Ready Player One

In Steven Spielbergs neuem Film wird die virtuelle Realität zu einem Spiel ohne Grenzen.

 

Als ein junger Regisseur 1971 mit einem minimalistisch Thriller um einen Handelsreisenden, der ohne ersichtlichen Grund auf einer Fahrt über die endlosen Highways Amerikas von einem Lastwagen verfolgt wird, einen veritablen Überraschungserfolg verbuchen konnte, ahnte vermutlich kaum jemand, welche Karriere mit Duel – so der Titel des Films – eingeläutet wurde. Steven Spielberg wurde bekanntermaßen bald zu einer der zentralen Figuren New Hollywoods, mitverantwortlich sowohl für jenen gewaltigen kreativen Schub, den diese Bewegung dem US-amerikanischen Kino verlieh, als auch für die ökonomische Dominanz, die Hollywood wiedererlangen sollte. Knapp fünf Jahrzehnte später ist Spielbergs Status als einer der prägendsten Filmemacher des Weltkinos ebenso unstrittig wie der Einfluss, den er – ähnlich wie sein Kollege und Weggefährte George Lucas – mit seinen Filmen auf das popkulturelle Universum ausgeübt hat.

In diesem Sinn kann man Steven Spielbergs neue Regiearbeit als geradezu emblematisches Werk ansehen. Ready Player One basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Ernest Cline und zeichnet ein tristes Bild einer nicht allzu fernen Zukunft. Im Jahr 2045 ist der verantwortungslose Umgang mit den Ressourcen der Erde recht drastisch spürbar, der Planet ist für die Mehrzahl seiner Bewohner ein reichlich ungemütlicher Platz geworden. Trailerparks, immer schon ein sichtbares Zeichen sozialen Abstiegs, dominieren das Stadtbild, doch in diesem dystopischen Szenario haben sie ein geradezu gigantisches Ausmaß angenommen. Die Fahrzeuge sind quasi mehrstöckig übereinander geschraubt, eine beinahe groteske Form eines Wohnhauses. Ablenkung aus diesem tristen Dasein bietet nur ein hochkomplexes Virtual-Reality-Spiel, das der Phantasie keine Grenzen mehr setzt und in dem man mittels Avatar jede Gestalt annehmen kann. Viele Menschen driften immer mehr in diese virtuelle Welt ab und vergessen völlig ihr eigentliches Leben

Entwickelt wurde die hochkomplexe Software mit dem programmatischen Namen OASIS von James Donovan Halliday (Mark Rylance), einem genialen Nerd wie aus dem Buch. Seine Verschrobenheit zeigt sich auch nach seinem Tod, denn Halliday hat für die große Gamer-Community eine besondere Herausforderung hinterlassen. In den Weiten der virtuellen Welt verbirgt sich ein sogenanntes Easter Egg, dessen Finder die Kontrolle über OASIS winkt. Die Hinweise zur Auffindung sind mit Aufgaben verbunden, die jedoch so schwierig sind, dass auch fünf Jahre nach Hallidays Ableben kein Spieler dem Ziel auch nur einen Schritt näher gekommen ist.

Zu den zahllosen Spielern, die sich an der virtuellen Schnitzeljagd beteiligen, zählt auch ein junger Mann namens Wade Watts (Tye Sheridan), der sich so eingehend mit dem Leben und den Vorlieben Hallidays beschäftigt, dass er sich anschickt, dessen eingebaute Rätsel zu entschlüsseln. Doch ein Konzern, der Equipment wie etwa die Virtual-Reality-Brille für das Spiel liefert, setzt alles daran, um die Kontrolle über OASIS zu erlangen – inklusive handfester Aktionen in der realen Welt.

Steven Spielbergs ohnehin höchst vielfältiges Œuvre umfasst bereits einige Arbeiten, die im Genre Sci-Fi/Fantasy Geschichte geschrieben haben. Ready Player One hat durchaus das Potenzial, sich da einzureihen. Trotz des hohen Standards an CGI, den man aus vergleichbaren Großproduktionen zur Genüge zu kennen glaubt, ist die virtuelle Welt, die Spielbergs Inszenierung mittels computergenerierter Effekte kreiert, schlichtweg atemberaubend. Im Gegensatz zu so manchem schematisch konzipierten Superhelden-Epos ist dies kein sich selbst genügendes Überwältigungsspektakel, sondern Teil eines durchaus ausgefeilten Plots. So sehr Spielberg mit der virtuellen Realität – dramaturgisch und mittels Spezialeffekten – zu operieren versteht, so deutlich ist auch sein Unbehagen vor den Auswüchsen, den diese Technologie mit sich bringen kann. Bei aller Faszination, die die hochmoderne Technik zweifellos auf Spielberg ausübt, könnte man ihn angesichts von Ready Player One durchaus auch für einen Kulturpessimisten halten. Mittels eines dramaturgischen Kunstgriffs manifestiert sich eine Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, die inmitten des CGI-Feuerwerks geradezu nostalgische Züge aufweist.

Denn die virtuelle Welt, die der geniale Game-Designer Halliday geschaffen hat, steckt voller Verweise auf die Popkultur. Insbesondere die Aufgaben auf der Suche nach dem Easter Egg kann man nur mittels ausgeprägter Kenntnisse dieses modernen kulturellen Erbes lösen. Unter den Dutzenden von Verweisen finden sich etwa kanonisierte Figuren wie King Kong, die mörderische Puppe Chucky oder als besonders charmante Kombination ein würfelförmiges Tool, das im virtuellen Spielhilfreich ist und unter dem Begriff „Zemeckis’ Cube“ firmiert. In einer Schlüsselszene müssen sich die Protagonisten in OASIS durch ein Setting schlagen, das exakt dem Overlook-Hotel aus The Shining, Stanley Kubricks Verfilmung von Stephen Kings Erfolgsroman, gleicht. Mittels dieser Referenzen wird auch Steven Spielbergs Affinität für die popkulturellen Ausprägungen der achtziger Jahre recht offensichtlich.

Bei aller Souveränität, mit der Spielberg mit den neuen technischen Möglichkeiten, die das Filmemachen auch verändert haben, umzugehen weiß, verweist er mit Ready Player One aber auch auf seine Skepsis den Fehlentwicklungen der schönen neuen digitalen Welt gegenüber. Wie Steven Spielberg dies am Ende seines Films offenherzig formuliert, mag manch einer als ein wenig zu anrührend und idealistisch empfinden. Ein anderer, großer Regisseur aus längst vergangenen Hollywoodzeiten, der seine Wertvorstellungen mit noch deutlicherem Gestus offenzulegen pflegte, hat damit unter dem Begriff „capraesk“ sogar Eingang in den Sprachgebrauch gefunden.

 

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Ready Player One


Science Fiction, USA 2018
Regie Steven Spielberg
Drehbuch Zak Penn Ernest Cline basierend auf dem Roman von Ernest Cline
Kamera Janusz Kaminski
Schnitt Sarah Broshar, Michael Kahn
Musik Alan Silvestri
Production Design Adam Stockhausen Kasia Walicka-Maimone
Mit Tye Sheridan, Olivia Cooke, Mark Rylance, Ben Mendelsohn, Lena Waithe, Simon Pegg, Win Morisaki, T.J. Miller, Hannah John-Kamen
Verleih Warner Bros., 140 Minuten
Kinostart 6. April

 



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