ray | The Greatest Showman

The Greatest Showman

Ein weiterer Versuch, das klassische Hollywood-Musical neu zu erfinden.

 

Die Sache ist ganz einfach: Wer La La Land für ein geglücktes Leinwand-Muscial hielt, die/der wird wohl auch mit The Greatest Showman seine Freude haben: Laut ist es, bunt ist es, und vor allem smart ist es. Insofern unterscheidet sich das hiesige Drehbuch-Duo Jenny Bicks und Bill Condon nicht sehr von La La-Wunderwuzzzi Damien Chazelle. Alle drei wissen, wie Musical geht, weil sie es bestimmt ganz genau studiert und alle Klassiker messerscharf analysiert haben. Doch leider, man muss es sagen, haben sie alle das Wesentliche übersehen: Hollywoods beste Musicals, und das sind bekanntlich nicht wenige, haben etwas, was man, nun ja, als „Seele“ bezeichnen könnte oder als „Magie“ – das kann man behaupten, ohne deshalb altmodisch sein zu müssen. Das heißt, bei aller Virtuosität, bei aller schauspielerischen und tänzerischen Perfektion und bei all der geölten Maschinerie, die nun einmal dem Genre immanent sind, bieten diese Filme – wahlweise oder im besten Falle sogar kombiniert – zauberhafte Leichtigkeit, große Gefühle und/oder eine gesunde Portion Humor, Ingredienzien, die etwa The Greatest Showman über weite Strecken schmerzlich vermissen lässt.

Dabei, so sollte man meinen, hat die Geschichte alles, was so ein Musical braucht: Sie erzählt im großen Bogen die wesentlichen Stationen aus dem Leben des legendären US-amerikanischen Impresarios und (Über-)Lebenskünstlers P. T. Barnum (1810–1891), dem die Welt nicht mehr und nicht weniger als die Existenz von Vaudeville und Zirkus verdankt. Es gibt eine schöne Liebe (zwischen Hugh Jackman und Michelle Williams), eine schmerzliche Liebe (zwischen Jackman und Rebecca Ferguson, deren Lieder von Loren Allred gesungen werden und zu den Highlights des Films gehören) und eine handfeste Männerfreundschaft (zwischen Jackman und Zac Efron), zwei engelsgleiche Kinder und missgestaltete Zirkuswesen, die, anders als das damalige Publikum es wahrhaben wollte, keine Freaks und Außenseiter, sondern würdevolle und empfindsame Menschen sind. Es gibt jede Menge Höhe- und fast noch mehr Tiefpunkte in Barnums Leben, finanzielle Nöte, Anfeindungen und sogar eine Feuersbrunst, die ihn beinahe vernichtet. Viel Stoff also, wahrscheinlich sogar zu viel.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Alle Beteiligten, allen voran Ex-Wolverine Hugh Jackman, der, wie man weiß, tänzerisch ausgebildet wurde und auch ein guter Sänger ist, sind augenscheinlich mit Feuereifer bei der Sache, bemühen sich redlich, holen das Beste aus sich heraus – aber ach: Es will sich zu keinem runden Ganzen fügen. Alles ist bunt, wild, heftig, ständig in Bewegung, dauernd passiert etwas, es brennt, es geht um Leben und Tod, um die Liebe und um den Schmerz, und doch wirkt das alles irgendwie bloß pompös. Die Musik hat man – möglicherweise ein publikumsstrategisch geschickter Schachzug – erst gar nicht Musical-mäßig gestaltet, es klingt alles mehr nach Rap Battle aus dem 21. Jahrhundert (an den besseren Stellen) oder nach Eurovisons-Song Contest (an den weniger guten) oder wie ein etwas aufgepepptes La La Land – kein Wunder, sind doch die Songschreiber (Benj Pastek und Justin Paul) dieselben wie bei Chazelles Film. Aber bekanntlich liegt selbst im Bereich der runderneuerten Musical-Songs die Latte verdammt hoch, dafür hat Baz Luhrmann mit Moulin Rouge! (2001) gesorgt.

So bleiben am Ende – trotz vergleichsweise schlanker 105 Minuten – vor allem Ermattung und der dringende Wunsch, sich im Heimkino wieder einmal Singin’ in the Rain oder On the Town anzusehen.

 

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Drama/Musical, USA 2017


Regie Michael Gracey
Drehbuch Jenny Bicks, Bill Condon 
Kamera Seamus McGarvey 
Schnitt Joe Hutshing 
Production Design Nathan Crowley 
Musik John Debney, Benj Pasek, Justin Paul 
Production Design Nathan Crowley 
Kostüm Ellen Mirojnick
Mit Hugh Jackman, Zac Efron, Michelle Williams, Rebecca Ferguson, Zendaya, Paul Sparks, Keala Settle, Gayle Rankin
Verleih Twentieth Century Fox, 105 Minuten
Kinostart 1. Jänner

 



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