, dass ich auf dem Weg bin, zu vergessen, wer ich bin?

Justin Theroux Ich kenne dich gar nicht mehr. (Lacht.)

ES Danke! Wie siehst du das?

 

JT Für mich war es immer wichtig, auf dem Weg so oft wie möglich das Wort Nein zu hören. Je mehr man sich als Schauspieler in diesem merkwürdigen Vakuum bewegt, wo alles möglich wird, wo sich einem sämtliche Türen öffnen, immer ein gedeckter Tisch bereit steht und so weiter, umso mehr kommt es darauf an, dass man auf Widerstände stößt, denn nur so kann man wachsen, künstlerisch und als Mensch. Natürlich gibt es in unserem Beruf auch Leute, die sich in dieser Scheinwelt eingerichtet haben und so ihr Leben leben. Das kann man machen. Oder aber man nimmt sein Leben selbst in die Hand, trifft eigene Entscheidungen, macht eigene Fehler, ob im Job oder privat. In jedem Fall denke ich, ist es nicht ratsam, sich als Schauspieler allzu sehr der Realität zu entziehen. Wer aufhört, mit wachen Augen durch den Alltag zu gehen, der läuft Gefahr, als Schauspieler zu stagnieren.

 

Rührt daher auch Ihre Abenteuerlust, sich in Projekte zu stürzen, über die Sie nicht viel mehr wissen als den Namen des Regisseurs? Als Cary Fukunaga mit der Idee zu Maniac an Sie herantrat, gab es noch kein Skript, und Sie haben trotzdem zugesagt.

ES Ich war schon immer ein Fan von Cary und wollte gern einmal mit ihm zusammenarbeiten. Die Idee klang spannend, also habe ich zugesagt. Kurz darauf kam Jonah dazu, mit dem ich befreundet bin, seit wir gemeinsam in Superbad vor der Kamera standen. Das war ein weiteres Plus. Und mit Patrick (Somerville, Anm.) als Autor ist aus dem Konzept etwas ganz Eigenes entstanden, dass sich frisch anfühlt – was will man mehr? Erst als feststand, dass Justin auch mitspielen wird, habe ich Zweifel bekommen. Aber da war es schon zu spät, der Vertrag war bereits unterschrieben.

JT Du stecktest fest.

ES Kann man so sagen. Es gab nichts, was ich tun konnte, also musste ich in den sauren Apfel beißen. (Lacht.)

 

Justin, Sie sind selbst Autor. Was macht Patricks Talent als Drehbuchschreiber für Sie aus?

JT Er ist unheimlich intelligent. Und ich hatte beim Lesen diese wunderbaren Momente, wo man denkt, jetzt weiß man, wohin die Geschichte geht, nur um auf der nächsten Seite vom Gegenteil überzeugt zu werden. Patrick ist erstaunlich gut darin, eine Linkskurve anzutäuschen und im nächsten Augenblick nach rechts auszuscheren. Außerdem malt er Szenen nicht nur großflächig, sondern mit so vielen kleinen Nuancen dazwischen, dass es eine wahre Freude ist, das Farbspiel und die vielen kleinen Schattierungen zu beobachten, die dabei entstehen. Das klingt jetzt vielleicht abstrakt, aber im Grunde geht es darum, dass er es versteht, die Zuschauer zu überraschen, nicht um der Sensation willen, sondern als Teil eines größeren Ganzen.

 

Emma, waren Sie überrascht, als Sie die Fantasy-Sequenz im Drehbuch entdeckten? Sie sind bekanntlich kein Fan von Elfen und Kobolden.

ES Nein, stimmt, das bin ich nicht. Es ist etwas Persönliches. Ich kann Elfen einfach nichts abgewinnen und hatte keine Ambitionen, jemals selbst eine zu spielen. Es passt einfach nicht zu mir, glaube ich.

JT Aber du spielst die Elfe hier ja in einem bestimmten Kontext. Das funktioniert doch?

ES Ja, aber dafür habe ich Patrick zu danken, weil ich ganz klar gesagt habe: „Keine Elfen!“ Daraufhin meinte er, „Okay, dann machen wir es anders,“ und deshalb versucht sie sich die Ohren abzuschneiden, was – relativ betrachtet – Sinn macht. (Lacht.) Aber das soll jetzt nicht heißen, dass ich Fantasy als Genre an sich nicht respektiere, ganz im Gegenteil. Nur finde ich, dass meine Stärken als Schauspielerin eben nicht unbedingt darin liegen, Elfen zu mimen.

 

Sie haben also kein Blut geleckt?

ES Nein, auf keinen Fall. Obwohl, man soll ja niemals nie sagen. Passen Sie auf, es wird keine zwei Jahre dauern, und ich schwebe in einem Fantasy-Epos über die Leinwand. (Lacht.)

 

Es gab schon lange keine Serie mehr, in der die Balance zwischen Absurdität und Ernsthaftigkeit so hervorragend funktioniert wie hier. Hatten Sie beim Drehen Bedenken, wie die konstante Veränderung der Tonlagen sich am Ende auf dem Bildschirm präsentieren würde?

ES Ja, aber genau da kamen Cary und Patrick ins Spiel. Weil die Szenen zum Teil so absurd waren, blieb uns im Grunde gar nichts anderes übrig, als den beiden und dem Material zu vertrauen. Ich habe bestimmt einmal in der Woche gedacht: Wenigstens sind wir mutig. Egal, ob die Serie ein Erfolg wird, oder nicht, was zählt, ist, dass wir versucht haben, etwas auf die Beine zu stellen, das clever und verrückt und ungewöhnlich ist.

 

Denken Sie, dass die Serie auf ihre eigene Weise mehr Aufmerksamkeit für psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft wecken kann?

JT Ich bin davon überzeugt, dass jede Geschichte, die das Thema auch nur annähernd streift, zur allgemeinen Diskussion beiträgt. Andererseits ist die Auseinandersetzung mit Geisteskrankheit nicht das Hauptanliegen der Show. Es ist ein Aspekt. Aber genauso gut geht es auch um Verlust und um Schmerz, ganz gleich ob dieser Schmerz durch seelische Qualen, Familie, Trauer oder einen persönlichen Rückschlag hervorgerufen wurde. Der entscheidende Punkt ist, dass letztendlich nicht die Behandlung, nicht die Pillen, eine Heilung ermöglichen, sondern worauf es ankommt, sind die Beziehungen, die sich zwischen den Probanden im Labor entwickeln, ohne dass das Labor darauf auch nur den geringsten Einfluss nehmen kann.

ES Ganz genau. Freundschaften sind wichtig. Was die Serie meines Erachtens gut schafft, ist, die Idee zu vermitteln, dass wir alle, jeder für sich, unseren eigenen Film fahren. Dass wir mit unseren eigenen Dämonen zu kämpfen haben und es völlig normal ist, sich nicht normal zu fühlen. Und dass es deshalb so wichtig ist, sich nicht zu verschließen, sondern wir wieder lernen müssen, uns anderen Menschen gegenüber zu öffnen. Ich glaube, in der heutigen Zeit ist es ein Riesenproblem, dass die Leute sich immer mehr in sich selbst zurückziehen, weil es so einfach geworden ist, den Schein von Beziehungen zu wahren, ohne tatsächlich mit Menschen in Kontakt zu treten. Dass muss sich wieder ändern. Wir müssen wieder aufeinander zugehen, unsere Hände ausstrecken und uns zusammenschließen. Nur so können wir gemeinsam einen Schritt in die richtige Richtung gehen.

 



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Text + Interview ~ Pamela Jahn

Maniac (Season 1, 10 Episoden)


USA 2018
Regie Cary Fukunaga
Drehbuch Patrick Somerville, Amelia Gray
Mit Emma Stone, Jonah Hill, Justin Theroux, Sally Field, Sonoya Mizuno, Julia Garner, Jemima Kirke

 

Ab 21. September auf Netflix

 



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