Zeit und Sound

Lucrecia Martel im Gespräch über ihren neuen Film "Zama", den weiblichen Blick und das Kreuz mit dem Humor.

 

 

Was hat Sie so sehr fasziniert an der Romanvorlage von Antonio di Benedetto, dass Sie das Buch unbedingt für die Leinwand adoptieren wollten?

Das Buch „Zama“ ist ein Meisterwerk und im spanischen Original ist es in einer ganz speziellen Art und Weise geschrieben. Das hat mich von vornherein gefesselt. Aber mehr noch: Als ich das Buch zum ersten Mal las, befand ich mich gerade auf einem Schiff. Man könnte sagen, ich war dabei wegzurennen und vor meinen eigenen Fehlern zu fliehen. Ich befand mich in einer Situation, die von den Umständen, in denen sich die Hauptfigur im Buch befindet, nicht allzu weit entfernt war. Konkret die Idee, selbst ein Bild von sich zu haben, und in diesem Bild gefangen zu sein. Das war’s, was mich bei der ersten Lektüre gepackt und danach nicht mehr losgelassen hat.

 

Ihre bisherigen Filme sind alle in der Gegenwart angesiedelt, „Zama“ ist ihr erster Historienfilm. War das eine Herausforderung für Sie oder eine ganz bewusste Wahl?

Um ehrlich zu sein, es hat unheimlichen Spaß gemacht. Bevor ich Zama drehte, arbeitete ich an einem Science-Fiction-Film, zu dem es dann nie kam. Aber das hat mich bereits dazu angeregt, über Zeit nachzudenken, insbesondere darüber, wie sich Zukunft im Film darstellen lässt. Und mir wurde bewusst, dass man, wenn es um die Zukunft geht, mit viel mehr Freiheit an die Sache herangeht. Im Gegensatz dazu ist das Nachdenken über die Vergangenheit immer schnell mit Konventionen behaftet. Deshalb war hinsichtlich der Arbeit an diesem Film einer der Schlüsselpunkte für mich, mit genau derselben Ungebundenheit an die Darstellung der Vergangenheit zu gehen, wie wir es tun würden, wenn es um die Zukunft ginge. Und genau darum hat es uns auch so viel Freude bereitet. Allerdings steckt in gewisser Weise auch eine politische Bedeutung dahinter. Die Handlung spielt zu einer Zeit, die das Ende des Kolonialismus in Lateinamerika und damit das Erreichen der Unabhängigkeit für die einzelnen Länder einläutete. Warum sollten wir diese Tatsache, diese Idee von einer neu gewonnen Freiheit, also nicht auch auf bei der Umsetzung des Films mit einbeziehen?

 

Was einem als Zuschauer unmittelbar auffällt, ist die spezielle Geräuschkulisse des Films. Der Ton verrät uns in gewisser Weise, dass das, was wir sehen, vielleicht nicht unbedingt die Realität ist.

Richtig. Es ging mir darum, genau diese Illusion zu erzeugen, das Gefühl, dass das, was man sieht, vielleicht nur in der Vorstellung der Figur existiert. Dafür war der Ton ausschlaggebend.

 

Was ist denn aus dem Science-Fiction-Film geworden, an dem Sie gearbeitet haben?

Es gibt ein Drehbuch, das ich geschrieben habe. Aber letztendlich konnten wir uns nicht mit den Produzenten einigen und bis jetzt haben sie mich noch nicht einmal für das Skript bezahlt. Es hieß, sie werden es nicht umsetzen und damit ist der Fall für sie erledigt. Manchmal ist es mühsam.

 

In gewisser Hinsicht könnte man das auch über Ihren vorliegenden Film sagen, wenn man bedenkt, wie viel darin im Hintergrund passiert, von dem man nur die Hälfte mitbekommt, während man darauf konzentriert ist, den Figuren zu folgen, die im Vordergrund agieren.

Genau darum geht es ja, dass nämlich jede Szene so viele verschiedene Ebenen hat, dass man sie gar nicht alle auf einmal erfassen kann.

 

Was genau steckt hinter dieser Art von Szenen-Komposition?

Im Grunde entwickelt sich die Struktur meiner Filme immer ausgehend vom Sound. Dieser Ansatz ist prinzipiell ein anderer, als wenn man Zeit visuell versteht, das heißt, wenn man beispielsweise in die Zukunft sieht oder in die Vergangenheit zurückschaut. Dabei wird Zeit bildlich repräsentiert. Wenn man Zeit jedoch von der Ton-Ebene her denkt, bekommt das Ganze eine erweiterte Dimension. Es ist eine komplett andere Herangehensweise. Zeit wird zum Volumen. Und dadurch habe ich letztlich mehr Möglichkeiten bei der Umsetzung. Bei dieser Art von Filmen, wo die Regisseure nicht vordergründig auf einen gradlinigen Plot und eine klare Handlungsstruktur setzen, muss die Spannung anders erzeugt werden. Und ein solcher Ansatz verlangt grundsätzlich andere Mechanismen.

 

Nicht nur Sound, sondern auch Stille kann Spannung erzeugen.

Das kann sie, sehr gut sogar. Aber wenn man sagt, eine Szene ist still, was heißt das genau? Heißt es, dass nichts passiert? Oder füllt das Unterbewusstsein angesichts der vermeintlichen Stille die Szene stattdessen vielleicht auf andere, intuitive Weise? Wenn ich sage, dass mich in erster Linie der Sound eines Films interessiert, dann meine ich damit, dass dieser Teil des Prozesses für mich noch vor dem Schreiben kommt, also noch vor dem Drehbuch.

 

Das ist eine sehr sinnliche Herangehensweise ans Filmemachen wie auch an das Filme schauen. Erklärt das auch den langen Arbeitsprozess, der Ihren Filmen zugrunde liegt?

Was mich am Filmemachen reizt sind der Prozess und das Ergebnis. Der Prozess wahrscheinlich sogar noch mehr als das Endprodukt. Das Entstehen. Deshalb halte ich so lange wie möglich daran fest. Ich denke gerne über die Filme nach, an denen ich arbeite. Das braucht Zeit.

 

„Zama“ ist nicht nur ein Film über Kolonialismus, sondern auch über das Patriarchat.

Sie haben also eine ganze Menge verstanden.

 

Macht es Ihnen etwas aus, wenn andere Zuschauern mit weniger nach Hause gehen?

Wenn wir alles für alle machen, machen wir nichts für niemanden.

 

In Ihren Filmen stand bisher immer eine Frau im Zentrum des Geschehens, diesmal ist es ein Mann. Könnte man dennoch sagen, dass auch „Zama“ eine weibliche Perspektive innewohnt?

Die Menschheit ist in Männer, Frauen und eine große Vielfalt dazwischen geteilt. Und die jeweilige Identifikation der Figuren innerhalb und außerhalb von Machtstrukturen ist ein entscheidender Aspekt in meiner Arbeit. Das wird auch in Zama deutlich. Dabei ist die Konstruktion von Macht in meinen Augen grundsätzlich eine destruktive Entwicklung für die Gesellschaft, egal aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet. Aber es stimmt schon, in den ersten 90 Minuten lernen wir einen Protagonisten kennen, der sich mit all diesen „typisch männlichen“ Problemen herumschlägt, wie mit der Gewissheit, dass er es im Leben nicht wirklich zu etwas gebracht hat. Am Ende ist die Perspektive dann vielleicht eher eine weibliche, allein weil Frauen viel eher daran gewöhnt sind, mit Niederlagen umzugehen. Das ist meiner Ansicht nach etwas, was Männer von Frauen durchaus lernen können.

 

Gibt es noch eine andere Verbindung zwischen „Zama“ und Ihren früheren Filmen?

Die freie Natur. Die Außenwelt fasziniert mich seit eh und je und bringt mich bis heute dazu, permanent alles um mich herum zu hinterfragen. Vor allem die Wüste hat es mir angetan, weil man dort mit dem Universum in Berührung kommt, in der Nacht, wenn die Dunkelheit einen klaren Blick ermöglicht. Dann steht man da, ganz allein und ohne alles, ohne all die Dinge und Erfindungen, mit denen wir die enorme Absurdität unserer Existenz im Laufe der Zeit zu verschleiern verstanden haben. Die Natur ist für mich etwas ganz Wunderbares und in meinen Filmen versuche ich stets einen Teil davon zu vermitteln.

 

Darüber hinaus zeugen Ihre Filme von einem feinen Humor, über den viel zu selten gesprochen wird.

Danke. Ich hoffe sehr, dass mit den Jahren der Humor in meinen Filmen vielleicht besser verstanden wird. Bisher tut man sich eher schwer damit. Dabei steckt im Grunde so viel Humor darin, dass meine Filme für mich durchaus als Komödien durchgehen. Aber es hilft alles nichts. Am Ende lande ich immer wieder in der Ecke mit den ernsthaften Filmen. Da kann man nichts machen.

 



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Interview ~ Pamela Jahn

Zama

Kinostart 6. Juli
Fiebrig flirrender Blick auf die Tragödie der Kolonialisierung Lateinamerikas

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