Die „Stimme Griechenlands“ ist verstummt

Der Filmkünstler Theo Angelopoulos ist 76-jährig verstorben.

 

Der griechische Filmemacher, den Kritiker auch „Dichter des Weltkinos“ nannten, kam am 24. Jänner während der Dreharbeiten zu seinem neuen Film Das andere Meer auf tragische Weise ums Leben – Angelopoulos wollte eine Straße überqueren und wurde dabei von einem Motorrad erfasst. Das andere Meer sollte die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf Griechenland beleuchten; dass nun völlig unerwartet der bedeutendste Filmemacher des Landes starb, ist für das ohnehin schwer gebeutelte Griechenland zweifellos auch eine kulturelle Tragödie.

Angelopoulos’ Werke waren episch und elegisch angelegt, lange, durchkomponierte Einstellungen ohne Schnitt dominierten. Seinen ersten Kurzfilm drehte er, der die Filme der Nouvelle Vague zu seinen Vorbildern zählte, 1968, seit den Siebziger Jahren fand das vielfach preisgekrönte Werk des Regisseurs zunehmend weltweite Anerkennung. Der internationale Durchbruch gelang dem Filmemacher, der eigentlich Jura studiert hatte, mit Die Wanderschauspieler (1975), der die Erlebnisse einer Schauspieltruppe vor dem Hintergrund der griechischen Geschichte über vier Jahrzehnte schilderte. Künstlerische Triumphe wie dieser führten dazu, dass der Grieche schnell größere Budgets erhielt und auch internationale Stars vor die Kamera holen konnte.

So schrieb Angelopoulos, dessen stets melancholisch gefärbte Filme man dem poetischen Realismus zuordnen kann, mit dem Film Der Bienenzüchter (1986) dem großen Marcello Mastroiani eine seiner schönsten und tragischsten Rollen auf den Leib; in Der Blick des Odysseus (1995), der Angelopoulos den großen Preis der Jury in Cannes brachte, schickte er Harvey Keitel als Filmemacher auf eine Reise über den vom Krieg gezeichneten Balkan. Berüchtigt seine Dankesrede: „Wenn das alles ist, was Sie für mich haben, dann habe ich nichts zu sagen.“ Die Goldene Palme, die er sich eigentlich für Odysseus erhofft hatte, bekam der dann 1998 für Die Ewigkeit und ein Tag, in dem Bruno Ganz einen unheilbar kranken Poeten spielt.

Weitere Preise auf großen Festivals gewann Angelopoulos mit Der Große Alexander (1980, Goldener Löwe in Venedig) und Landschaft im Nebel (1988, Silberner Löwe in Venedig). Angelopoulos verstand es meisterhaft, in seinen Filmen politische und soziale Fragen mit den Schicksalen seiner Hauptfiguren, die meist künstlerische Berufe hatten und denen so gut wie nie ein Happy End vergönnt war, zu verbinden. Seine Filme waren die Antithese zu den schnellen Schnitten, die heute im Kino dominieren – wer sich auf das langsam-meditative Tempo und den melancholischen Grundton einließ, wurde mit großen Kunsterlebnissen belohnt. Angelopoulos’ Tod ist ein Verlust für das Weltkino.



Kein Kommentar vorhanden.


Tags


Social Bookmarks