Wut und Wunder

Ein starker Jahrgang, eine faire Preisvergabe: Der Wettbewerb der 74. Filmfestspiele von Venedig kommt zu einem gelungenen Abschluss.

 

Es gibt also doch einen gerechten Kino-Gott. Zwar hätte sich die diesjährige Internationale Jury um Annette Benning schon äußerst schwer tun müssen, bei einem Wettbewerb, so passabel wie diesem, komplett danebenzugreifen. Aber dass der Goldene Löwe am Ende tatsächlich an Guillermo del Toros bezauberndes Fantasy-Märchen vergeben werden würde, kam für einige, nicht zuletzt den Regisseur selbst, dann doch etwas überraschend. Denn immerhin präsentierte sich heuer nicht nur Hollywood von seiner besten Seite, sondern es gab wie (fast) immer auch jede Menge feines Autoren-Kino zu sehen, unter dem man zweifelsohne den Gewinner hätte vermuten können.

The Shape of Water, so der Titel des preisgekrönten Meisterwerks, besticht vor allem durch eins: einen unbändigen Sinn fürs Staunen. Mit diesem ganz speziellen Gefühl für das Wundersame, in dem sich Schönheit, Charme und Horror auf spektakuläre Weise vereinen, hat sich del Toro in den letzten zwanzig Jahren einen festen Platz unter den größten der lebenden Kino-Poeten erarbeitet. Zuletzt konnte er mit dem eleganten Gruselmelodram Crimson Peak (2015) auftrumpfen, wobei sein neuester Streich eher an die fabelhafte Welt seines frühen Fantasy-Klassikers Pan’s Labyrinth (2008) erinnert. Erzählt wird diesmal die herzerwärmende Geschichte der stummen, wenn auch nicht tauben Putzfrau Elisa (Sally Hawkins), die in der Hochphase des Kalten Krieges in einem US-Militärforschungslabor gemeinsam mit ihrer schwarzen Kollegin Zelda (Octavia Spencer) die Gänge und Toiletten schrubbt. Zu Hause hat sie es sich dafür umso hübscher eingereicht in ihrer bescheidenen Welt: Das heruntergewirtschaftete Apartment, das sie bewohnt, liegt über einem alten Kino (wo sonst!); während ihr bester Freund Giles (Richard Jenkins), ein gescheiterter schwuler Grafiker, direkt nebenan lebt, um die Einsamkeit ihrer beider Seelen weniger offensichtlich erscheinen zu lassen. Die Dinge verkomplizieren sich jedoch, als Elisa eines Tages im Labor die Bekanntschaft mit einer zur Untersuchung eingelieferten Meereskreatur macht, die halb Fisch, halb Mensch ist und auf die junge Frau mindestens genauso verloren wirkt, wie sie selbst sich fühlt. Eine zarte Liebe entwickelt sich, die jedoch immer größeren Gefahren ausgesetzt ist, solange sich das Forschungsobjekt in den Händen des aggressiven Beamten Strickland (Michael Shannon) befindet, der seine Wut aufs Leben entlädt, indem er dem harmlosen Ungeheuer regelmäßig mit einem elektrischen Schlagstock zusetzt, ganz zu schweigen von dem russischen Spion, der als Wissenschaftler ins Labor eingeschleust wurde, um sämtliche Forschungsfortschritte der Amerikaner zu kontrollieren und gegebenenfalls zu eliminieren.

Die geradezu magische Außenseiter-Romanze, die der 52-jährige mexikanische Regisseur aus dieser, zugeben, zunächst nicht sonderlich originell klingenden Prämisse strickt, entpuppt sich im Laufe der Handlung jedoch als so vielschichtig und unberechenbar, dass man für zwei phantastische Kinostunden jegliches Gefühl für Raum und Zeit vergisst, solange man gewillt ist, sich ganz und gar der atemberaubenden Schwerelosigkeit der Bilder hinzugeben, mit der Del Toro stets seine Geschichten auf die Leinwand zaubert.

Auch der zweitwichtigste Preis des Festivals, der Große Preis der Jury, wurde an einen Film vergeben, der sich vor allem durch seine ungewöhnliche Ästhetik ins Gedächtnis brennt: Foxtrot des israelischen Regisseurs Samuel Maoz berichtet in präzisen, kunstvoll arrangierten Bildern von einer Familientragödie mit verstörendem Ausmaß. In drei unabhängig voneinander und doch in Beziehung miteinander stehenden Sequenzen wird vom Tod eines jungen Soldaten erzählt, der gemeinsam mit seinen Kameraden an einem abgelegenen Grenzstützpunkt dient, bis sich eines Tages unerwartet die banalen Ereignisse überschlagen. Dabei wechselt der Fokus und somit der Schauplatz des Geschehens jeweils von der stätischen Wohnung der Eltern zum Sohn in die Wüste und wieder zurück in die Zivilisation. Das Faszinierende dabei ist die kühne Disziplin, mit der Moaz seine eigenwillige Inszenierung umsetzt, und nur selten Gefahr läuft, zugunsten der perfekten Bildkomposition an emotionaler Dichte einzubüßen. Überhaupt scheint der mit Ende Vierzig recht spät zum Film gekommene Regisseur am besten zu arbeiten, wenn er sich selbst formale Grenzen auferlegt, wie bereits in seinem beeindruckenden Erstlingswerk Lebanon, für den er 2009 direkt mit dem Golden Löwen ausgezeichnet wurde. Moaz, der in seinen Geschichten nicht zuletzt aus eigenen Erfahrungen schöpft, erzählte darin aus der Perspektive eines Präzisionsschützen von den Kämpfen im ersten Libanon-Krieg Anfang der achtziger Jahre, wobei weder seine Protagonisten noch der Film selbst jemals das Innere des Panzers verlassen, von dem aus sie die kaputte Welt um sich herum zu verstehen versuchen.

Nach Antworten sucht auch Midred Hayes (Frances McDormand) in Martin McDonaghs exzellentem Drama Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, als sie sich in der heimischen Südstaaten-Kleinstadt mit den rassistischen Polizeibeamten anlegt, um den Mörder ihrer Tochter ausfindig zu machen. Weil die Herren Ordnungshüter ihrer Meinung nach den Fall längst ad acta gelegt haben, mietet sie in ihrer Trauer und Verzweiflung drei große Plakatwände am Ortseingang, um den verantwortlichen Sheriff Willoughby (Woody Harrelson) zu provozieren. Die darauf folgenden Ereignisse sind so reich an Witz, Wut und Wahn, dass der Preis für das beste Drehbuch eigentlich an niemand anderen als McDonagh vergeben werden konnte, auch wenn man sich fast gewünscht hätte, dass dem Film eine noch größere Auszeichnung zuteil geworden wäre. Denn nicht nur Drehbuch und Regie des Iren sind beinahe makellos, sondern auch das grandiose Ensemble, in dem neben der unübertrefflichen McDormand vor allem Sam Rockwell die ganze Bandbreite seines schauspielerischen Könnens zur Schau stellt.

Als bester Darsteller wurde am Ende Kamel El Basha geehrt. Er spielt in dem packenden Gerichtsdrama The Insult von Ziad Doueiri einen palästinensischen Bauarbeiter, dessen Streit mit einem Anwohner auf einer Baustelle in Beirut so eskaliert, dass das darauf folgende Verfahren die Stadt fast in einen Bürgerkrieg stürzt. Unter den Frauen dagegen konnte einmal mehr die große britische Schauspielerin Charlotte Rampling auftrumpfen, die in Hannah, dem Drama des italienischen Regisseurs Andrea Pallaoro, ein tragisches Schicksal durchlebt, als ihr Mann plötzlich verhaftet wird. Aber auch der mit dem Marcello Mastroianni Award für den besten jungen Darsteller ausgezeichnete Charlie Plummer, der sich in Andrew Haighs Lean On Pete neben Steve Buscemi und Chloë Sevigny behauptet, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Ob das einfühlsame Country-Epos um einen aufgewühlten Heranwachsenden es am Ende in die österreichischen Kinos schafft, ist fraglich, aber verdient hätte es der Film allein schon wegen des vielversprechenden Schauspielertalents allemal.

Ein ähnliches Schicksal dürfte auch jenem beeindruckenden Film widerfahren, der in diesem Jahr mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde: Sweet Country des Australiers Warwick Thornton (Samson & Delilah), der bildgewaltig, ergreifend und mit jeder Menge Wut im Bauch von der Gewalt und dem Rassismus weißer Siedler gegenüber den Aborigines zu Beginn des 21. Jahrhunderts erzählt. Auch Thornton hätte durchaus Chancen auf einen noch größeren Preis gehabt, hätte die Jury nicht ausgerechnet dem Franzosen Xavier Legrand zwei Auszeichnungen beschert. Der junge Spielfilmdebütant erhielt  für sein Scheidungsdrama Custody (Jusqu'à la garde) nicht nur den Silbernen Löwen als Preis für die beste Regie, sondern wurde obendrein gleich noch mit dem "Löwen der Zukunft" für den besten Erstlingsfilm geehrt – vielleicht die unverständlichste Juryentscheidung in einem Jahrgang, der so viel mehr an künstlerischer Meisterschaft und Originalität zu bieten hatte, als Legrands genau beobachtete Charakterstudie aufzuzeigen im Stande war.

Zwar hatte nun keiner damit gerechnet, dass stattdessen etwa George Clooneys überpoliertes Vorort-Drama Suburbicon oder Darren Aronofskys durchgeknalltes Domestic-Horror-Drama mother! bei der Preisvergabe absahnen würden, aber einer, der in diesem Wettbewerb zweifelsohne mehr Beachtung verdient hätte, ist Paul Schrader. Denn der hat sich mit seinem formal wie inhaltlich bestürzenden Drama First Reformed nach Jahren (wenn nicht Jahrzehnten) mittelmäßiger Kinokunst jetzt noch einmal ganz neu erfunden, auch wenn es nicht von ungefähr erscheint, dass seine zutiefst selbstgequälte Hauptfigur (famos gespielt von Ethan Hawke) in ihrem Wesen ähnlich geisterhaft wirkt wie einst Robert De Niros Travis Bickle in Taxi Driver.

Nichtsdestotrotz kann man sich über diesen 74. Wettbewerb und die vergebenen Löwen nun wirklich nicht beschweren, sondern nur hoffen, dass es im nächsten Jahr auf ähnlich hohem Niveau weitergeht. Bis dahin hält man es am besten mit del Toro, der seine Dankesrede zu Tränen gerührt mit folgenden Worten beendete: "I believe in life, I believe in love, I believe in cinema. Thank you." Was will man mehr!

 



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